12.08.2005 · Seit 60 Tagen kämpft Akbar Gandschi mit einem Hungerstreik für die Trennung von Religion und Staat. Nun wurde der iranische Dissident auf die Intensivstation verlegt. Die Vorgeschichte seiner Inhaftierung beginnt in Deutschland.
Von Ahmad TaheriDie Freunde des weltweit bekannten iranischen Dissidenten Akbar Gandschi atmeten auf: Am Dienstag, dem 9. August, hatte der Sprecher der iranischen Justiz, Dschamal Karimirad, in einer Pressekonferenz verkündet, Gandschi habe mit seinem Hungerstreik aufgehört, und es gehe ihm im Krankenhaus viel besser.
Doch die Freude war von kurzer Dauer. Denn einen Tag später widersprach Masuma Schafii, Gandschis Frau, der Nachricht der Justiz. Nach ihrer Information habe ihr Mann seinen Hungerstreik nicht abgebrochen, und sein Zustand habe sich weiter verschlechtert. Mittlerweile sei er auf die Intensivstation verlegt worden.
27 Kilo abgenommen
Dann erzählte Frau Schafii unter Tränen, daß einen Tag zuvor zwölf Justizbeamte, zehn Männer und zwei Frauen, mit Gewalt in ihr Haus eingedrungen seien und Papiere, Bücher und private Dokumente mitgenommen hätten. Dabei habe man sie vor den Augen ihrer zwei Kinder gestoßen und geschlagen. Seit zehn Tagen lassen die Polizisten, die das Krankenhaus Milad, wo Gandschi seit dem 17. Juli liegt, hermetisch abgeriegelt haben, Masuma Schafii ihren Mann nicht mehr besuchen.
„Seine Gesichtsfarbe war gelb, sein Hals voller Falten. Als er mich zur Tür begleiten wollte, fiel er in Ohnmacht“, berichtete sie von ihrem letzten Besuch. Seit mehr als 60 Tagen befindet sich Gandschi nun im Hungerstreik. Er will seine bedingungslose Freilassung erzwingen. Ein Gnadengesuch zu stellen lehnt er kategorisch ab, ebenso den Widerruf seiner Schriften und Reden. Die Bilder, die im Internet zu sehen sind, zeigen, daß der einst kräftige Mann nur noch ein Bündel Haut und Knochen ist. Er hat, wie seine Frau berichtet, 27 Kilo abgenommen.
10 Jahre Gefängnis und Verbannung
Im Mai begann der 48 Jahre alte Oppositionelle mit seinem Hungerstreik im berüchtigten Gefängnis Evin. Nach Protesten im In- und Ausland bekam er „zwecks ärztlicher Behandlung“ für eine Woche einen Gefängnisurlaub. In die Zelle zurückgekehrt, verweigerte er weiter die Nahrungsaufnahme. „Er ißt heimlich Süßigkeiten“, behauptete der Staatsanwalt Said Mortazawi. Nach dreißig Tagen verlegte man Gandschi in das Teheraner Krankenhaus Milad. Seitdem liegt er dort als einziger Patient im zwölften Stock. Mit der Verlegung des prominenten Gefangenen ins Krankenhaus wollte die iranische Justiz verhindern, daß Gandschi während der Präsidentenwahl stirbt.
Der Leidensweg von Akbar Gandschi begann vor mehr als fünf Jahren. Im April 2000 nahmen ein Dutzend iranische Intellektuelle und Reformpolitiker an einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin teil. Nach ihrer Rückkehr nach Iran wurden die meisten Teilnehmer verhaftet. Gandschi bekam zehn Jahre Gefängnis mit anschließender Verbannung. Er habe dem Ansehen des Islam und der Islamischen Republik geschadet, lautete das Urteil. In einem weiteren Verfahren wurde seine Strafe auf sechs Jahre reduziert. Die spätere Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi war seine Anwältin, ein Mandat, das sie bis heute ausübt. Während die anderen Teilnehmer der Berliner Konferenz nach und nach freikamen, blieb Gandschi als einziger in Haft.
Wegen allzu offener Kritik verboten
Im Gefängnis Evin wurde er die meiste Zeit in einer Einzelzelle eingesperrt. Vergünstigungen, die selbst kriminellen Insassen gewährt werden, wurden ihm versagt. In den Augen der Justiz, eine Domäne der radikalen Islamisten, ist Gandschi ein Abtrünniger, ein „Verräter“ an der Sache des schiitischen Gottesstaates. Denn Gandschi war einst ein islamischer Revolutionär, ein glühender Anhänger des Imam Chomeini. „Für uns war der Imam etwas Göttliches, in dem man sich aufgelöst hatte“, sagte er in einem Gespräch 1998. Gandschi wurde Leibwächter des Revolutionsführers. Später ging er zu den Pasdaran, den Revolutionswächtern. Ob er auch damals für den Geheimdienst in der Türkei gearbeitet hat, ist umstritten.
Als die Sturm-und-Drang-Jahre der Revolution vorüber waren, begann Gandschi mit dem Studium der Soziologie in Teheran. Mit der Verbissenheit eines ehemaligen Zeloten arbeitete er sich in das Gedankengut des Abendlandes ein. Im Lichte der westlichen Aufklärung, aber auch aufgrund der eigenen Erfahrungen erkannte er den schiitischen Gottesstaat und seine Heilsversprechen für das Diesseits und Jenseits als Schimäre. Er sah, wie die Mächtigen die Religion als Büttel der politischen Macht mißbrauchten. Mitte der neunziger Jahre schloß er sich einer Gruppe von islamischen Intellektuellen an, die in der Zeitschrift „Kian“ einer neuen Lesart des Islam das Wort redeten. Nach der Wahl von Mohammad Chatami zum Staatspräsidenten gründete Gandschi das Wochenmagazin „Rah-e No“, der „Neue Weg“, das aber bald wegen allzu offener Kritik an den Herrschenden verboten wurde.
„Der sichere Weg zum Faschismus“
Aufsehen erregten Anfang des Jahres 1999 zwei seiner Bücher. In „Die Dunkelkammer der Gespenster“ enthüllte er die Hintergründe der Serienmorde an iranischen Intellektuellen im Jahr 1997. Damals waren innerhalb weniger Tage fünf Dissidenten von „gewissen Kreisen“ des iranischen Geheimdienstes ermordet worden. In seinem zweiten Buch mit dem Titel „Eminenz in Purpur“, einer Anspielung auf Kardinal Richelieu, ging er mit Ali Akbar Rafsandschani ins Gericht. Das Buch wurde ein Bestseller. Rafsandschani, der zweitmächtigste Mann im Staate, erlitt bei der Wahl zum 6. Parlament eine beschämende Niederlage.
Die Justiz hoffte offenbar, daß Gandschi im Gefängnis früher oder später körperlich oder seelisch zusammenbrechen würde. Doch der Mann, der als Energiebündel bekannt ist, war nicht zu brechen. Er schrieb sogar in seiner Zelle ein Traktat mit dem Titel „Das republikanische Manifest“, in dem er alle Reformen im Rahmen der bestehenden Verfassung ablehnt. Die einzige Lösung sei die strikte Trennung von Religion und Staat. Auch im Krankenhaus schrieb Gandschi weiter. Kürzlich sorgte ein Brief an den Philosophen Abdulkarim Sorusch, den Gandschi als seinen Mentor verehrt, für Aufsehen: In seinem Schreiben fordert der Gefangene, der einst ein Chomeinist war, die Absetzung des Revolutionsführers Ali Chamenei: „Ein totalitäres Regime bedeutet Angst und Schrecken. Wo die Zivilgesellschaft gänzlich unterdrückt wird, maßt sich der Führer eine ähnliche Allmacht wie die Gottes an. Das ist der sichere Weg zum Faschismus.“