01.11.2008 · Die iranischen Reformer wollen ihn zu einer neuen Kandidatur bewegen. Doch der frühere iranische Präsident Chatami lässt seine politische Zukunft offen. Das sei Taktik, sagen die einen. Aber vielleicht hat der „Schachmeister“ einen Fehler begangen.
Von Ahmad Taheri, FreiburgIn dunklem Gewand und schwarzem Turban betritt mit festem Schritt Sayed Mohammad Chatami das Podium. Das Audimax der Universität Freiburg ist überfüllt. An die 2000 Studenten sind gekommen, um dem ehemaligen Staatspräsidenten Irans, Sayed Mohammad Chatami, zuzuhören. Im Saal herrscht Begeisterung, als wäre Barack Obama zu Gast. „Tod der Islamischen Republik“, ruft ein junger Mann, offenbar ein Exiliraner. „Mörder, Mörder“, skandieren ein paar weitere Oppositionelle aus dem Lande Chatamis. Der ehemalige iranische Staatschef wartet gelassen, bis sie von den Sicherheitskräften aus dem Saal gebracht worden sind.
Chatami wirkt selbstbewusst, als wäre er noch an der Macht. Ohne Manuskript oder Notizen redet der 65 Jahre alte Kleriker eine Stunde lang. Der junge Übersetzer kommt kaum nach. Aber selbst in der anschließenden Diskussion geht der promovierte Philosoph mit keinem Wort auf aktuelle politische Fragen ein. Er äußert nur sein Mitgefühl mit dem „leidenden palästinensischen Volk“. Mit keinem Wort nimmt er auf seine Heimat Bezug, obwohl dort der Präsidentschaftswahlkampf schon begonnen hat, auch wenn die Iraner erst im Frühsommer 2009 abstimmen werden. Die Reformparteien, denen ein charismatischer Politiker fehlt, drängen Chatami seit Monaten dazu, ein drittes Mal zu kandidieren. Seit Monaten gibt es über die Kandidatur Chatamis Spekulationen: Kommt Chatami oder kommt er nicht? Über diese Frage debattieren viele seit Wochen in der Islamischen Republik.
Die Stärke des Westens liegt nicht in seinen Waffen
Doch in Freiburg, das eine Partnerschaft mit dem iranischen Isfahan unterhält, macht Chatami nicht einmal eine Andeutung, er redet lieber über den schwierigen Dialog der Zivilisationen. Die gelehrte Rede ist gespickt mit Versen von Goethe und Rilke, die Chatami auf Deutsch rezitiert; er war vor der islamischen Revolution zwei Jahre Imam der schiitischen Moschee in Hamburg. Das Problem sei derzeit, dass der Westen nicht willens sei, mit dem natürlichen Gesprächspartner eines solchen Dialogs zusammenzutreten - der Welt des Islams, sagt er. Schließlich hätten die abrahamitischen Religionen gemeinsame Wurzeln. Die eigentliche Stärke des Westens liege nicht in seiner Wirtschaft oder seinen Waffen. Vielmehr besitze der Westen die unschätzbare Fähigkeit, „stets seine eigene Gewissheit zu hinterfragen und Fehler zu revidieren“. Davon könne die muslimische Welt lernen.
Hätte Chatami über die politische und wirtschaftliche Lage seines Landes gesprochen, ohne sie schönzureden, wäre er in der Heimat von den Radikalen als Nestbeschmutzer kritisiert worden. Deshalb findet seine Freiburger Rede in den iranischen Medien keine Aufmerksamkeit. Nur die Tageszeitung „Etemad“, die den Reformern nahesteht, druckte den Vortrag gekürzt auf der Titelseite ab. Nach der Machtübernahme Ahmadineschads hatte sich Chatami weitgehend aus der Politik zurückgezogen oder sich mit dunklen Andeutungen begnügt. Erst im vergangenen Jahr betrat er wieder die politische Bühne. Wiederholt kritisierte er mehr oder weniger offen die Eskapaden Ahmadineschads. Er geriet daher in die Schusslinie der Islamisten, die sich Prinzipialisten nennen. Eine glühende Anhängerin Ahmadineschads, Fatima Radschabi, die Ehefrau von Golamhussein Elham, dem Berater des amtierenden Präsidenten, überzog Chatami mit wüsten Beschimpfungen.
Chatami: Zwei Bedingungen für eine Kandidatur
Unter dem Druck seiner Anhänger sah er sich aber vor kurzem genötigt, konkreter zu werden: „Ich habe zwei Bedingungen für eine Kandidatur. Erstens möchte ich mich mit dem Volk über seine Erwartungen verständigen. Zweitens möchte ich wissen, ob es unter den derzeitigen Verhältnissen Möglichkeiten gibt, dass das Versprechen des Präsidenten an das Volk auch in die Tat umgesetzt werden kann.“ Manche Reformer finden diese Bedingungen sehr allgemein. „Wie kann Chatami sich mit dem Volk über dessen Erwartungen verständigen? Wer kann unter den gegenwärtigen politischen Verhältnissen garantieren, dass der Präsident seinen Willen durchsetzen kann?“, lautet die Kritik.
Dienten die beiden undurchsetzbaren Bedingungen etwa dazu, die Bürde des Amtes nicht auf sich nehmen zu müssen, wird gefragt. Es gibt auch Reformer, die meinen, das Verhalten Chatamis sei ein kluger Schachzug. „Es gibt viele Anzeichen dafür, dass Chatami wie ein erfahrener Schachspieler seine Figuren so plaziert, dass seine Rivalen beinahe schachmatt sind“, schrieb vor einigen Tagen Isa Saharchiz, ein Journalist und Stratege der Reformbewegung. Mit seinem Schweigen habe Chatami seine Gegner zunächst in Ratlosigkeit versetzt, um zu gegebener Stunde zuzuschlagen.
Auch im Lager der Reformer gibt es Konkurrenz
Tatsächlich herrscht unter den Konservativen Durcheinander. Mehrere wollen für das hohe Amt im Staate kandidieren. Einige Namen sind schon im Umlauf: Ali Laridschani, der derzeitige Vorsitzende des Parlaments, Mohsen Qalibaf, der Bürgermeister von Teheran, Hassan Rohani, der frühere Vorsitzende des Sicherheitsrates, und schließlich Ali Akbar Velajati, der ehemalige Außenminister und jetzige außenpolitische Berater des Revolutionsführers. Und der jetzige Staatschef Ahmadineschad sieht sich weiterhin als Präsident des Landes. Denn seit der islamischen Revolution haben fast alle Präsidenten acht Jahre lang regiert.
Aber auch im Lager der Reformer gibt es Konkurrenz. Es könnte sein, dass der „Schachmeister“ Sayed Mohammad Chatami einen Fehler begangen hat. Sein angeblich taktisches Zögern benutzte Scheich Mehdi Karrubi, der einstige Parlamentspräsident, um sich als Kandidat zu bewerben. Doch außer der eigenen Partei Etemad-e Melli, auf Deutsch „Das nationale Vertrauen“, unterstützt ihn keine der Reformgruppen. Nun soll eine Schiedsrichtergruppe aus den verschiedenen Reformgruppen zwischen „Sayed“ und „Scheich“ entscheiden, falls Chatami sich tatsächlich zur Wahl stellt. Gewiss würde die Entscheidung zugunsten des Sayeds fallen. Denn dem eitlen „Scheich Karrubi“, der mit einem Fuß im Lager der Konservativen steht, traut keiner über den Weg.
Der Reformer ohne Durchschlagskraft.........
wolf haupricht (emilgilels)
- 02.11.2008, 23:41 Uhr