07.04.2006 · Mahmud Ahmadineschad liebt das Bad in der Menge. Auch im Fußballstadion sucht er die Nähe zum Volk. Irans Präsident versteht es, mit den Gefühlen der Massen zu spielen. Kompetenz wird so zur Nebensache.
Von Rainer Hermann, TeheranMahmud Ahmadineschad liebt das Bad in der Menge und den Fußball. In Iran ist der Politiker mit dem offenen Khakihemd und dem Fünftagebart häufig im Stadion. Dort stören ihn auch nicht die unislamisch kurzen Hosen, in denen die Fußballhelden der Nation spielen. Wie die meisten Iraner ist auch Ahmadineschad ein Fußballfanatiker, und seine Popularität verdankt er ausschließlich seiner Nähe zum Volk - auch zum Fußballvolk. Nichts läge daher näher, als daß er am 11. Juni nach Nürnberg reiste, um dabeizusein, wenn Iran gegen Mexiko antritt.
Vor allem zu den Menschen im Süden Teherans hält Ahmadineschad auch nach seinem Amtsantritt weiterhin Kontakt. Viele von ihnen hatten ihn gewählt und würden es in der armen Unterstadt wieder tun. „Er behandelt uns doch so gut“, schwärmt Ali al Ghasemi, der als Träger im Basar arbeitet. Auch als Staatspräsident besuche er noch die Kranken und die Alten. Seit seinem Amtsantritt habe sich seine Sozialhilfe auf 30 Dollar im Monat verdoppelt, freut sich Muhammad Sadegh. Früher arbeitete der Sechzigjährige als Bote, heute sucht er sich im Basar nachts einen Schlafplatz.
Amadineschad hat die soziale Frage in Iran entdeckt
An diesem Morgen bringt der Lastenträger das noch dampfende Fladenbrot nach Hause, der obdachlose Arbeiter wärmt sich in der ersten Morgensonne. Beide lassen auf Ahmadineschad nichts kommen, auch wenn sich bisher wenig geändert habe, wie sie eingestehen. Man müsse eben Geduld haben und dürfe die Hoffnung nicht aufgeben. Dann werde Amadineschad ihr Los schon bessern. In Anspielung auf die bevorstehende Weltmeisterschaft meint einer von beiden, ein Spiel dauere 90 Minuten, eine Amtszeit aber vier Jahre.
Die meisten Wähler Ahmadineschads sind weder Islamisten noch radikale Weltveränderer. Sie ähneln eher dem Pizzaboten Hossein, dem traurigen Helden aus dem Film „Crimson Gold“. Der iranische Regisseur Jafar Panahi hatte schon zwei Jahre vor der Wahl Ahmadineschads die soziale Frage in Iran entdeckt: Er zeigt in dem Film den Kriegsveteranen Hossein, der im Süden Teherans in ärmlichsten Verhältnissen lebt. Jeden Tag fährt er hinauf in den Norden und bringt auf seinem Moped den Reichen in den Villen Pizza. Letztlich zerbricht er an der Wirklichkeit um ihn.
Spiel mit den Gefühlen der Massen
Die Armen fühlen sich weiter von der Volksnähe und der sozialpolitischen Rhetorik Ahmadineschads angezogen, der sich wie sie kleidet und wie sie spricht. Wie kein Politiker vor ihm reist er in die Provinzen, wo er schon Kabinettssitzungen ansetzen ließ. Er versteht es, mit den Gefühlen der Massen zu spielen. Kompetenz wird so zur Nebensache. Ahmadineschad ist die iranische Version eines linken Populisten, der iranische Chavez also. Er gehört zu denen, die den mächtigen und korrupten Wirtschaftseliten den Kampf angesagt haben - und sich dazu noch im Fußballstadion sehen läßt.
Ahmadineschad bindet damit den einzigen Teil der Iraner an sich, die die Islamische Republik noch bedrohen könnten. Die Studenten hatten mit ihren Protesten 1999 das Regime nicht herausgefordert. Die Intellektuellen und Reformer diskutierten damals über Menschenrechte, kümmerten sich aber nicht um die soziale Frage. Der alte Geldadel im Norden Teherans ist längst in der neuen Oligarchie aufgegangen und will nur seinen Reichtum weiter mehren. Nur die Armen und die Arbeiter könnten die Republik gefährden. Die säkulare Linke aber hat sich aufgelöst, nicht zuletzt weil sie als Steigbügelhalter für die Geistlichkeit während der Revolution alle Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. Heute fängt keine Linke die soziale Unzufriedenheit auf, sondern der Populist Ahmadineschad. Damit stabilisiert er die Republik.
Lähmendes Dreieck der Rivalen
Der religiöse Führer Chamenei, dem mehr Sympathie für den iranischen Dichter Hafez als für den iranischen Fußball nachgesagt werden, mag viele Gründe gehabt haben, unter den vielen Präsidentschaftskandidaten auf Ahmadineschad zu setzen. Die Nähe zu den Armen war sicher einer davon. Auch wollte Chamenei einen starken Rafsandschani als Präsidenten verhindern. Zudem hoffte er, die selbstzerstörerischen Grabenkämpfe innerhalb des Lagers der machthabenden Hardliner zu beenden. Und so stach Ahmadineschad mit einer gut gesteuerten Kampagne der Revolutionswächter und der religiösen Miliz der Basidsch seine Rivalen aus: Rafsandschani als den Reichsten der Oligarchen ebenso wie die Hardliner Laridschani und Qalibaf.
Eine Hoffnung von Chamenei erfüllte sich bis heute aber nicht: Das lähmende Dreieck der Rivalen Ahmadineschad, Laridschani und Qalibaf besteht weiter. Qalibaf folgte Ahmadineschad auf den Sessel des Oberbürgermeisters von Teheran, Chamenei ernannte Laridschani zum neuen Generalsekretär des mächtigen Sicherheitsrats. Damit ist Laridschani, ein loyaler Chefbeamter Chameneis, allein für das Atomdossier verantwortlich. Er legt zudem die Grundlinien der Außenpolitik fest.
Ein Intellektueller, der gern Heidegger zitiert
Im Teheraner Rathaus hatte Ahmadineschads Aufstieg begonnen, dort schließen sich nun Qalibaf und Laridschani zusammen, um den Einfluß ihres Rivalen einzudämmen. So setzte Laridschani seinen engen Freund Hossein Entesami als neuen Herausgeber von „Hamshahri“ durch, der Zeitung der Stadtverwaltung. Dann verständigten sich die beiden neuen Verbündeten auf einen neuen Chefredakteur. Am Abend vor seiner Entlassung rettete der noch von Ahmadineschad eingesetzte Saeri seinen Posten, indem er einen Karikaturenwettbewerb zum Holocaust ausrief. Eine Absetzung wäre nun als Kritik an dem Projekt ausgelegt worden.
Im Wahlkampf hatte Chamenei den Motorradfahrer Qalibaf noch fallengelassen, weil er zu „smart“ wirkte und zu glattrasiert war. Nun gewann er an Ansehen, indem auch er sich als sozialpolitischer Reformer präsentiert. Laridschani geht das Charisma Ahmadineschads zwar völlig ab. Als Intellektueller, der gerne Heidegger und andere Philosophen zitiert, ist er aber ein Politiker, den Chamenei als Chefunterhändler gerne ins Ausland schickt.
Meister des „Teile und herrsche“
Lange hatte Chamenei als Leichtgewicht gegolten. Als Meister des „Teile und herrsche“ hat er seine Macht über die Jahre aber zielstrebig ausgebaut. Noch ist nicht klar, auf welche Seite er sich in diesem Machtkampf schlägt. Die Anzeichen für eine wachsende Entfremdung zwischen ihm und Ahmadineschad mehren sich. Öffentlich hatte Chamenei den Präsidenten nach dessen Auftritt vor den Vereinten Nationen aufgefordert, mit der „Scheinheiligkeit“ endlich Schluß zu machen. Und nach den Ausfällen gegen Israel und der Leugnung des Holocausts soll Chamenei ihm hinter den Kulissen zu verstehen gegeben haben, sich aus der Außenpolitik herauszuhalten und ausschließlich um die Sozialpolitik zu kümmern.
Ahmadineschad legte aber stur nach. Er inszeniere nun seine eigene Schau; mit seiner populistischen Rhetorik wolle er vor allem wieder ernstgenommen werden, beobachtet ein westlicher Diplomat. Ahmadineschad zu stoppen ist aber schwer. Denn beim Thema Israel bedient er sich souverän eines der letzten ideologischen Überbleibsel der Revolution: Kein geringerer als Revolutionsführer Chomeini hatte vor 27 Jahren selbst zur Vernichtung Israels aufgerufen. Auf Chomeinis Linie schreitet Ahmadineschad unbeirrt weiter.
„Iranischer Bestseller unter arabischen Islamisten“
Die wenigsten Iraner interessieren sich jedoch für das, was in Israel und in Palästina geschieht. Vom Modell des Felsendoms, das an der Einfahrt zu Chomeinis letzten Haus in Teheran steht, ist mehr als nur der glänzende Lack abgeblättert. Mit seinen Tiraden gegen Israel sei Ahmadineschad aber zu einem „iranischen Bestseller unter arabischen Islamisten“ geworden, sagt ein säkularer Intellektueller. Der ungelöste Palästinakonflikt ist zum wichtigsten Hebel Irans in der arabischen Welt geworden: Die islamistische Internationale soll Ahmadineschads im Innern geschwächte Position stärken.
Natürlich diene die Eskalation der Worte auch dazu, einen äußeren Feind aufzubauen, den Ahmadineschad für das Scheitern seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik verantwortlich machen könne, sagt ein iranischer Oppositioneller. Mit seiner wirtschaftsfeindlichen Politik bringt Ahmadineschad aber auch immer mehr Hardliner aus seinem eigenen Lager gegen sich auf. Chamenei ist als Herr über den Basar und über die größten Firmenkonglomerate Irans an einer funktionierenden Wirtschaft interessiert, und der pragmatische Flügel der Machthaber weiß, daß die drohende Massenarbeitslosigkeit für die Islamische Republik eine weit größere Gefahr sein werde als ein amerikanischer Angriff oder ein verrutschtes Kopftuch.
Streben nach einem autarken Iran
Der stramme Ideologe und wortgewaltige Populist Ahmadineschad aber strebe nach einem autarken Iran. Letztlich laufe seine Sozialpolitik auf eine offiziell legitimierte Bettlerei hinaus, klagen seine Kritiker. Sie fürchten eine neue Inflation und ein Anhalten der Kapitalflucht. Allein in den vergangenen Monaten seien aus Iran 75 Milliarden Dollar Kapital abgeflossen, davon ein Drittel von der Teheraner Börse, rechnet westlicher Finanzfachmann vor.
Trotz dieses Aderlasses, der massiven Korruption und der unfähigen Regierung gehe der Alltag indes unverändert weiter, werde auch die Konvertibilität des Iranischen Rial nicht angetastet. Das Land sei stark und seine Wirtschaft robust. Die soziale Frage aber gefährdet diese Stärke - und das allein festigt die Position des Populisten Ahmadineschad, dem ein Abstecher zur Weltmeisterschaft zu Hause sicher weitere Sympathiepunkte bringen würde.
Ein sehr sachlicher Bericht!
Nice Day (rajabi)
- 04.06.2006, 00:10 Uhr
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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