09.01.2004 · Die Diskussion über die angeblichen Massenvernichtungswaffen des Iraks, die Washington als Rechtfertigung für den Krieg gedient hatten, ist mit einer Studie und durch Äußerungen von Bill Clinton wieder aufgelebt.
Die Angaben der amerikanischen Regierung über Massenvernichtungswaffen im Irak waren nach einer neuen Studie „irreführend“. Regierung und Geheimdienste hätten die Bedrohung durch den Irak vor Kriegsbeginn aufgebauscht, kritisierte das angesehene Forschungsinstitut „Carnegie Endowment for International Peace (CEIP)“. Meinungen seien in Fakten umgewandelt worden, hieß es in der Studie, die am Donnerstag in Washington veröffentlicht wurde.
Dem widersprach Außenminister Colin Powell. „Ich habe volles Vertrauen in die Fakten, die ich im vergangenen Jahr präsentiert habe“, sagte Powell. Er hatte im Februar vergangenen Jahres im Weltsicherheitsrat angebliche Beweise für irakische Waffenprogramme vorgelegt. Man müsse auf die Ergebnisse der Waffeninspekteure warten, sagte Powell. Bislang haben die amerikanischen Inspekteure im Irak keine Massenvernichtungswaffen gefunden.
UN-Team sucht weiter
Die Vereinigten Staaten haben unterdessen 400 ihrer Waffensucher aus dem Irak abgezogen. Das berichtete die „New York Times“ am Donnerstag unter Berufung auf Regierungsbeamte. Der Abzug sei ohne viel Aufhebens erfolgt. Das Team war beauftragt, etwa nach Raketenwerfern zu suchen, mit denen Massenvernichtungswaffen hätten abgeschossen werden können. Das Team sei abgezogen worden, weil seine Arbeit erledigt gewesen sei, zitierte die Zeitung einen Beamten.
Die Gruppe unter dem ehemaligen UN-Waffeninspekteur David Kay mit 1400 Mitgliedern sei dagegen nach wie vor im Irak im Einsatz. Sie hat bislang allerdings keine Massenvernichtungswaffen gefunden. Präsident George W. Bush hatte solche Waffen in den Händen des irakischen Diktators Saddam Hussein als Hauptkriegsgrund genannt.
Clinton ging von Massenvernichtungswaffen aus
Die Diskussion über irakische Massenvernichtungswaffen ist zudem mit einer Äußerung des früheren Präsidenten Bill Clinton angeregt worden. Clinton sei noch vor einigen Wochen „absolut überzeugt“ davon gewesen, daß Irak bis zur Entmachtung des Despoten Saddam Hussein solche Waffen besessen habe, sagte der portugiesische Regierungschef José Manuel Durao Barroso dem Kabelsender SIC Noticias am Donnerstag.
Dies habe Clinton ihm bei seinem Besuch in Lissabon Ende Oktober gesagt und sich dabei auf seine Jahre als Präsident im Weißen Haus und seinen „Zugang zu privilegierter Information“ berufen.
Fünf Tote bei Bombenexplosion in Bakuba
In der Stadt Bakuba ist am Freitag unterdessen vor einer Moschee eine Bombe explodiert und hat nach Polizeiangaben fünf Menschen getötet und rund 40 verletzt. Die Bombe detonierte während des traditionellen Freitagsgebets an der schiitischen Moschee. Am Morgen hatten Freischärler in Bagdad Raketen auf ein Hotel im Stadtzentrum abgefeuert. Augenzeugen berichteten, das vornehmlich von ausländischen Geschäftsleuten bewohnte Hotel Burdsch el Hajat sei im fünften Geschoß getroffen worden. Opfer habe es aber nicht gegeben, teilten Sicherheitskräfte des Hotels mit.
Bei einer nächtlichen Razzia haben amerikanische Soldaten in der irakischen Stadt Takrit 13 Verdächtige festgenommen. Wie der Nachrichtensender CNN unter Berufung auf die Streitkräfte am Freitagmorgen berichtete, stehen die Männer im Verdacht, an Anschlägen gegen die amerikanischen Streitkräfte beteiligt gewesen zu sein. Es seien Materialen zum Bombenbau, Computer und Handfeuerwaffen beschlagnahmt worden. Mehr als 300 Soldaten stürmten etwa zwei Dutzend Häuser und Geschäfte auf der Suche nach insgesamt 18 Verdächtigen. Die Militäraktion erfolgte nach Informationen von Einwohnern und irakischen Sicherheitskräften. Kommandeur Steve Russell kündigte weitere Razzien an. Dem gewaltsamen Widerstand in Takrit fielen seit April fünf amerikanische Soldaten zum Opfer, 52 wurden verletzt. Takrit ist die Heimatstadt der inhaftierten ehemaligen irakischen Präsidenten Saddam Hussein und eine der Hochburgen des Widerstands gegen die amerikanischen Truppen.
Beschuß vor dem Absturz?
Unterdessen untersucht die amerikanische Armee Berichte, nach denen der Absturz eines Militärhubschraubers am Donnerstag mit neun Toten durch einen Abschuß verursacht worden sei. Ein Transportflugzeug vom Typ C-5 mit 63 Menschen an Bord war am Donnerstag während des Starts auf dem Flughafen der irakischen Hauptstadt Bagdad beschossen worden, konnte aber sicher landen. Wie die amerikanische Luftwaffe weiter mitteilte, wurde niemand verletzt. Einzelheiten des Vorfalls würden ebenfalls geprüft.
Die Vereinigten Staaten begannen mit einem umfassenden Truppenaustausch im Irak und Afghanistan, wie am Donnerstag aus Militärkreisen in Washington bekannt wurde. Die rund 130.000 amerikanischen Soldaten im Irak sollen in den kommenden vier Monaten nach Hause zurückkehren und durch etwa 110.000 mobilere, weniger stark bewaffnete Kollegen ersetzt werden. Von der Truppenbewegung, vermutlich der größten in Jahrzehnten, sind Heer und Marineinfanteristen betroffen. Luftwaffe und Marine übernehmen den Transport der Soldaten. Der Wachwechsel begann nach Angaben aus Washington in dieser Woche mit der Rückkehr der ersten 200 Mitglieder der 101. Luftlandedivision von Irak nach Kentucky und der Entsendung von Fallschirmeinheiten aus North Carolina.