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Iran : Die Tabus fallen wie Dominosteine

  • -Aktualisiert am

Majid Tavakoli in Frauenkleidern Bild:

Das iranische Regime gab einen Studenten der Lächerlichkeit preis, indem es ihn in Frauenkleidern fotografierte. Die Opposition schlägt jetzt zurück. Sogar der religiöse Führer Chamenei erscheint auf Plakaten als zarte Schönheit mit Lippenstift.

          In Iran sind die Frauen verhüllt und emanzipieren sich trotzdem. Wie aber steht es mit den Männern? So viel ist sicher: Alles, was der Verhüllung dient, kann auch als Verkleidung genutzt werden. Bisher unterlagen nur die Frauen der Zwangsverhüllung durch die islamische Regierung, um sie vor den zudringlichen Blicken der iranischen Männer und des imperialistischen Westens zu schützen. Nun aber haben auch die Männer begonnen, sich zu verhüllen, und zwar aus Solidarität mit einem zwangsverhüllten Mann: Studentenführer Majid Tavakoli.

          Der hatte am vergangenen Montag, als im ganzen Land Studenten gegen das Regime demonstrierten und „Nieder mit dem Diktator“ riefen, eine mutige Rede an der Amir-Kabir-Universität in Teheran gehalten. Zweimal hatte Tavakoli bereits im Evin-Gefängnis eingesessen - er wusste also, welcher Gefahr er sich aussetzte. Und er wurde verhaftet.

          Verkleidet und beschämt

          Tags darauf verbreitete die regierungstreue Nachrichtenagentur Fars ein Foto, das ihn in den typischen Gewändern der iranischen Studentinnen zeigte: im schwarzen Tschador mit blauem Kopftuch darunter. Tavakoli habe sich der gerechten Strafe für seine freie Meinungsäußerung entziehen und in Frauenkleider gehüllt feige flüchten wollen, so die Botschaft.

          Ein Poster der iranischen Opposition zeigt sogar den religiösen Führer Ali Chamenei als zarte Schönheit
          Ein Poster der iranischen Opposition zeigt sogar den religiösen Führer Ali Chamenei als zarte Schönheit :

          Augenzeugen der Verhaftung beeilten sich, den Hergang richtigzustellen: Tavakoli sei keineswegs im Tschador, sondern als Mann verhaftet und dabei auch noch zusammengeschlagen worden. In die Verhüllung sei er hinterher offenbar unter Zwang gesteckt worden. Besonders unverschämt: Fars stellte sein Foto neben ein Bild von Abdul-Hassan Bani Sadr, dem ersten Präsidenten der Islamischen Republik, der 1981 angeblich ebenfalls als Frau verkleidet ins französische Exil geflohen war. Während das Foto Bani Sadrs, der glattrasiert und ohne sein Markenzeichen, den Schnurrbart, im geblümten Kopftuch voll in die Kamera blickt, tatsächlich seine eher weiblichen Gesichtszüge aufscheinen lässt, wirkt Tavakoli mit Dreitagebart und gesenktem Blick nur verkleidet und beschämt.

          Doch was den Studentenführer diskreditieren, der Lächerlichkeit preisgeben, ja geradezu entmannen sollte, verwandelte die grüne Oppositionsbewegung in eine Kampagne zu seiner Unterstützung. „Männer mit Kopftuch“ heißt die Aktion im Internet. Bei Faceboock werden die Leser - „Macht mit (nur Männer)“ - aufgefordert, sich mit Kopftuch ablichten zu lassen. Ein Clip auf YouTube „Wir sind alle Majids“ zeigt Dutzende von Männern mit Kopftuch, manche grimmig, manche verzweifelt, manche fast unfreiwillig komisch. Junge Männer lassen Gruppenfotos mit Tschador oder Kopftuch machen - ein Zitat jener Fotos, zu denen Schah Reza Pahlevi einst den iranischen Adel zwang, als er das Kopftuch 1936 verbieten ließ: Jede Großfamilie musste sich ablichten lassen, und den barhäuptigen Frauen ist das Entsetzen über ihre Entblößung in die Gesichter geschrieben.

          „Wir sind alle Majids“

          Heute solidarisieren sich die Frauen mit Tavakoli, der nun nach der ermordeten Neda Agha Sultan der grünen Bewegung ihr zweites junges Gesicht gibt. „Was ist denn schlecht an Frauenkleidern?“, fragt eine Frau in ihrem Blog. „Uns zwingt man, den Tschador zu tragen, und die Männer macht man damit lächerlich.“ Eine Website drehte den Spieß um, montierte das Gesicht von Präsident Mahmud Ahmadineschad unter den Tschador und zeigte sogar den religiösen Führer Ali Chamenei als zarte Schönheit, rotwangig und mit Lippenstift.

          Der religiöse Führer, vor nicht allzu langer Zeit noch sakrosankt, ist zur Witzfigur geworden, der auf YouTube tanzt und rappt. Zugleich wird die politische Kritik schärfer. Auch der Ruf „Tod Chamenei!“ ist inzwischen auf den Demonstrationen zu hören. Seit dem Sommer fallen die Tabus wie Dominosteine. Während früher über die Zustände in den Gefängnissen, vor allem über Vergewaltigungen, nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert wurde, haben sich seit dem Sommer Männer (!) offenbart und ausgesprochen: „Ich bin vergewaltigt worden.“

          Der religiöse Führer wird zur Witzfigur

          „Ihr seid keine Männer!“ ist die Botschaft der islamischen Regierung an die jungen Männer der Oppositionsbewegung. Aber die unterlaufen den Affront und antworten: „Auf diese, auf eure Art wollen wir gar nicht Männer sein!“ In den Straßen Teherans kann man das schon seit langem beobachten: wie die jungen Männer immer weiblicher werden. Glattrasiert, mit ihren säuberlich gezupften Augenbrauen, manchmal sogar hüftlangen Haaren demonstrierten sie ihre Ablehnung jener bärtigen Maskulinität, die die islamische Regierung vorschreibt. Sie wollen in die traditionellen Männerrollen der patriarchalischen iranischen Gesellschaft nicht eintreten. Auf weiblicher Seite sind das Pendant jene jungen Mädchen, die sich, solange es geht, als Jungen ausgeben, um sich auf der Straße frei und ohne Kopftuch bewegen zu können.

          Das System, so sagen oppositionelle Iraner, habe seit dem Sommer seine Maske fallen gelassen. Die Diffamierung des Studentenführers Tavakoli reiht sich in eine Serie von Unverschämtheiten, mit der von Seiten des Systems Grenzen überschritten werden. Ihr setzt die Opposition auf eine kreative und charmante Weise ihre eigenen Verstöße entgegen, bis sich das System immer weiter auflöst. Gleichzeitig versucht die Regierung verzweifelt, die wahren Zustände zu bemänteln. An der Universität Teheran, wo sich einst die Revolution von 1979 zusammenbraute, verhüllte die Staatsmacht am vergangenen Montag die Proteste hinter meterhohen Propagandagemälden. Und auch der Atomstreit ist zu einer Nebelwand geworden, die den Blick des Westens daran hindern soll, die iranische Wirklichkeit wahrzunehmen. Mit ihrem geradezu grotesken Wettbewerb, mit dem sie bald zehn, bald zwanzig neue Atomanlagen ankündigt, zieht die Regierung in Teheran die Aufmerksamkeit auf die alles beherrschende Nuklearfrage und schürt erfolgreich den Konflikt, den sie zum Überleben braucht.

          Quelle: F.A.Z.

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