Zwei Jahre lang hatte sich Abu Musab Zarqawi fast jeden Monat mit Tonbändern zu Wort gemeldet. Entweder übernahm er die Verantwortung für Terroranschläge oder kündigte neue an. Seit Januar aber hatte er geschwiegen. Mit einem 35 Minuten dauernden Videoband gab er am Mittwoch wieder ein Lebenszeichen.
Nach seinen Worten wurde es am vergangenen Freitag aufgenommen. Das im Internet verbreitete Video enthält weder einen Hinweis auf die Terroranschläge in Dahab am Montag noch auf das jüngste Tonband Bin Ladins, in dem dieser den Irak in der vergangenen Woche nicht mehr erwähnt hatte.
Vorwärtsverteidigung
Amerikanische und britische Terrorfachleute bewerten das Band als einen Versuch Zarqawis, seine Stellung als Führer der Dschihadisten im Irak zu verteidigen. In den vergangenen Monaten hatten ihm zunächst arabische Sunniten des Iraks die Unterstützung entzogen. Wegen der Bildung einer neuen irakischen Regierung droht jetzt sein Spielraum noch kleiner zu werden.
Zarqawi beschimpfte daher die im Entstehen begriffene Regierung als „Handlanger“ Amerikas und „vergifteten Dolch“ im Herzen der islamischen Welt - gleichgültig, ob sich ihr „die verhaßten Schiiten, säkulare und zionistische Kurden oder sunnitische Kollaborateure“ anschließen. Zu dem Zeitpunkt, als das Video bekannt wurde, hatte der designierte irakische Ministerpräsident Maliki Schiiten, Sunniten und Kurden aufgerufen, gemeinsam gegen die Selbstmordattentäter vorzugehen und das Gewaltmonopol des Staats zu sichern.
„Was kommen wird, wird schmerzhafter“
Einig sind sich amerikanische Fachleute, daß die Stimme auf dem Video die Zarqawis ist und daß sich der Terroristenführer, auf dessen Ergreifung die Vereinigten Staaten eine Belohnung von 25 Millionen Dollar ausgesetzt haben, noch immer im Irak aufhält. Die letzten Bilder Zarqawis stammen aus den neunziger Jahren und zeigen ihn beispielsweise bei der Hochzeit einer seiner Schwestern in Afghanistan. Vermutet wird, daß es Zarqawi war, der - wie ein Video vom 11. Mai 2004 dokumentierte - die amerikanische Geisel Nicholas Berg enthauptet hat.
In dem jüngsten Video bekundet Zarqawi seine Loyalität zu Bin Ladin, den er seinen „Emir“ nennt. Dem amerikanischen Präsidenten Bush droht er, er werde „im Land des Islams“ keinen Frieden finden, zudem kündigt er weitere Terroranschläge an: „Was kommen wird, wird schmerzhafter.“
Den Westen beschuldigt er abermals, einen „Kreuzzug“ gegen den Islam zu führen, dem sich die heiligen Krieger des Islams aber fest entschlossen entgegenstellten. Jerusalem werde „mit dem Koran und dem Schwert“ erobert, droht er. Die sunnitischen Muslime des Iraks und der arabischen Welt ruft er mit dem Versprechen, daß ihnen die Tore des Paradieses offenstünden, auf, einen heiligen Krieg gegen die „Kreuzzügler und schiitischen Abweichler“ zu führen.
Zarqawi unter Druck
Das Video bestätigt die Vermutung, daß die Entwicklungen der vergangenen Monate Zarqawi geschwächt haben. Anfang April hatte Hudaif Azzam, der Sohn von Bin Ladins 1989 getötetem Mentor Abdallah Azzam, mitgeteilt, das „Oberkommando des Widerstand im Irak“ habe Zarqawi gebeten, seine politische Führungsrolle an den Iraker Abdullah Bin Rashid al Baghdadi abzutreten und sich auf „militärische Operationen“ zu beschränken.
Azzam begründete die Degradierung Zarqawis mit gravierenden politischen Fehlern. So habe er im Namen des irakischen Volks gesprochen, eine unabhängige Organisation gegründet und arabische Nachbarstaaten des Iraks angegriffen. Zarqawi habe versprochen, außerhalb des Iraks keine Attentate mehr durchzuführen, sagte damals Azzam in Amman. Zarqawi hatte sich auch der Anschlagsserie im vergangenen Herbst in Amman bezichtigt.
Im Irak war Zarqawi zunehmend unter Druck geraten. Die Führer der Rebellenhochburg Ramadi entzogen ihm die Unterstützung, nachdem ein von ihm ausgesandter Selbstmordattentäter 42 Rekruten aus der Stadt getötet hatte. Aus Protest gegen die Morde an arabischen Sunniten durch Zarqawis Gruppe vertrieben sie dessen Anhänger aus der Stadt. Am 7. März nahmen amerikanische Soldaten Zarqawis Vertrauten Muhammad Ubaidi („Abu Ayman“) fest.
Noch ein Zeichen der Schwäche
Auf dem Bildschirm ist in der linken oberen Ecke des professionell hergestellten Videos das schwarze Banner des „Schura-Rats der Mudschahedin“. In seinem letzten Tonband vom Januar hatte Zarqawi gesagt, sechs Gruppen von Aufständischen, unter ihnen seine „Al Qaida im Zweistromland“, hätten sich zu diesem Rat zusammengeschlossen.
Schon dieser Zusammenschluß war als Zeichen der Schwäche ausgelegt worden. Ganz in Schwarz gekleidet und mit einem Munitionsband umgürtet sprach Zarqawi, der nicht als mitreißender Redner bekannt ist, in monotonem Arabisch. Er saß vor einer an die Wand gelehnten Kalaschnikoff und wirkte - allen Gerüchten über schwere Verletzungen zum Trotz - gesund.
In einer anderen Sequenz war er mit zwei Dutzend anderen Dschihadisten mutmaßlich im Westirak bei Kampfübungen zu sehen. Eine weitere zeigt, wie er mit maskierten Vertrauten eine Landkarte betrachtet. Einer von ihnen soll sein Kommandant für die Provinz Anbar sein, wo auch Falludscha liegt.
Anstatt Terror, den Leidenden dieser Erde helfen!
Hayri Ergun (DrErgun)
- 27.04.2006, 18:27 Uhr
