13.08.2004 · Nachdem der radikale Schiitenführer Muqtada Sadr am Morgen offenbar verwundet worden war, herrscht in der Stadt eine Waffenruhe. Trotz der jüngsten Kämpfe soll am Sonntag die irakische Nationalkonferenz beginnen.
In der umkämpften Pilgerstadt Nadschaf gilt nach Berichten arabischer Medien seit dem späten Donnerstag abend eine Waffenruhe. Der Nachrichtensender Al Arabija berichtete am Freitag, daß Vertreter der Milizen des radikalen Schiitenführers Muqtada Sadr mit Abgesandten der Regierung in Bagdad verhandelten.
Augenzeugen berichteten, in Nadschaf sei es am Freitag Vormittag völlig ruhig gewesen, nachdem noch am frühen Morgen sporadisch Explosionen und Gefechtslärm zu hören gewesen war. Auch das irakische Verteidigungsministerium bestätigte, daß die Kämpfe seit dem Morgen abgenommen hätten. Es ließ allerdings offen, ob der Kampfpause ein offizieller Waffenstillstand folgen werde.
Sadr offenbar verletzt
Anhänger Muqtada Sadrs sagten, am Morgen sei Sadr durch Granatsplitter an Brust, Bein und Arm verletzt worden sein. Ein Sprecher Sadrs sagte, dessen Zustand sei „stabil“. Sadr habe seine Anhänger aufgerufen weiterzukämpfen, auch wenn er selbst „als Märtyrer“ sterben sollte. Dagegen meldete das irakische Verteidigungsministerium, Sadr sei nicht verletzt.
Die amerikanischen Truppen und ihre irakischen Verbündeten hatten am Donnerstag nach tagelangen heftigen Gefechten in der südirakischen Stadt eine Offensive gegen Sadr und seine Miliz begonnen. Dabei stürmten sie auch Sadrs Wohnhaus im Osten von Nadschaf, trafen ihn dort aber nicht an.
Parallel zu den schweren Kämpfen gingen die Verhandlungen der Aufständischen mit der irakischen Regierung über ein Ende der Gewalt weiter. Nach Angaben von Sadrs Sprecher wurde die ganze Nacht über mit dem Nationalen Sicherheitsberater Muaffak el Rubai verhandelt, ohne nennenswerte Fortschritte zu erzielen. Die Gespräche würden fortgesetzt.
Irakische Nationalkonferenz soll am Sonntag beginnen
In Bagdad zogen unterdessen tausende Anhänger Sadrs zur Grünen Zone, dem schwer bewachten amerikanischen und irakischen Verwaltungsbezirk. Auf Bannern stand „Schießt die US-Flugzeuge ab“ oder „Laßt Muqtada Sadr in Ruhe“. Nach Angaben der Polizei entdeckten Sicherheitskräfte an der Kundgebungsroute eine Autobombe. Diese habe noch rechtzeitig entschärft werden können, womit „eine größere Tragödie“ verhindert worden sei, sagte ein Polizeioberst. Zu dem Zeitpunkt seien hunderte Demonstranten in der Nähe der Bombe durch die Straßen gezogen.
Die im Juli verschobene irakische Nationalkonferenz soll nun an diesem Sonntag beginnen. Dies bestätigte ein Mitglied des Vorbereitungskomitees am Freitag in Bagdad. Das Komitee sei sich einig, daß trotz der jüngsten Kämpfe in der schiitischen Pilgerstadt Nadschaf keine weitere Verschiebung mehr zuzulassen sei.
An der dreitägigen Nationalkonferenz sollen rund 1000 Vertreter von politischen Parteien, Stämmen, konfessionellen und ethnischen Gemeinschaften und Interessengruppen teilnehmen. Sie sollen einen 100 Mitglieder umfassenden Nationalrat wählen, der die Übergangsregierung von Ijad Allawi beraten und in beschränktem Maße kontrollieren soll. Insbesondere kann der Nationalrat Gesetzesverordnungen der Regierung mit einer Zweidrittelmehrheit blockieren.
Kanzler Schröder besorgt über Entwicklung im Irak
Die Nationalkonferenz war ursprünglich für Ende Juli angesetzt gewesen. Sie war verschoben worden, weil Vertreter der Vereinten Nationen im Irak den Stand der Vorbereitungen für ungenügend erachtet hatten.
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat sich besorgt über die neuerliche Eskalation der Gewalt im Irak geäußert. Die Instabilität des Landes habe auch Auswirkungen weit über die Region hinaus, sagte Schröder am Freitag bei einem Besuch in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Der Bundeskanzler schloß noch einmal kategorisch ein militärisches Engagement Deutschlands aus. Die Entsendung von Soldaten komme nicht in Frage. Etwas anderes sei die Ausbildung von irakischen Polizisten und Militärs mit deutscher Unterstützung in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Britischer Journalist entführt
Unterdessen bestätigte das britische Verteidigungsministerium in London, daß ein britischer Zeitungsjournalist in der südirakischen Stadt Basra entführt worden sei. Das Außenministerium in London bestätigte die Entführung, nannte jedoch keine Einzelheiten zur Person. Nach Angaben des Rundfunksenders BBC handelt es sich bei dem Entführten um James Brandon, einen freien Mitarbeiter des „Sunday Telegraph“. Etwa 30 maskierte und bewaffnete Männer seien in der Nacht zum Freitag in das Hotel Al-Diyafa gestürmt und hätten Brandon verschleppt, berichtete der Sender.
Stunden danach wurde laut dem Bericht ein Videoband veröffentlicht, das Brandon mit nacktem Oberkörper neben einem vermummten Mann zeigt. Der Vermummte habe gedroht, den Journalisten zu töten, falls sich die amerikanischen Truppen nicht aus Nadschaf zurückziehen sollten. Brandon habe sich auf dem Video selbst identifiziert.