28.02.2006 · Der Prozeß gegen den früheren Machthaber im Irak wird wieder fortgesetzt. Bei weiteren Anschlägen kamen mindestens 56 Menschen ums Leben. Auch schiitische Moscheen waren das Ziel.
Von Rainer Hermann, IstanbulUnter der Beteiligung aller acht Angeklagten ist nach einer Unterbrechung von zwei Wochen in Bagdad der Prozeß gegen Saddam Hussein und weitere Repräsentanten des gestürzten Baath-Regimes fortgesetzt worden. Im Gerichtssaal erschienen auch wieder die Verteidiger, die - wie die Angeklagten - das Verfahren mehrere Tage boykottiert hatten. Aus gesundheitlichen Gründen habe Saddam Hussein seinen Hungerstreik nach elf Tagen beendet, sagte einer seiner Verteidiger vor dem Beginn der Verhandlung.
Die beiden Chefverteidiger von Saddam Hussein verließen aber nach wenigen Minuten das Gericht. Zuvor hatte der Vorsitzende Richter Rauf Abdarrahman ihre Anträge abgelehnt, das Verfahren abermals zu vertagen und einen neuen Vorsitzenden Richter zu benennen. In einem scharfen Wortwechsel mit Abdarrahman kritisierte Ibrahim Barzan al Takriti die Berufung von zwei Pflichtverteidigern, die er ablehnte. Die Anklage legte am Dienstag Dokumente vor, die die Unterschrift von Saddam Hussein tragen und die Todesurteile von Personen aus der Ortschaft Dudscheil enthalten, wo 1982 ein Attentat auf Saddam Hussein gescheitert war.
Irakische Regierung in Ankara
Unterdessen trafen in Ankara der amtierende irakische Ministerpräsident Dschaafari, sein Stellvertreter Tschalabi sowie die irakischen Minister für Verkehr und Elektrizität ein. Er werde die Türkei bitten, den Irak dabei zu unterstützen, die Wasser- und Stromknappheit zu überwinden sowie bei Transportproblemen zu helfen, sagte Dschaafari bei seiner Ankunft in Ankara. Dschaafari traf Ministerpräsident Erdogan, Außenminister Gül und zum Abschluß Staatspräsident Sezer.
Die Türkei wolle Dschaafari ersuchen, sie im Kampf gegen die kurdische Separatistenorganisation PKK im Irak unterstützen, berichteten die türkischen Medien. Der irakische Staatspräsident Talabani kritisierte Dschaafaris Reise. Er bezeichnete sie als eine persönliche Initiative, die nicht mit der Regierung in Bagdad abgestimmt sei. Die Reise verstoße gegen die irakische Verfassung. Da Dschaafari bis zur Bildung einer neuen Regierung nur kommissarischer Ministerpräsident sei, seien die Ergebnisse der Reise nicht bindend. Als nächster irakischer Politiker wird Muqtada Sadr in Ankara erwartet.
Tote bei Anschlägen
Am Dienstag kamen im Irak bei weiteren Anschlägen am Dienstag mindestens 56 Menschen ums Leben. Bei zwei Anschlägen auf schiitische Moscheen in Bagdad sind am Dienstag abend mindestens 15 Menschen getötet worden. Mehr als 70 weitere Personen wurden nach Polizeiangaben verletzt. Der schwerste Anschlag mit 14 Toten galt einer Moschee im Norden der irakischen Hauptstadt. Beim Beschuß eines schiitischen Schreins auf der anderen Seite des Tigris wurde ein weiterer Mensch tödlich getroffen.
Am Morgen waren bei vier koordinierten Anschlägen 36 Menschen getötet und mehr als 80 verletzt worden. Die Anschläge ereigneten sich kurz nach dem Ende des Ausgehverbots, das drei Tage gedauert hatte. Auch am Dienstag patrouillierten Panzer durch die Straßen. 23 Menschen wurden bei einem Selbstmordanschlag auf eine Tankstelle im Stadtteil Neu-Bagdad getötet. Nahe Baquba wurden neun Leichen gefunden, die von Kugeln durchsiebt waren. Zudem wurden im Irak zwei amerikanische Soldaten und ein britischer Soldat getötet. In Takrit zerstörte eine Bombe das Grabmal von Saddams Vater. Es entstand nur Sachschaden.
Der amerikanische Botschafter in Bagdad, Khalilzad, sagte dem Sender CNN, die Krise, die mit dem Anschlag auf die Moschee von Samarra begonnen habe, sei nun vorüber. Der Irak sei am Rande eines Bürgerkriegs gewesen. Sprecher der arabischen Sunniten teilten mit, daß sie sich erst wieder an Verhandlungen über eine neue Regierung beteiligen, wenn ihre Bedingungen erfüllt seien. Ein Sprecher des Innenministeriums gab bekannt, die „Wolfsbrigaden“ des Ministeriums hätten nach einem Hinweis aus der Bevölkerung in der Nähe von Bagdad einen Vertrauten des Terroristenführers Zarqawi und fünf weitere Personen mit Kontakten zu Al Qaida verhaftet. Der Syrer Abu Faruq soll Gruppen Zarqawis finanziert und koordiniert haben.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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