02.10.2006 · Gedankenfreiheit? Fehlanzeige. In Iran werden kritische Stimmen zum Schweigen gebracht. Immer öfter werden Medien gleichgeschaltet und liberale Professoren aus den Universitäten verbannt. Die neue Kulturrevolution ist in vollem Gange.
Von Ahmad TaheriIm „Club diplomatique“ im Norden Teherans, einer privaten Einrichtung, sind mehr als 300 Gäste zusammengekommen. Die meisten sind aus dem Lager der Reformer: ehemalige Minister, einstige Abgeordnete, Parteiführer, Professoren und Journalisten. Anwesend sind auch säkulare Autoren und Künstler. Die renommierte Zeitung „Sharq“, auf deutsch „Der Osten“, feiert ihr dreijähriges Bestehen.
Niemand ahnt an diesem fröhlichen Abend, daß die Zeitung eine Woche später verboten sein wird. „Wir sind gekommen, um zu bleiben“, schrieb Chefredakteur Mohammad Qudschani vor zwei Jahren. Als einzige nichtstaatliche Tageszeitung hatte „Sharq“ eine Auflage von 130.000 Exemplaren, das ist für iranische Verhältnisse eine beeindruckende Zahl.
Ahmadineschad, der beleuchtete Esel
Durch umsichtige Berichterstattung, die bisweilen an Selbstzensur grenzte, konnte „Sharq“ drei Jahre lang alle Wechselfälle der iranischen Politik überstehen. Doch alle Vorsichtsmaßnahmen halfen nicht. Anfang September wurde das renommierte Blatt verboten, etwa 300 Mitarbeiter wurden arbeitslos. Die Kommission zur Kontrolle der Presse, eine Troika, die sich aus Vertretern der drei Gewalten zusammensetzt, hatte das Verdikt gesprochen: Bis auf weiteres darf die Zeitung nicht erscheinen. Der Vorwand lautete, die Zeitung habe hohe staatliche Amtsträger beleidigt.
Stein des Anstoßes war eine Karikatur: Auf einem Schachbrett stehen als einzige Figuren ein Pferd und ein Esel. Der letztere ist von einem Lichtstrahl umgeben. „Ich verstehe gar nicht“, sagt der Satiriker Ebrahim Nabawi, der früher für Reformzeitungen in Iran arbeitete und heute in London lebt, „warum sich die iranische Staatsführung beleidigt fühlt, wenn irgendwo in Iran eine Karikatur mit einem Esel erscheint.“ Schließlich sei die heutige Welt voll von Eseln.
Politischer Machtkampf um „Sharq“
Indes wußten die Zeitungsleser, wer mit dem beleuchteten Esel gemeint ist: Staatspräsident Mahmud Ahmadineschad hatte nämlich vor einem Jahr nach seinem Auftritt bei den Vereinten Nationen vor einem Ajatollah in Ghom behauptet, während seiner Rede sei er von einem Licht umgeben gewesen, „so daß die Vertreter aller Nationen nicht ein einziges Mal mit der Wimper zuckten“. Von dem erleuchteten Esel bekam das einfache Volk allerdings kaum etwas mit, denn die armen Leute geben kein Geld für Zeitungen aus. An der Karikatur ergötzt haben sich hingegen die Reichen im Norden Teherans und der gebildete Mittelstand.
Bei dem Verbot spielt auch ein politischer Machtkampf eine Rolle. Denn hinter „Sharq“ steht, so vermutet man, kein Geringerer als der einstige Staatspräsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani. Der steinreiche Politiker soll für die finanzielle Ausstattung der Zeitung gesorgt haben. Der Verbindungsmann von Rafsandschani zu „Sharq“ war sein Vertrauter Mohammad Atrianfar, früher Mitglied des Staatsrates und einer der Gründer der Partei der „Diener des Staates“. Atrianfar bestimmte die politische Richtung der Zeitung mit. Da zwischen Rafsandschani und Ahmadineschad ein unausgesprochener Krieg tobt, bekam der Staatschef, wenn sich Gelegenheit bot, von der Zeitung kräftige Seitenhiebe. Als Ahmadineschad den Holocaust als ein „Märchen“ bezeichnete, veröffentlichte „Sharq“ einen Beitrag über die Ermordung von Millionen Juden während der Naziherrschaft.
Angriff auf die Medien
Die Gleichschaltung der Presse geht weiter. Drei Zeitschriften, „Hafes“, „Name“ und „Khatere“, wurden kürzlich ebenfalls verboten. Herausgegeben wurden die drei Magazine von säkularen Autoren. Warum? Über das Verbot von „Name“ weiß man etwas Genaueres. Der Anlaß war ein Gedicht von der Grande Dame der persischen Lyrik, Simin Babahani. Das Gedicht mit dem Titel „Bahar“ - „Der Frühling“ - handelt vom Irak-Iran-Krieg und stammt aus dem Frühjahr 1986. Damals führten Ajatollah Chomeini und Saddam Hussein einen erbitterten Kampf gegeneinander. „Zwei Verrückte haben zwei Reiche in Schutt und Asche verwandelt“, schrieb die beherzte Dichterin. Die Verse waren in den achtziger Jahren mit dem Segen des Ministeriums für Kultur und islamische Erziehung schon einmal veröffentlicht worden, ihr Nachdruck war also legal. „Man hat damals unter ,zwei Verrückte' die Russen und die Amerikaner verstanden“, rechtfertigte sich das Ministerium.
Der neue Angriff auf die Medien beschränkt sich freilich nicht auf die Presse. Kritische Internetzeitungen werden gefiltert. Polizisten besteigen die Dächer und entfernen die Satellitenschüsseln, mit denen die Iraner ausländische Sender empfangen. Allerdings finden die Bürger ständig neue Wege, die Parabolantennen wieder zu installieren - meist hinter Wäscheleinen verborgen.
Heideggerianer gegen Popperianer
Auch anderswo schreitet die Gleichschaltung voran. Eine neue Kulturrevolution ist am Werk, wie nach der Revolution 1979. Ein Geistlicher wurde zum Rektor der Teheraner Universität ernannt. Siebzig Studenten, die als Anhänger der Reformer verdächtigt wurden, wurden nicht mehr immatrikuliert. „Erhebt eure Stimme, ruft lauthals die Regierung an, wenn liberale und säkulare Professoren eure islamische Gesinnung zu untergraben versuchen“, forderte Ahmadineschad in einer Versammlung von regimetreuen Studenten. Die Entlassung der säkularen und liberalen Hochschullehrer aus den geisteswissenschaftlichen Fakultäten ist inzwischen voll im Gange. Betroffen ist als erster der philosophische Fachbereich. „Die Heideggerianer schmeißen die Popperianer aus der Uni“, sagt ein junger Student und lacht. Er selbst schwärmt von Wittgenstein.
Was haben Heidegger und Popper mit dem schiitischen Gottesstaat zu tun? Die Verbindung kommt auf verschlungenem Wege und hängt mit zwei Namene zusammen: Ahmad Fardid und Abdulkarim Sorusch. Fardid war unter dem Schah-Regime Professor an der philosophischen Fakultät. Der Lebemann bezeichnete sich als „geistigen Bruder“ und „Kameraden“ von Martin Heidegger. In seinen Vorlesungen faszinierte der wortgewandte Professor, der zwar Französisch, aber kein Deutsch sprach, die Studenten mit einer selbsterfundenen Terminologie. Er übersetzte auf eigentümliche Weise die Heideggerschen Begriffe, wie „Sein“, „Seiendes“, „Dasein“ oder „Geworfensein“. Niemand verstand ihn, aber gerade deshalb hielt man die emphatische Rede des Professors, der sein ganzes Leben kein einziges Wort zu Papier gebracht hatte, für die höchste Weisheit.
„Die Wahrheit des Seins“
Eins aber verstanden die Studenten: Die griechische Metaphysik habe den Osten überflügelt, woraus eine Art „Westomanie“ entstanden sei, ein Begriff, der später zu einer ideologischen Stütze der islamischen Revolution wurde. Wie Heidegger betrachtete Fardid die Dichtung als „Haus des Seins“ und entnahm sein terminologisches Kauderwelsch aus den persischen Ghaselen von Hafez. Nach der islamischen Revolution machte Fardid, ganz wie sein deutscher Geisteskamerad, eine Kehre. Sein großer Traum war nun, vor den Revolutionsführer Ajatollah Chomeini vorgelassen zu werden. Doch der Imam wußte über den opportunistischen Wirrkopf Bescheid. Fardid teilt die Geschichte in fünf Perioden: vorgestern, gestern, heute, morgen und übermorgen. Das „Übermorgen“ ist die eschatologische Endzeit der Geschichte, das Erscheinen des verborgenen Imams als „Wahrheit des Seins“.
Einige iranische Intellektuelle sind dem 1986 verstorbenen Philosophen bis heute treu geblieben, haben es damit zu Amt und Würden gebracht, wie etwa Reza Dawari, der Vorsitzende der Akademie der Wissenschaften. Sein Gegenspieler ist Abdulkarim Sorusch. Einst Anhänger der islamischen Revolution, wurde er ein Kritiker des Gottesstaates. Der Philosoph, der der Vernunft das Wort redet, ist ein Anhänger von Karl Popper. Zur Zeit Chatamis hatten die Popperianer in der akademischen Welt das Sagen. Mit Ahmadineschad hat die Stunde der Heideggerianer geschlagen. Die Worte von Fardid, es gebe zwei Arten von Philosophen, die „Juden“ und die „Nichtjuden“, macht die Runde. Die schiitische Existentialphilosophie von Fardid zerstört die akademische Existenz vieler Philosophen. Verhungern werden sie jedoch nicht. Sie bekommen eine Pension und - eine Abfindung.