12.02.2006 · Die Fotos aus Abu Ghraib sind noch nicht vergessen: In Großbritannien ist ein Video aufgetaucht, in dem die Mißhandlung irakischer Jugendlicher durch britische Soldaten zu sehen sein soll. Premier Blair zeigt sich besorgt.
Gegen britische Soldaten im Irak sind abermals Mißhandlungsvorwürfe erhoben worden. Fernsehsender strahlten am Sonntag Aufnahmen aus, auf denen zu sehen ist, wie Soldaten mehrere junge Iraker von der Straße auf ein Grundstück abdrängen und mit Fäusten und Knüppeln schlagen.
Die Regierung in London hat eine umfassende Untersuchung angekündigt. ordnet. Seine Regierung nehme die Anschuldigungen sehr ernst, sagte Premierminister Tony Blair am Rande einer Konferenz in Südafrika. Die Videoaufnahmen wurden inzwischen von der BBC und aber auch von arabischen Sendern wie Al Arabija und Al Dschasira ausgestrahlt. Dort wurden diese Ausschnitte zusammen mit Bildern des Skandals um die Gefangenenmißhandlung im Gefängnis von Abu Ghraib durch amerikanische Soldaten gezeigt.
Prügelszenen
Das jüngste Videomaterial war der britischen Zeitung „News of the World“ zugespielt worden. Zu sehen sind Soldaten in Gefechtsuniformen, die drei harmlos aussehende Jugendliche in einen von einer Mauer umgebenen Hof zerren und mit Knüppeln traktieren. Auf dem Band ist auch eine Stimme zu hören, die die prügelnden Soldaten anfeuert - offenbar die des Kameramanns. Laut „News of the World“ wurde das Video vor zwei Jahren von einem Stabsgefreiten im Südirak gedreht.
„Das weltweite Ansehen britischer Soldaten muß verteidigt werden, indem die notwendigen Aktionen erfolgen“, sagte am Sonntag Schatzkanzler Gordon Brown, der als designierte Nachfolger Blair gilt. Wenn die Aufnahmen echt seien, so Brown, dann handele es sich um ein „inakzeptables Verhalten“ der Soldaten. „Den Verantwortlichen wird der Prozeß gemacht werden.“
„Wir verurteilen jede Form von Brutalität“
Die BBC zählte innerhalb von einer Minute 42 Schläge und Stöße gegen die Teenager. Sie wurden zudem getreten, einer von ihnen in die Genitalien. In britischen Kommentaren hieß es, die brutalen Szenen könnten, obwohl sie bereits zwei Jahre alt sind, angesichts des Streits um die Mohammed-Karikaturen die Empörung von Muslimen über den Westen erneut anfachen. Auf dem Band ist eine Stimme - vermutlich die des Kameramanns zu hören, der die prügelnden Soldaten mit ordinären Worten anfeuert. Er sei mit den Worten zu hören: „Ja, ihr ungezogenen kleinen Jungs. Ihr kleinen Arschlöcher, ihr kleinen Arschlöcher. Krepiert.“
Der Sprecher der britischen Truppen im Irak erklärte, die mit dem Video verbundenen Vorwürfe unangebrachter Brutalität beträfen lediglich „eine ganz kleine Zahl der rund 80.000 (britischen) Soldaten, die im Irak gedient haben“ seit 2003 die von den Vereinigten Staaten angeführte Invasion zum Sturz des Saddam-Regimes begann. „Wir verurteilen jede Form von Mißhandlung und Brutalität“, sagte Militärsprecher Chris Thomas in der südirakischen Stadt Basra, wo derzeit rund 8000 britische Soldaten stationiert sind.
„Wir haben bei Militärexperten recherchiert“
Nach Angaben von „News of the World“ kursierten Kopien des Videobandes unter britischen Soldaten in Europa. Die Zeitung verbürgte sich für die Echtheit des Videos. „Wir haben die Quelle untersucht und Leute in deren Umfeld, haben bei Militärexperten recherchiert“, erklärte Chefredakteur Stuart Kuttner. Die Redaktion sei sich wohl bewußt, daß es in britischen Medien auch schon Fälschungen gegeben habe.
Im Mai 2004 war der Chefredakteur der Boulevardzeitung „Daily Mirror“, Piers Morgan, zurückgetreten, nachdem sein Blatt Fotos von vermeintlichen Mißhandlungen irakischer Gefangener durch britische Soldaten gedruckt hatte. Die Bilder waren als Fälschungen entlarvt worden. Nach Mißhandlungen irakischer Gefangener durch Amerikaner insbesondere im Militärgefängnis Abu Ghraib waren mehrfach ähnliche Anschuldigungen auch gegen britische Soldaten laut geworden. Im vergangenen Jahr waren drei Briten verhaftet und später aus der Armee ausgeschlossen worden, die in einem irakischen Lager Gefangene mißhandelt haben sollen.
Misshandlungsvorwürfe
Siebo M H Janssen (SMHJanssen)
- 12.02.2006, 16:42 Uhr