02.12.2005 · Nach der Entführung der Deutschen Susanne Osthoff wird darüber spekuliert, daß die Täter Informationen von irakischen Sicherheitskräften erhalten haben könnten. In der Tat: Wem die Loyalität der Polizisten gilt, ist oft erst zu erkennen, wenn es zu spät ist. Hans-Christian Rößler berichtet aus Basra.
Von Hans-Christian Rößler, BasraDer Polizist zögerte keinen Augenblick. Ein Schuß hallte durch die Wüste. Ein dunkler Kleinwagen der Marke Toyota war durch die Polizeikontrolle an der Autobahn von Basra nach Nadssirija im Südirak gerast, ohne anzuhalten. Es war zwar nur ein Warnschuß in die Luft, aber den Beamten der neuen irakischen Polizei mangelt es offenkundig nicht an Selbstbewußtsein. Wem die Loyalität der Männer in ihren neuen dunkelblauen Uniformen und den weißblauen Polizeiautos gehört, ist dagegen weniger leicht auszumachen.
So überrascht es nicht, daß nach der Entführung der Deutschen Susanne Osthoff Spekulationen darüber beginnen, daß die Täter Informationen von irakischen Sicherheitskräften erhalten haben könnten. Nach Medienberichten hatte Susanne Osthoff diese zuvor über ihre Fahrtroute informiert. Schon seit längerer Zeit warnen auch deutsche Sicherheitsfachleute Irak-Reisende davor, den neuen irakischen Sicherheitsdiensten zu großes Vertrauen zu schenken. Sie seien von Aufständischen und Mitgliedern der früher regierenden Baath-Partei unterwandert oder hielten zumindest zu ihnen Kontakt.
Polizisten an Attentaten beteiligt
Das gilt auch für den Süden des Landes, wo es eigentlich viel ruhiger und sicherer ist als in Bagdad und der unruhigen Mitte des Landes. Höchstens auf ein Viertel seiner Beamten könne er sich wirklich verlassen, klagte schon vor einiger Zeit General Hassan al Sade, der Polizeichef von Basra, der zweitgrößten Stadt des Iraks. Einige seiner mehr als 13.000 Polizisten seien auch an Attentaten beteiligt gewesen.
Andere in Basra malen ein noch dunkleres Bild: „Der Polizeichef hat gar keine Kontrolle. Die Polizisten verfolgen ihre eigenen Interessen und haben schon viele meiner Freunde getötet“, sagt ein irakischer Journalist, der seinen Namen nicht gedruckt sehen will, weil er um sein Leben fürchtet: Ein amerikanischer und ein irakischer Journalist wurden in Basra in den vergangenen Monaten entführt und wenige Stunden später erschossen aufgefunden. Der Iraker war Mitarbeiter der britischen Zeitung „Guardian“ und der „New York Times“. Männer in Polizeiuniform hatten ihn mit einem Polizeiauto abgeholt. Seine Familie hatten sie beruhigt, er solle nur ein paar Fragen beantworten und sei bald zurück. Er hatte unter anderem Artikel über den wachsenden Einfluß extremistischer Milizen in Basra recherchiert.
Von mehr als einem Dutzend ähnlicher Morde, hinter denen militante Muslime vermutet werden, berichten Einwohner von Basra in diesen Tagen. Allein im Monat Juli wurden in der Stadt unweit der iranischen Grenze 60 Morde registriert. Dazu muß man wissen, daß es in Basra auch immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Stämmen kommt und auch die zahlreichen Schmuggler nicht zögern, Gewalt anzuwenden.
Ausländische Truppen leiden unter mangelnder Loyalität
Die zweifelhafte Loyalität der neuen Sicherheitskräfte macht jedoch auch den ausländischen Truppen unter britischer Führung zu schaffen. Im September hatte die irakische Polizei in Basra zwei britische Soldaten festgenommen, die wohl als Araber verkleidet für den britischen Geheimdienst im Einsatz waren. Als die Polizei dann die beiden Männer der Mahdi-Miliz des radikalen Predigers Muqtada Sadr übergeben wollte, griff die britische Armee ein. Gewaltsam verschafften sich Soldaten zunächst Zugang zum Gefängnis und fanden schließlich die beiden Festgenommenen in einem Haus in der Nähe; 150 Gefangene konnten fliehen, mehrere Iraker wurden getötet.
Die Militäraktion trübte nachhaltig das bisher gute Verhältnis zu den Irakern, auf das die Briten im Südirak stolz waren. Westliche Diplomaten in Basra halten jedoch die Krise für überwunden und nehmen auch die Sicherheitskräfte in Schutz, die von britischen, italienischen und tschechischen Fachleuten ausgebildet worden waren. „Es gibt eine relativ niedrige Zahl von zwielichtigen kriminellen Elementen, die einen überproportionalen Einfluß ausüben. Die große Mehrheit der Polizisten ist wohl in Ordnung“, sagt ein westlicher Diplomat. Das irakische Innenministerium habe mittlerweile eine Polizeieinheit in der Innenstadt weitgehend ausgetauscht, der viele Übergriffe vorgeworfen worden waren.
Keine Zeit für genaue Auswahl von Bewerbern
Die neuen irakischen Sicherheitskräfte haben vor allem mit den Folgen der chaotischen Monate zu kämpfen, in denen ihr Aufbau begann. Nach dem Ende des Baath-Regimes war die Armee aufgelöst worden und die Saddam Hussein loyalen Polizeikräfte mußten ebenfalls zu großen Teilen neu aufgebaut werden. Die Wiederherstellung von Sicherheit hatte Vorrang vor einer genauen Auswahl der Bewerber. In Basra seien im Frühjahr 2003 Mitglieder der Baath-Partei und entlassene Häftlinge, die vor dem dortigen Sitz der Übergangsverwaltung demonstriert hatten, in den Polizeidienst aufgenommen worden. Europäische Polizeiausbilder bestreiten nicht, daß es ungeeignete Kandidaten in den Polizeidienst geschafft haben; einige hätten weder schreiben noch lesen konnten. Längst habe man aber in Polizei und Armee damit begonnen, sich von ihnen zu trennen.
Die Herausforderungen für die neuen Sicherheitskräfte sind groß; möglichst bald sollen sie für Ruhe und Ordnung sorgen und einen Rückzug der multinationalen Truppen möglich machen. Doch ihre Möglichkeiten sind im Vergleich zu früher begrenzt. In der südirakischen Provinz Maysan zum Beispiel, die schon unter Saddam Hussein kaum unter Kontrolle zu bringen war, hatte das alte Regime 30.000 Soldaten stationiert, jetzt sind es nur 1.500. Trotz der umfangreichen ausländischen Hilfe
bei Ausbildung und Ausrüstung fehlt es offenbar noch an vielem. Ein irakischer Offizier in Nassirija wünscht sich vor allem zweierlei: mehr Fahrzeuge sowie Waffen, die wenigstens so gut sind wie die der Milizen und der Terrorgruppen.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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