01.09.2005 · Der irakische Staatspräsident hat Terroristen, „die Völkermord am irakischen Volk begehen“, für die Massenpanik auf einer Tigrisbrücke verantwortlich gemacht, bei der bis zu tausend schiitische Pilger ums Leben gekommen sind.
In Bagdad sind am Donnerstag die ersten Menschen beigesetzt worden, die am Mittwoch umgekommen waren, als unter schiitischen Pilgern Panik aufgekommen war.
Das Innenministerium gab die Zahl der Toten mit mindestens 953 an. 815 Menschen seien verletzt worden. Viele von ihnen seien in kritischem Zustand. Die Massenpanik sei von „Terroristen“ provoziert worden, sagte Staatspräsident Talabani in einer Rede an die Nation.
„Zeichen der Rohheit“
„Dieses abscheuliche Verbrechen, das sich gegen die Pilger des Imam Musa al Kadhim richtete, ist Zeichen der Rohheit von Terroristen, die Völkermord am irakischen Volk begehen“. Der Kampf gegen Terrorismus und extremistische Gruppen müsse verstärkt werden, forderte er.
Die Regierung solle eine unabhängige Untersuchung des Unglücks anordnen, regte er an. Der nationale Sicherheitsberater Muwaffak al Rubaie verdächtigte Anhänger von Saddam Hussein und den Al-Qaida-Führer im Irak, Abu Mussab al Zarqawi, hinter der Tat zu stehen. Dagegen rief der Großjatollah Ali Sistani die Iraker zu Zurückhaltung und Einheit auf.
Dreitägige Staatstrauer
Der irakische Ministerpräsident Ibrahim al Dschafaari besuchte das Krankenhaus Kadhimija, in dem zahlreiche Opfer behandelt wurden. „Wir sind bereit, jeden Patienten ins Ausland zu bringen, der dort behandelt werden muß“, sagte er. Schon am Mittwoch hatte er eine dreitägige Staatstrauer angeordnet.
Die Massenpanik war ausgebrochen, als sich unter schiitischen Pilgern auf einer Tigrisbrücke das Gerücht verbreitete, daß sich ein Selbstmordattentäter in der Menge befinde. Viele Opfer ertranken im Tigris.
Fehlverhalten der Behörden?
Kritiker sagten, die Behörden hätten nicht schnell genug reagiert. „Das ist das Ergebnis einer mangelhaften Arbeit des Innen- und des Verteidigungsministers, die viele Menschenleben gekostet hat“, sagte Baha al Aaradschi, ein schiitischer Abgeordneter mit Verbindungen zu dem radikalen Geistlichen Muqtada al Sadr. „Sie sollten vor dem Parlament stehen und befragt werden.“ Wenn ihnen ein Fehlverhalten nachgewiesen werden könne, müßten die Minister entlassen und vor Gericht gestellt werden.
In den Krankenhäusern der Stadt versuchten am Donnerstag hunderte Menschen, ihre getöteten Angehörigen zu identifizieren. Viele Leichen lagen auf dem Boden vor der überfüllten Leichenhalle. Zahlreiche Staaten, darunter die Vereinigten Staaten. Jordanien und Iran, boten Hilfe bei der Versorgung der Verletzten an. Die EU, die Nato und der Iran machten Terroristen für die Tragödie verantwortlich. Die Massenpanik sei die „schockierendste und fürchterlichste Tragödie, die von Terroristen verursacht worden ist“, sagte der britische Außenminister Straw im Namen der EU. Ihr Ausmaß übersteige die Vorstellungskraft.
Todesurteile vollstreckt
Unterdessen sind in Bagdad am Donnerstag in Bagdad die ersten Todesurteile seit dem Sturz von Saddam Hussein vollstreckt worden. Wegen der Ermordung von drei Polizisten in Kut wurden drei Männer hingerichtet, wie ein Regierungssprecher mitteilte.
Wie die Strafe vollstreckt wurde, sagte er nicht. Bislang wurden zum Tode verurteilte Straftäter im Irak gehängt. Nach dem Irak-Krieg hatte die amerikanische Besatzungsverwaltung die Todesstrafe abgeschafft. Die irakischen Behörden führten sie nach dem formellen Ende der Besatzungszeit im Juni 2004 aber wieder ein.