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Irak Tschalabis tiefer Fall

 ·  Der frühere Pentagon-Schützling Ahmad Tschalabi kann bei seinen Problemen mit der irakischen Justiz keine Hilfe aus Washington erwarten. Die Zukunft Tschalabis werde vom irakischen Volk entschieden, ließ Washington verlauten.

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Während des Einmarsches im Irak im vergangenen Jahr galt Ahmad Tschalabi noch als ein Aspirant für das höchste Staatsamt im befreiten Irak. Jetzt hat die irakische Justiz Haftbefehl gegen das frühere Mitglied des mittlerweile aufgelösten Übergangsrats erlassen. Doch damit nicht genug: Auch gegen seinen Neffen Salim, der das Tribunal gegen Saddam Hussein leitet, erging ein Haftbefehl.

Tief ist vor allem der Fall von Ahmad Tschalabi, der bis in den Krieg 2003 hinein im amerikanischen Verteidigungsministerium sowie bei Vizepräsident Cheney eine Vertrauensstellung innehatte. Aus der von ihm geleiteten Exilorganisation "Irakischer Nationalkongreß" (INC) kam jedoch ein großer Teil der Informationen, die sich als nicht zutreffend erwiesen - über irakische Massenvernichtungswaffen und eine Bevölkerung, die ausländische Truppen jubelnd empfangen würde. Viele Millionen Dollar erhielt Tschalabis Organisation jahrelang dafür aus Washington.

Doppeltes Spiel

Wie zerrüttet sein Verhältnis zu seinen amerikanischen Förderern um den stellvertretenden Verteidigungsminister Wolfowitz ist, wurde schon im Mai deutlich. Damals durchsuchten die Amerikaner in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in Bagdad sein Haus und das INC-Hauptquartier und beschlagnahmten Unterlagen und Computer. Dabei fanden sie offenbar auch das Falschgeld, das jetzt als Begründung für den Haftbefehl dient.

Im Mai wurden mehrere Mitarbeiter Tschalabis wegen des Verdachts angeklagt, Geld gefälscht zu haben. Später wurde Tschalabi, der nach eigenen Angaben in Iran "Urlaub macht", aus Amerika vorgeworfen, er habe Geheimnisse an Teheran verraten. Nach amerikanischen Medienberichten soll er dem iranischen Geheimdienst mitgeteilt haben, daß die Vereinigten Staaten dessen Verschlüsselungscode kennen und somit den geheimen Telefon- und Funkverkehr des Teheraner Dienstes entschlüsseln können.

Finanzielle Unregelmäßigkeiten

Aus Iran wies Tschalabi am Montag die neuesten Anschuldigungen zurück - wie auch die anderen zuvor. Sie seien Teil einer politischen Kampagne gegen ihn, sagte er am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. Als Vorsitzender des Finanzausschusses des Übergangsrates habe er das Falschgeld einsammeln lassen, dessen Besitz ihm jetzt vorgehalten werde. Vorwürfe wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten waren aber schon zuvor gegen ihn erhoben worden: So verurteilte ihn 1992 ein Gericht in Jordanien wegen Betrugs in Abwesenheit zu einer Haftstrafe von 22 Jahren, nachdem die von ihm geleitete Petra-Bank Konkurs angemeldet hatte.

Tschalabis Neffen Salim wird wiederum der Mord an einem Generaldirektor des irakischen Finanzministeriums vorgehalten. Aus London, wo sich Salim Tschalabi derzeit aufhält, bestritt er gegenüber der BBC diese Vorwürfe als "lächerlich". Er könne sich nicht erinnern, den Beamten je getroffen zu haben. Der Leiter des Sondertribunals, vor dem Saddam Hussein angeklagt ist, sieht in der Anklage den Versuch, die Arbeit des Gerichts zu behindern.

Alte Rivalitäten

Auf Hilfe durch seinen Onkel oder des noch vor wenigen Monaten einflußreichen INC kann Salim Tschalabi nicht bauen. Schon in der neuen irakischen Übergangsregierung unter Ministerpräsident Allawi ist der Irakische Nationalkongreß nicht mehr vertreten. Allawi und Tschalabi waren schon im Exil Rivalen. Die von Allawi geführte Gruppe "Irakische Nationale Eintracht" (INA) hatte vor dem Krieg enge Beziehungen zu britischen und amerikanischen Geheimdiensten aufgebaut.

Nach dem Ende des Saddam-Regimes hatte sich im vergangenen Sommer zunächst Tschalabi durchsetzen können, der von der amerikanisch geführten Zivilverwaltung verlangte, die irakische Armee und die Baath-Partei aufzulösen. Unter Allawis Einfluß wurde diese Entscheidung mittlerweile aber zum Teil wieder revidiert.

Mißtrauen im eigenen Land

Ahmad Tschalabi, selbst ein säkularer Schiit aus einer angesehenen Familie aus dem Südirak, hatte sich deshalb schon vor einiger Zeit um neue Freunde bemüht. Er wandte sich von den Amerikanern ab, die er immer schärfer kritisierte, gründete den "Schiitischen Politischen Rat" und intensivierte seine Kontakte nach Iran.

Eine neue Machtbasis im Süden des Landes konnte er bisher aber nicht aufbauen. Von Anfang an begegneten viele Iraker dem aus einem langjährigen Exil zurückgekehrten Politiker mit großem Mißtrauen, was Umfragen schon zeigten, bevor er in Bagdad Ämter und Einfluß verlor.

Quelle: hcr., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.08.2004, Nr. 184 / Seite 5
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