09.07.2005 · Sind die Anschläge von London von einer Zelle ausgeführt worden, die ihre Instruktionen direkt von Bin Ladin erhält? Antworten darauf finden sich womöglich im Irak - einem „Schmelztiegel für Dschihadisten aus aller Welt“.
Von Rainer Hermann, IstanbulSind die Anschläge von London von einer Al-Qaida-Zelle geplant und ausgeführt worden, die ihre Instruktionen direkt von Bin Ladin erhält? Oder war es eine lokale Terrorgruppe, die sich nur von Bin Ladin und Al Qaida inspirieren läßt?
Die Antwort auf diese Frage wird Erkenntnisse darüber liefern, ob Al Qaida eine Organisation ist oder sich, was wahrscheinlicher ist, mittlerweile zu einer Ideologie des Dschihad mit nur losen organisatorischen Berührungspunkten entwickelt hat. Auch wird sie Rückschlüsse auf die neue Generation von Terroristen und ihren Weg zum Terror zulassen. Selbst das amerikanische Außenministerium gesteht ein, daß der Irak zu einem „Schmelztiegel für Dschihadisten aus aller Welt“ geworden sei und daß sie versuchten, den Irak in das „Afghanistan“ einer neuen Generation islamistischer Extremisten zu verwandeln, wo sie für ihren Einsatz ausgebildet und indoktriniert werden.
Viele Tote und Gefangene
Die Angehörigen der ersten Generation von Al Qaida sind heute zwischen 40 bis 50 Jahre alt. Ihre Mitglieder haben ihre Erfahrung in Afghanistan im Kampf gegen die sowjetische Armee gesammelt. Seit dem 11. September 2001 sind viele von ihnen getötet oder gefangengenommen worden. Ein erster größerer Erfolg im Kampf gegen die 1988 gegründete Al-Qaida-Organisation gelang am 1. März 2003 mit der Verhaftung von Chalid Scheich Muhammad. Er gilt als der Planer der Anschläge am 11. September 2001 in Amerika. Zuletzt wurde, ebenfalls in Pakistan, der Libyer Abu Farradsch verhaftet, der wie Scheich Muhammad zur engeren Umgebung Bin Ladins gehörte.
Im internationalen Kampf gegen den Terror wurden die alten Zellen von Al Qaida zunehmend ausgeschaltet. An ihre Stelle trat aber ein sich schnell ausbreitendes Terrornetz, das sich von Bin Ladin und dessen Stellvertreter al Zawahiri inspirieren läßt. Die alte Generation Al Qaidas bedient sich dieser neuen, lokalen Terrorgruppen, um die eigene Logistik zu unterstützen oder Anschläge zu verüben. Möglich bleibt damit, daß hinter den Anschlägen von London Al Qaida selbst steckt. Möglich ist aber auch, daß eine lokale Zelle im Namen von Al Qaidas Dschihad-Ideologie die Anschläge verübt hat. Im ersten Fall könnten die Terroristen unerkannt mit Sommerurlaubern nach England eingereist sein, im zweiten Fall wären in London lebende Extremisten für die Anschläge verantwortlich.
Aufgenommen von Kameras?
Aufschlüsse über die Identität der Täter könnten die Aufnahmen von Videokameras geben, die überall in London installiert sind. Mit der Hilfe solcher Aufzeichnungen wurde schon Muhammad Atta am Morgen des 11. September beim Betreten des Flughafens von Boston identifiziert. Einige Augenzeugen beobachteten in London einen ausländisch aussehenden jungen Mann, der kurz vor der Explosion mehrfach nervös eine Tasche überprüfte. In der U-Bahn wurden Zeitzünder für Bomben gefunden, wie sie auch 2004 in Madrid verwendet worden waren. Dort hatte eine lokale Dschihad-Zelle die Terroranschläge verübt.
In Europa stellt eine Reihe von Terrorgruppen die Verbindung von Al Qaida zu diesen lokalen Gruppen her. Ihre Aufgabe ist die Rekrutierung junger europäischer Muslime für den Dschihad gegen den Westen, aber auch gegen jede abweichende Form des Islam. Eine ihrer wichtigsten Gruppen sind die auch in Deutschland aktiven „Ansar al Islam“. Sie rekrutieren auch europäische Dschihadisten und schleusen sie in den Irak. Gruppen wie Ansar al Islam profitieren davon, daß der Aufruf Bin Ladins zum Dschihad über den Nahen Osten hinaus auch in Europa, Asien, Afrika und mutmaßlich in Nordamerika angekommen ist und dort lokale Terrorzellen entstanden sind.
Anschläge von lokalen Zellen
Sie unterhalten keine organisatorische Verbindung zu Al Qaida. Vielmehr agieren sie, auch in der Wahl ihrer Ziele, selbständig und berufen sich nur auf die Mutterorganisation Al Qaida und deren Bin Ladin. Das hat die Bandbreite der möglichen Terroranschläge erheblich erweitert. Denn Al Qaida hatte bis 2001 nur amerikanische Ziele ins Visier genommen. Alle großen Terroranschläge der Jahre 2003 und 2004 sind jedoch von lokalen Zellen ausgeübt worden, die sich lediglich auf Al Qaida berufen.
Zu ihnen kam es in Bali, Casablanca, Istanbul und Madrid, aber auch in Saudi-Arabien, Kenia, Indonesien und Pakistan. Seit lokale Zellen die Anschläge verüben, wurde auch der Zeitraum zwischen ihnen kürzer. Vom Doppelanschlag auf die amerikanischen Botschaften in Afrika bis zum 11. September 2001 waren mehr als drei Jahre vergangen. Seither wurden viele „kleinere“ Anschläge in kürzeren Zeiträumen verübt.
Ausbildung, Erfahrung und Motivation
Bislang hatten die Mitglieder dieser lokalen Zellen keine große Erfahrung mit Attentaten; die meisten der seit 2001 verübten Anschläge richteten vergleichsweise geringen Schaden an. Das könnte sich durch die Rückkehr von Dschihadisten in ihre Heimatländer ändern. Denn sie werden aus dem Irak Ausbildung, Erfahrung und eine wesentlich stärkere Motivation mitbringen, befürchtet das amerikanische Außenministerium in seinem jüngsten Terrorismus-Bericht. Mit diesen Fähigkeiten werde die Gefährdung durch die lokalen Zellen zunehmen. Das ist auch deshalb der Fall, weil die Dschihadisten im Irak stärker radikalisiert sind als ihre Vorgänger in Afghanistan und sie nicht noch Jahre einer weiteren Entfremdung in ihrer Heimat benötigen, um zu gefährlich fanatisierten Terroristen zu werden.
Allein aus Saudi-Arabien kommen mindestens 3000 junge Männer, die mit den „ausländischen Dschihadisten“ im Irak kämpfen, möglicherweise sogar doppelt so viele. Sicherheitsfachleute schätzen, daß sich monatlich Hunderte von Saudis in den Urlaub verabschieden und dann, meist über Syrien, in den Irak absetzen.
Jeder fünfte Anschlag von Zarqawi?
Im Irak wird schon für jeden fünften Anschlag der Terroristenführer Zarqawi verantwortlich gemacht. Zarqawi hatte sich Ende 2004 öffentlich Bin Ladin und der von ihm geführten Al Qaida unterstellt. Seither nimmt die Welt die von ihm angeordneten Anschläge als einen Teil der Strategie Al Qaidas wahr. Das hilft sowohl Zarqawi als auch Bin Ladin. Denn letzterer hat sich seit November 2004 nicht mehr zu Wort gemeldet.
Al Qaida verlor zudem als Organisation in den vergangenen Jahren militärisch und politisch an Boden, was die Anziehungskraft unter jungen Muslimen vermutlich beeinträchtigt hat. Überdies wird immer wieder gemeldet, Bin Ladin sei eingekreist und seine Verhaftung stehe bevor. Da sich der Terror im Irak auch auf Bin Ladin bezieht, bleibt er in der internationalen Öffentlichkeit. Die Bombenanschläge, die in London in seinem Namen verübt wurden, sollen ebenfalls dem Eindruck entgegenwirken, daß Al Qaida zu großen und koordinierten Terroranschlägen nicht mehr in der Lage ist.
Keine Ruhe in Afghanistan
Auch in Afghanistan lassen die „Aufständischen“ keine Ermüdungserscheinungen erkennen. Vor wenigen Tagen schossen sie einen amerikanischen Hubschrauber ab; 16 Soldaten kamen ums Leben. Vor allem im Süden Afghanistans sind sie aktiv. Immer deutlicher zeigt sich, daß tschetschenische Extremisten das professionelle Rückgrat der Taliban-Truppen sind.
Die Erfahrung in Saudi-Arabien legt nahe, daß es nicht genügt, einzelne Terrorführer zu töten und ihre Zellen aufzulösen, die Schlagkraft Al Qaidas als Organisation und als Ideologie entscheidend zu schwächen. Die saudischen Sicherheitskräfte jagen zwar die Dschihadisten, und in den vergangenen zwölf Monaten wurden deren wichtigste Führer getötet. Zumindest auf der Arabischen Halbinsel hat Al Qaida bisher aber keine Mühe, durch den Dschihad im Irak neuen Auftrieb zu erhalten und mit den Dschihadisten aus dem Irak neue Mitglieder für ihre Zellen zu gewinnen. Wie weit dieser Prozeß in Europa ist, werden die Ermittlungen in London zeigen.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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