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Irak-Reportage Die Häuser stehen wieder, aber die Seele fehlt

09.06.2010 ·  Von Falludscha aus hat Al Qaida einst den Irak terrorisiert. Nach den Kämpfen kamen die Bewohner zurück und die Stadt wurde wieder aufgebaut. Doch Arbeit gibt es nicht.

Von Rainer Hermann, Falludscha
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Die Gerippe aus Beton sind eingeknickt, dazwischen schwingen Palmen im Wüstenwind. Aus einigen Manufakturen sprühen Funken von Schweißgeräten. Sonst bewegt sich in der zweitgrößten Industriezone des Iraks wenig, über dem Areal lastet eine brütende Sommerhitze.

Nach dem Sturz Saddam Husseins hatten in den Fabrikhallen von Falludscha Hunderte von Dschihadisten unter Führung des Terroristenführers Zarqawi ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Sie kamen aus der Wüste, verbarrikadierten sich in den Gebäuden, bauten Bomben und griffen aus der Deckung des Industriegebiets heraus die amerikanischen Soldaten an, die sich auf der Autobahn, von Bagdad kommend, Falludscha näherten. Aus ihren Werkstätten lieferten sie Sprengstoffe in andere Teile des vom Bürgerkrieg geplagten Landes. Das ging so, bis die amerikanische Luftwaffe 2004 die Industriezone in den zwei Operationen „Vigilant Resolve“ und „Phantom Fury“ bombardierte und die ganze Stadt von der Schreckensherrschaft Al Qaidas erlöste.

Heute kontrolliert Polizeimajor Abdurrahman das Industriegebiet aus dem Büro einer zerstörten Textilfabrik heraus. „400 Meter von hier hatten wir das letzte Gefecht mit den Saboteuren“, sagt der hochgewachsene, athletisch gebaute Mann und stützt seine rechte Hand auf den Revolver an der Hüfte. Er zeigt nach Süden: Dort war ihm und seiner Einheit damals, im April 2007, auf einer Patrouille etwas Merkwürdiges aufgefallen. Sie stießen auf elf versteckte Kleinstlastwagen, alle mit Sprengstoffkisten beladen. Es kam zu einem kurzen Gefecht. „Alle Saboteure wurden getötet, leider auch einige Polizisten“, erinnert sich der Major.

Im Niemandsland

Ein Jahr nach diesem Vorfall entdeckte eine Patrouille im Industriegebiet zwei Straßenbomben und entschärfte sie. „Seither gibt es hier keine Probleme mehr“, versichert der Polizeimajor. Alle Terroristen hätten die Stadt verlassen, einige auch den Irak. Heute gebe es überhaupt keine Probleme mehr - dank des Checkpoints an der Stadteinfahrt, den nur passieren dürfe, wer einen speziellen Ausweis der Stadt Falludscha für sich und einen weiteren für sein Auto vorweisen könne.

Diese Maßnahme erschwert die Rückkehr des Terrors. Sie versperrt aber auch den Weg in das Industriegebiet. In guten Zeiten waren dort Kolonnen von Lastwagen beladen und entladen worden, die von Bagdad nach Jordanien und zurück rollten. Das an einem Verkehrsknotenpunkt zwischen Ost und West und Nord und Süd gelegene Falludscha belieferte den ganzen Irak. Einst lebte fast ganz Falludscha von diesem Industriegebiet - nun ist es seit sechs Jahren zerstört und liegt in einem Niemandsland, in dem es keine Arbeit gibt.

Safa Nadschi ist trotzdem in sein kleines Geschäft zurückgekehrt. Er sitzt mit einigen Freunden in dem dunklen Raum, dessen beschädigtes Dach er nach den Kämpfen von 2004 notdürftig mit Bast geflickt hat. Hier hat er einst seinen vor 15 Jahren gegründeten Handel mit gebrauchten Getriebeteilen für deutsche Lastwagen betrieben. Den ganzen Tag hält kein Lastwagen vor dem Geschäft. Der Mechaniker spielt mal mit den Ersatzteilen, mal legt er seine öligen Hände in sein früher einmal weißes Gewand.

„Die neue Infrastruktur ist viel besser als die alte“

Die Stadtverwaltung hat eine Lösung für das Industriegebiet angekündigt: Die Industriezone soll von der Stadt isoliert und über eine eigene Zufahrt direkt mit der Autobahn verbunden werden - vorbei am Checkpoint. Aber ob das auch die Lösung für die Stadt ist? Fast alle der 270 000 Einwohner sind nach den Kämpfen nach Falludscha zurückgekehrt, aber ihre Seele hat die Stadt nicht wiedergefunden. Lethargie hat sich über sie gelegt.

Falludscha ist vom Krieg und von seinen Folgen besonders stark getroffen worden. Der Sturz Saddam Husseins hat viele Einwohner um ihre Arbeit gebracht - überdurchschnittlich viele von ihnen waren unter dessen Herrschaft Soldaten und Offiziere. „Dann haben die Schlachten von 2004 die Stadt zu 80 Prozent zerstört“, sagt Muhammad Maschkur, ein Bauingenieur, der im Stadtrat für den Wiederaufbau verantwortlich ist. 28 000 Wohnhäuser seien zerstört worden und 10 000 gewerblich genutzte Häuser. Es gab nach den Kämpfen kein fließendes Wasser, keinen Strom und keine Kanalisation mehr.

Die Infrastruktur freilich funktioniert wieder. Unmittelbar nach dem Ende der Schlacht um Falludscha baute die amerikanische Armee ein modernes Krankenhaus, verlegte neue Leitungen für Trinkwasser und Abwasser, baute Kläranlagen und erneuerte die Straßen. „Die neue Infrastruktur ist viel besser als die alte“, sagt Stadtrat Maschkur. Dann richtete die irakische Regierung einen Fonds von 200 Millionen Dollar für Entschädigungen und den Wiederaufbau der privaten Wohnhäuser ein. Nur noch an wenigen Gebäuden sind die Einschläge von Gewehrsalven zu sehen.

Entschädigungen ohne bürokratische Hürden

Zu denen, die mit Hilfe der Entschädigungen ihr Haus wieder aufgebaut haben, gehört auch der Grundschullehrer Abdussalam Hussein. Er war vor den Kämpfen in ein Dorf der Provinz geflohen. Als er zurückkehrte, stand von seinem Haus nichts mehr. Auf dem Schwarzweißbild, das er aus dem Bücherregal mit frommen Schriften zieht, ist nur ein Haufen Steine zu sehen. Mitglieder von Al Qaida hätten sich dort versteckt, habe man ihm gesagt.

Die Entschädigung, so sagt er, habe er ohne bürokratische Hürden bekommen und dann das neue Haus nach den Plänen des alten gebaut. Hussein klagt nicht. Das neue Haus sei moderner, und am Ende sei von der Entschädigung sogar so viel übrig geblieben, dass es für ein kleines japanisches Auto reichte.

Der Vater von vier Söhnen und vier Töchtern klagt auch deshalb nicht, weil er als mystischer Sufi ein friedfertiger Mann ist. Er verurteilt die fanatischen Muslime der Stadt, die Al Qaida Unterschlupf geboten hatten. Müde sei die Stadt heute, müde von der Herrschaft Saddams und den Folgen den Sanktionen, von dem Terror jener, die vorgegeben haben, sie kämpften gegen Besatzer, sagt er. Aber Abdussalam Hussein weiß nicht, was aus seinen Söhnen werden soll, denn Arbeit gibt es in der Stadt nicht.

„Wer keine Arbeit findet, kann leicht in die Fänge von Al Qaida geraten“

Scheich Hamid al Hashim, der Vorsitzende des Stadtrats, nennt eine Zahl: „Von vier Jugendlichen haben drei keine Arbeit.“ Er trägt die traditionelle Tracht der Stämme - unter Saddam Hussein wäre das nicht möglich gewesen, damals mussten Vertreter des Staates nach westlichen Sitten gekleidet sein. „Wer keine Arbeit findet, kann leicht in die Fänge von Al Qaida geraten“, warnt der Scheich. „Denn sie zahlen gut.“ Scheich Hamid al Hashim erhebt schwere Vorwürfe gegen die Zentralregierung in Bagdad: Sie schaffe in Falludscha im öffentlichen Dienst keine Arbeitsplätze, sie investiere nichts. Ein Trinkwasserprojekt habe sie einmal vor Jahren an ein Unternehmen vergeben, das keine Erfahrung habe, und so dümple das Projekt vor sich hin.

Auch draußen in der Industriezone entstehen noch keine Arbeitsplätze. Für die Wiederherstellung der dort zerstörten Gebäude hat die Regierung erst jetzt 60 Millionen Dollar bereitgestellt. Nötig sei das Doppelte, sagt der Wiederaufbau-Stadtrat Maschkur. „Endgültig verschwinden wird der Terror nur dann aus der Stadt, wenn die Fabriken und Geschäfte in der Industriezone wiederaufgebaut sind.“ Falludscha werde die letzte irakische Stadt sein, die befriedet werde.

Der Chef der Anti-Terror-Einheit verbreitet hingegen das Gefühl von Sicherheit. In der Stadt, aus der heraus Al Qaida einst den Irak terrorisiert hatte, geht er mittags in einem belebten und jedem zugänglichen Restaurant entspannt essen. Der Spuk des Terrors hat sich verflüchtigt. Zum Leben zurück hat Falludscha aber noch nicht gefunden.

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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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