10.02.2009 · Die Massenkundgebung zum 30. Jahrestag der islamischen Revolution in Iran glich eher einer Pflichtveranstaltung. Die Begeisterung ist verflogen - und die Gräben zwischen den Generationen sind tief.
Von Rainer Hermann, TeheranAus den Lautsprechern dröhnen die martialischen Revolutionslieder von damals. Eines verspricht nach der Tyrannei des langen Winters das baldige Kommen des Frühjahrs und des Sieges. Ein anderes erzählt von Märtyrern. Niemand singt mit, keiner nimmt Notiz. Die Begeisterung ist verflogen, und die Massenkundgebung zum dreißigsten Jahrestag der islamischen Revolution ist als Pflichtveranstaltung nur noch gut organisiert. Weit weniger Menschen als erwartet sind gekommen, obwohl Busse aus ganz Iran nach Teheran fuhren.
Wo sich im bürgerlichen Norden Teherans sonst zu jeder Tageszeit die Automobile im Abstand weniger Zentimeter hintereinander herschieben, bleiben an diesem trüben Morgen die Straßen leer. Wer kann, fährt in den schneebedeckten Bergen über der Stadt Ski. Auf den Azadi-Platz weit unten in der Stadt strömen die einfachen Menschen und die Schwachen – die „Mostazafin“, denen die Revolution vor dreißig Jahren ein besseres Leben versprochen hatte und die zur Stütze des Regimes der Islamischen Republik geworden sind.
Ahmadineschad: Iran an einem Dialog mit Amerika interessiert
Im Blickfeld der Fernsehkameras werden vor der Rednertribüne Schulklassen aufgestellt, gekleidet in Kampfuniformen, die die Regierung verteilt hat. Auf dem grünen Stirnband der Schüler wird in roten Lettern „Hossein, der Märtyrer“ angerufen; es ist der im Jahre 680 ermordete Sohn Alis, der Erlöserfigur des schiitischen Islams. Der Anruf Hosseins soll die schiitische Opferbereitschaft wecken, den Willen, aufzubegehren und sich zu verteidigen. Als sich die Teilnehmer der Kundgebung auf dem Azadi-Platz nähern, treten sie noch auf Flugblätter, die fordern: „Nieder mit Amerika!“ Ein Slogan der Revolution vor dreißig Jahren – nur ergänzt um die Parole: „Nieder mit Israel!“
Einen feinen Unterschied zwischen beiden macht in seiner Rede Staatspräsident Ahmadineschad. Erst sagt er, wenn die Welt in Frieden leben wolle, müsse sie Israel daran hindern, Menschen zu töten. Dann wendet er sich Amerika zu, dem einstigen „Satan“. Die Welt sei nicht mehr die gleiche wie unter Bush, sagt er, und er zieht dabei das „u“ verhöhnend in die Länge. Ahmadineschad kann die Zuhörer mit seiner Rede nicht mitreißen, aber wenigstens an dieser Stelle geht das Publikum mit. Gleich wird er wieder ernst. Iran sei daher an einem Dialog mit Amerika interessiert, sagt Ahmadineschad. (Siehe auch: Ahmadineschad bereit zu Gesprächen mit Obama-Regierung)
Er nennt nicht mehr als Vorbedingung, Washington müsse alle Soldaten nach Hause geholt und seine Unterstützung für Israel eingestellt haben. Die neue amerikanische Regierung habe angekündigt, sie stehe für Wandel und Dialog, verkündet Ahmadineschad stattdessen seinen Zuhörern. Iran sei dazu bereit, sofern der Wandel nicht taktisch sei, sondern grundsätzlich, sofern die Atmosphäre fair bleibe und die Gespräche in gegenseitigem Respekt stattfänden.
Nicht mehr Millionen von Menschen wie vor dreißig Jahren
Der Präsident besteigt nach seinem Auftritt seinen Armeehubschrauber, kreist mehrmals über dem Platz, winkt der Menge zu und entschwindet. Da dröhnt am Rednerpult schon ein Sprecher der palästinensischen Hamas: „Nieder mit Israel!“ Sein Schlachtruf erzeugt nur ein kurzes Echo in der Menge, das rasch verstummt. Der Islamischen Republik gratuliert er zum Sieg, und den wünscht er auch der Hamas. Er stellt eine Verbindung zwischen der islamischen Revolution und dem „Kampf gegen den Zionismus“ her. Seine Stimme überschlägt sich zunehmend. Er kreischt ins Mikrofon, und immer mehr Leute gehen. Sie wollen diesem seltsamen Mann, der in einer fremden Sprache zu ihnen spricht, nicht länger zuhören.
Für die Teilnahme an der Massenkundgebung hatte das Regime in Teheran auch damit geworben, es werde gegen den Krieg im Gazastreifen protestiert. Durch ihre Teilnahme sollten die Menschen ihre Sympathie für die palästinensischen Opfer bekunden, hieß es in der Propaganda. Es kamen aber nicht mehr Millionen von Menschen wie vor dreißig Jahren. Damals drängten sich Iraner aus allen Schichten auf dem weitläufigen Platz, dessen Monument der Schah als Erinnerung an sich hatte bauen lassen und das deshalb „Schahyad“ genannt wurde. In „Azadi“, „Freiheit“, wurde es in der Revolution umgetauft. Am 1. Februar 1979 war Ajatollah Chomeini zurückgekehrt und auf dem nahe gelegenen Flughafen Mehrabad gelandet. Zehn Tage dauerte das Ringen, bis die Armee ihre Neutralität erklärte und die Anhänger der Revolution alle öffentlichen Gebäude übernahmen.
Eine Koranrezitation leitet an diesem Morgen den Jahrestag ein. In Anlehnung an den Koran nennt das Regime die zehntägige Feier „Fadschr“, Morgendämmerung. Die gleichnamige Sure 86 des Korans beschreibt, wie Gott nach zehn Tagen mit denen verfuhr, die im Land gewalttätig waren: Er ließ eine schreckliche Strafe auf sie herabkommen.
Die Alten bilden die überwältigende Mehrheit
Ahmadineschad ruft in seiner Rede den Schülern zu, er danke der Jugend, denn sie sei wichtiger als die Generation der Revolution. Siebzig Prozent der Iraner sind nach 1979 geboren, sie kennen nur die Islamische Republik, nicht aber die Zeit des Schahs. Gerade sie wollen aber heute eine andere, eine freiere Republik. Tief ist der Graben zwischen ihnen und der Generation der Revolution. Diese Generation steht hinter den Schulklassen und Kameras.
Eine Gruppe Jugendlicher hat sich am „Freiheits“-Monument versammelt: Jungen mit gegelten Haaren, Mädchen, die Make-up tragen. Nicht alle vertreiben sich den freien Tag in den Bergen, wo sie fern des Zugriffs der Sittenpolizei sind. „Hast du dieses Mädchen gesehen?“, pfeift einer im Vorbeigehen. Auch die jungen Schönen kommen zur Massenveranstaltung, um sich dort leichter mit ihren Freunden treffen zu können.
Die Alten aber bilden die überwältigende Mehrheit. Dschamschid, 46 Jahre alt und Kleingewerbetreibender, hatte den Tag vor dreißig Jahren als Wehrpflichtiger erlebt. Nach Chomeinis Rede kehrte er nicht mehr in die Kaserne zurück. Ali, 57 Jahre alt, war damals Kellner. Im Restaurant hatte er mit den Gästen gehört, wie Chomeini den Sieg verkündete. Gefeiert hätten sie damals, sagt er. Dann trat Ali den paramilitärischen „Basidschi“ bei, die auch die Einhaltung der islamischen Sitten auf den Straßen überwachen. Er wollte etwas für seine Religion und seine Gesellschaft tun, begründet er seine Entscheidung. Im Juni wird Ali wieder für Ahmadineschad stimmen, und er ist sich sicher, dass dessen Herausforderer Chatami bei der Präsidentenwahl unterliegen wird.
„Die Revolution hat uns Frauen Freiheit gebracht“
Energisch schaltet sich Aghras ein. Die 51 Jahre alte Hausfrau hatte damals die Nachrichten zu Hause im Radio gehört. „Unter dem Schah konnten die Frauen das Haus ja nicht verlassen, wenn sie einen Schleier tragen wollten“, sagt sie. Noch heute verteidigt sie die Revolution. Lediglich drei Jahre hatte sie eine Schule besucht. Eine ihrer Töchter ist Ingenieurin für Petrochemie geworden, die zweite Anwältin. „Sehen Sie, die Revolution hat uns Frauen Freiheit gebracht.“ Ihre Töchter sind zur Kundgebung aber nicht gekommen. Von Männern lasse sie sich nichts sagen, behauptet die resolute Aghras. Dann will sie darüber sprechen, welche Ziele die Revolution verfehlt habe, in der Wirtschaft und in der Gesellschaft. Ein Aufpasser fällt ihr ins Wort und warnt sie in scharfem Ton, auch nur noch ein Wort zu sagen. Erhobenen Hauptes hält sie ihm entgegen, sie sei frei und auch frei zu sagen, was sie wolle.
Der Moderator der Kundgebung ruft zum gemeinsamen Mittagsgebet auf. Einige legen eine Zeitung als Ersatz für einen Gebetsteppich vor sich aus, andere haben ihn sogar mitgebracht. Die meisten drängt es aber rasch weg. Vorbei an den Ständen, an denen Flugblätter und CDs über den Satelliten Omid („Hoffnung“) verteilt werden, den Iran jüngst ins All befördert hat. Wieder nähert sich ein Hubschrauber dem Platz. Er streut Blumen auf die Teilnehmer herab. Einer der Passanten schüttelt nur den Kopf: „Hätten sie doch lieber Geldscheine regnen lassen.“
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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