03.11.2003 · Das Dilemma der amerikanischen Besatzer im Irak bringt ein Berater des Leiters der Übergangsverwaltung in Bagdad auf den Punkt: "Man kann keine Demokratie aufbauen ohne Sicherheit."
Von Klaus-Dieter Frankenberger, Bagdad"Nicht im Traum kommt hier einer her", sagt ein ehemaliger amerikanischer Universitätspräsident, jetzt Berater des irakischen Erziehungsministers in Bagdad. "Unser Ziel, den Hochschulbetrieb wieder in Gang zu kriegen, können wir nur erreichen, wenn die Sicherheitslage geklärt ist", sagt der Kalifornier. Das gleiche gelte für den akademischen Austausch.
"Nach Bagdad kommt doch nicht ein einziger amerikanischer Dozent, wenn die Lage so prekär ist wie jetzt." Jedenfalls nicht, solange die Nachrichten aus Bagdad und aus dem sogenannten sunnitischen Dreieck - wie jetzt in den ersten Tagen des Ramadan - von Anschlägen gegen amerikanische und irakische Ziele, getöteten Soldaten und abgeschossenen Hubschraubern handeln. "Das war ein tragischer und schlechter Tag", lautete der Kommentar des Verteidigungsministers Rumsfeld, nachdem er von dem Tod von 15 Soldaten erfahren hatte, die beim Abschuß eines Transporthubschraubers ihr Leben verloren. Das war die höchste Opferzahl an einem einzigen Tag seit dem Beginn der amerikanisch-britischen Besatzung des Irak.
Erinnerungen an Beirut
Ereignisse wie dieses nähren die Zweifel daran, ob die Vereinigten Staaten den Willen aufbringen, "durchzuhalten", oder ob man sich langsam dem Punkt nähert, an dem eine Mehrheit der Wähler zwischen New York und Los Angeles von ihrem Präsidenten verlangt, mit dem Abzug der eigenen Soldaten zu beginnen und die Operation "Iraqi Freedom" für beendet zu erklären. Bush und Rumsfeld haben bestritten, daß sie an einen überstürzten Abzug auch nur dächten. Aber die Erinnerung zum Beispiel an "Beirut", als nach einem verheerenden Anschlag auf eine Unterkunft amerikanischer Marineinfanteristen der damalige Präsident Reagan das Engagement von heute auf morgen beendete, scheint gegenwärtig wacher als je zuvor zu sein.
Die Iraker, welche den Sturz Saddam Husseins bejubelten und die amerikanische Präsenz begrüßen, hoffen, daß es soweit nicht kommen werde. Wenn die Truppen der "Koalition" jetzt das Land verließen, dann bräche erst recht das Chaos aus, glauben viele Iraker. (Auch im benachbarten Kuweit, wo die meisten regelrecht begeistert waren vom Krieg gegen den Irak des Saddam Hussein, hegen nicht wenige Furcht, daß die "Amerikaner das Land zu früh verlassen werden".) Vor allem Exiliraker sprechen sich und anderen, den ersten Golfkrieg gegen Saddam, Anfang der neunziger Jahre, noch in schlechter Erinnerung, Mut zu. Sie glauben fest daran, daß die Amerikaner ihr Land "nicht wieder" im Stich lassen. Im Gespräch sagt einer von ihnen: "Die amerikanische Präsenz ist gut für den Irak, gut für uns."
Amerikanisches Dilemma
Das sehen vor allem jene Iraker naturgemäß anders, die zu den politischen und sozialen Verlierern des Regimewechsels in Bagdad gehören: die Angehörigen des alten, weit verzweigten Partei- und Sicherheitsapparats, die entlassenen Militärs, Leute, welche von der systematischen Bevorzugung der Hauptstadt und der sunnitischen Bevölkerung in irgendeiner Weise profitiert haben. Sie suchen jetzt mit aller Macht und mit den Methoden des Guerrillakampfes die ohnehin bestehende Unsicherheit des Übergangs zu einem Chaos auszuweiten, in dem es keine Sicherheit gibt und in dem der Wiederaufbau zum Scheitern verurteilt wäre. Das Ziel dieser Kräfte, die allem Anschein nach zumindest lokal vernetzt sind, über ausreichend Waffen und noch über hinreichend Geld verfügen, ist es, "Kollaborateure" einzuschüchtern. Und für die Besatzungsmächte sollen die materiellen Kosten und menschlichen Belastungen so erhöht werden, daß die Fortsetzung des Engagements politisch unhaltbar wird.
Fachleute wissen, daß dieser Punkt noch nicht erreicht ist. Aber immerhin machen sie sich schon ein Bild davon: Sie reagieren regelrecht mit Entsetzen auf die Vorstellung, amerikanische Truppen verließen das Land unter Hohngelächter und tödlicher Begleitmusik. Autoritäre Regime aller Art würden sich ermutigt fühlen und erdreisten, die Welt und besonders Amerika noch stärker als bisher zu provozieren. Die Glaubwürdigkeit der Vereinigten Staaten werde dahinschmelzen, und der Wind mittelöstlicher Neuordnung werde abrupt einer großen Stille weichen.
Amerikanische Militärs in Bagdad weisen jeden Gedanken an einen Abzug zurück: Wenn man es jetzt nicht richte, werde man es später doch erledigen müssen, aber zu einem viel höheren Preis. Und dann ist der Irak nicht Somalia oder der Libanon. Seine strategische Lage, sein Ressourcenreichtum und die ungeklärte Waffenfrage liefern ihnen hinreichend Gründe, den Versuch nicht abzubrechen, eine Neuordnung in Bagdad und für den Irak zu installieren. Aber sie wissen auch, was einer der engsten Berater des Leiters der Übergangsverwaltung sagt: "Man kann keine Demokratie aufbauen ohne Sicherheit." Der Mann meint das durchaus optimistisch. Sein Chef Bremer will jetzt verstärkt an einer beschleunigten Übergabe der Herrschaftsgewalt an eine irakische Zentralbehörde arbeiten.
Klaus-Dieter Frankenberger Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.
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