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Irak Saddams Loyalisten weiten ihren Aktionsradius aus

13.11.2003 ·  Amerika zahlt einen hohen Preis dafür, daß es die irakische Guerrilla zu lange unterschätzt hat. Zerschlagen läßt sich das Netzwerk nicht mehr. Man kann es nur enthaupten.

Von Rainer Hermann
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Der Fastenmonat Ramadan reicht als Erklärung nicht aus. Einst war er der friedlichste Monat für die Muslime, aber in diesen Tagen fallen im Irak Fasten und Dschihad zusammen. Daß der Ramadan eine gesegnete Zeit sei, in der gute Taten zehnfach vergolten würden, predigt aus seinem britischen Exil Yassir al Sirri, Mitglied der in Ägypten verbotenen Extremistenvereinigung Gamaat al Islamiyya.

Zu den guten Taten zählt er wohl auch Anschläge: "Stirbt man als Märtyrer im Ramadan, ist es sogar besser." Viele kamen seit Beginn des Ramadan am 27. Oktober ums Leben. Im Irak hat die Gewalt sogar noch zugenommen. Jeden Tag gebe es "30 bis 35 Feindbegegnungen", sagt General Sanchez, der im Irak die amerikanischen Truppen kommandiert. Das ist dreimal mehr als im Sommer. Sanchez rechnet mit einem weiteren Anstieg der Angriffe in den kommenden "30 bis 60 Tagen".

Falsche Annahmen

Allein erklärt der Ramadan die Eskalation der Gewalt aber nicht. Sie ist auch das Ergebnis einer folgenschweren Fehleinschätzung der amerikanischen Geheimdienste. Im Frühjahr 1991 hatten sie nach der Befreiung von Kuweit Präsident Bush senior noch geraten, nicht nach Bagdad durchzumarschieren. Denn sie hatten befürchtet, was seit dem Sturz von Saddam Hussein eingetreten ist: daß den Siegern die Kontrolle entgleitet.

Nicht vorausgesehen haben diesmal die Geheimdienste und Berater der amerikanischen Regierung die Fähigkeit Saddams, aus dem Untergrund einen Guerrillakrieg vorzubereiten und zu steuern. Sie waren von der falschen Annahme ausgegangen, daß der sunnitische Widerstand nach dem Sieg über die irakische Armee zusammenbrechen und der Widerstand allein von den Schiiten ausgehen werde. Die irakische Armee wurde aber nicht besiegt, sie ergab sich kampflos, und viele ihrer Offiziere und Soldaten sind mit den Waffen in den Untergrund abgetaucht.

Sunnitisches Dreieck

Nur ein Zehntel der Waffen der irakischen Armee würde ausreichen, um die Amerikaner ein Jahr lang in einen Guerrillakrieg zu verstricken, schreibt die ägyptische Zeitung "al Ahram". Zudem habe Saddam wohl schon vor einem Jahr begonnen, eine Strategie für einen solchen Guerrillakrieg vorzubereiten, sagt der Irak-Kenner und Chefredakteur der Zeitung "al Quds al Arabi", Bari Atwan. Der erinnert daran, daß Saddam den Amerikanern gedroht habe, ihnen das Leben zur Hölle zu machen. Gelernt hat Saddam von Bin Ladin, dessen Al-Qaida-Organisation gemeinsam mit den Taliban nach ihrer Niederlage in Afghanistan ebenfalls einen Guerrillakrieg begonnen hat. Zerschlagen läßt sich das Netzwerk kaum, das Saddam in Jahrzehnten um sich errichtet hat. Man kann es nur enthaupten.

Bislang haben sich die "Loyalisten Saddams" auf das "sunnitische Dreieck" konzentriert. Ihnen wird der Angriff auf die Hauptquartiere der UN und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz am 17. August und am 27. Oktober zur Last gelegt sowie am 12. und 26. Oktober auf zwei große Hotels in Bagdad. Mutmaßlich stecken sie auch hinter dem Anschlag auf den Schiitenführer al Hakim in Nadschaf am 29. August und möglicherweise auf die italienischen Sicherheitskräfte in Nassirija am Dienstag. Es ist offensichtlich, daß die Anhänger des gestürzten Diktators versuchen, den Guerrillakrieg auf Landesteile jenseits des "sunnitischen Dreiecks" auszuweiten. Sie versprechen sich davon, dort, etwa im Süden des Iraks, Spannungen zwischen den amerikanischen Soldaten, die mit zunehmender Härte vorgehen, und der schiitischen Bevölkerung zu schüren.

Ausländische Kämpfer

Wahrscheinlich steht hinter dem Anschlag in Nassirija aber Al Qaida. Schon am 18. Oktober hatten arabische Fernsehsender ein Tonband von Bin Ladin ausgestrahlt. In ihm hat er gedroht, er werde "am richtigen Platz und zur richtigen Zeit" gegen all jene vorgehen, die an "diesem ungerechten Krieg" teilnähmen. Konkret nannte er Großbritannien und Spanien, Australien und Polen sowie Japan und eben Italien. Wiederholt hatte Al Qaida davor gewarnt, man werde die Guerrilla im Irak unterstützen. Ein Anschlag auf wichtige Versorgungseinrichtungen würde das Leben der schiitischen Bevölkerung beeinträchtigen. Das könnte sie erstmals gegen die amerikanischen Besatzer aufbringen, die sie bisher dulden.

Einheimische Islamisten seien nicht an den Anschlägen im Irak beteiligt, sagt Muthanna Harith al Dhari, Professor für islamisches Recht an der Universität Bagdad. Es seien "ausländische Kämpfer", die die Besatzer zu Vergeltungsschlägen provozieren wollten. Mit dem Begriff "ausländische Kämpfer" umschreiben die Amerikaner die islamistischen Extremisten, die aus dem Ausland einsickern. In den vergangenen Tagen haben sie 20 mutmaßliche Mitglieder von Al Qaida festgenommen. General Sanchez schätzt die Zahl der "aktiven ausländischen Kämpfer" aber auf 200.

Lokale Helfer

Gesammelt hatten sie ihre Erfahrungen in früheren Kriegen außerhalb des Iraks. Bei ihren Operationen sind sie auf lokale Helfer angewiesen. Dieser Kreis ist leichter zu infiltrieren als derjenige um Saddam Hussein. Eingesickert sind die "ausländischen Kämpfer" über die offenen Grenzen des Iraks. Schon nach dem Anschlag auf den Schiitenführer al Hakim sind über ein Dutzend Extremisten festgenommen worden, die aus Saudi-Arabien in den Irak eingedrungen waren. Zudem sollen Mitglieder von Al Qaida aus Syrien in den Irak gekommen sein, auf ihrem Weg von Afghanistans auch über Iran. Die Islamische Republik hat dabei mehrere hundert Mitglieder von Al Qaida verhaftet. In iranischen Gefängnissen sollen unter anderen Saad Bin Ladin, ein Sohn von Usama Bin Ladin, und Saif Adel, der Geheimdienstchef von Al Qaida, inhaftiert sein.

Noch nistet sich Al Qaida erst im Irak ein, und das gestiegene Sicherheitsrisiko in der Region beschränkt sich auf den Irak. Der Westen fürchtet aber, daß Al-Qaida-Mitglieder, die schon an der Grenze zu Jordanien stehen, ihren Weg nach Westen fortsetzen und auch in Israel Anschläge verüben werden. Zunächst mag die größere Gefahr sein, daß die libanesische Hizbullah-Miliz Aktionsradius erweitert und etwa im Gazastreifen aktiv wird. Langfristig befürchten Sicherheitsfachleute jedoch, daß Operationen von Al Qaida gegen Israel der Gewalt eine neue Dimensionen verleihen könnten.

In Saudi-Arabien ist Al Qaida schon aktiv. Seit wenigen Wochen gelingt es den saudischen Sicherheitskräften aber immer häufiger, Zellen auszuheben. Das läßt darauf schließen, daß es ihnen gelungen ist, Agenten einzuschleusen oder verhaftete Mitglieder von Al Qaida zum Sprechen zu bringen. Die Konzentration der ausgehobenen Zellen in Mekka könnte darauf hindeuten, daß Al Qaida einen Anschlag am heiligsten Ort des Islams plant, um die Legitimität des saudischen Herrscherhauses zu untergraben.

Stärkere Einbindung der Schiiten

Ägypten, ein anderes Kernland der arabischen Welt, scheint nicht auf der Liste von Al Qaida zu stehen. Es wird vermutet, daß Zawahiri, der ägyptische Stellvertreter von Bin Ladin, sein Heimatland so lange von Anschlägen ausnehmen will, wie die dortige Regierung den Islamisten einen gewissen Freilauf läßt. Gefährlicher als in anderen Ländern scheint heute die Ausrufung einer Islamischen Republik im Irak zu sein. Die irakische Guerrilla fordert die Besatzungsmächte nicht militärisch heraus - Saddam werden sie nicht zurück an die Macht bringen -, aber politisch.

Denn ohne eine stärkere Einbindung der schiitischen Bevölkerungsmehrheit wird es Amerika nicht gelingen, im Irak die Sicherheitslage entscheidend zu verbessern. Viele Schiiten wollen aber keine säkulare Republik. Zudem haben am Golf die vergangenen Monaten die Hebellänge der Macht verändert. Nicht mehr Washington sitzt am längeren Hebel, sondern - wegen ihres Einflusses auf die Schiiten des Iraks - die Islamische Republik Iran.

Amerika zahlt damit einen hohen Preis dafür, daß es die irakische Guerrilla zu lange unterschätzt hat. Noch immer bekämpft Washington den Terrorismus, ohne die irakische Polizei einzusetzen. Sie ist nur für die gewöhnliche Kriminalität zuständig. Bis Oktober wartete Washington zudem, bis es dem neuen irakischen Verteidigungsministerium zwei Terrorfachleute zur Seite stellte. Dabei verdanken die Amerikaner die Festnahme von Loyalisten Saddams ausschließlich Hinweisen aus der Bevölkerung. Die Übergabe von Verantwortung an die Iraker wird daher auch die Sicherheitslage verbessern.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2003, Nr. 265 / Seite 3
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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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