15.12.2003 · Mit dem Coup vom Sonntag haben die amerikanischen Besatzer zumindest vorübergehend die psychologische Kontrolle über den Irak wiedererlangt.
Von Rainer Hermann, IstanbulMit der Festnahme von Saddam Hussein haben die Koalitionstruppen im Irak wieder die Initiative übernommen, die ihnen in den Monaten zuvor immer mehr entglitten war. An sich gerissen hatten sie die Guerilleros, die im Namen des Mannes gekämpft haben, der nun verhaftet worden ist. Aber auch irakische Nationalisten und Islamisten wußten das Vakuum zu nutzen, das durch den amerikanischen Mißerfolg entstanden war, den Irak zu befrieden und Sicherheit zu schaffen. Mit dem Coup vom Sonntag haben die amerikanischen Besatzer zumindest vorübergehend die psychologische Kontrolle über den Irak wiedererlangt.
Das versetzt Washington stärker als bisher in die Lage, über seine Präsenz im Zweistromland die Neuordnung des Nahen Ostens und die Demokratisierung voranzutreiben. Washington bleibt so lange Zeit, die zurückgewonnene Initiative, bis die nächste Anschlagswelle, die viele erwarten, über das Land hereinbrechen wird. Vieles, was sich die Vereinigten Staaten noch zum Beginn des Irak-Kriegs vorgenommen hatten, haben sie heute revidiert. So erkannten ihre Strategen, daß weder ein Regimewechsel in Iran noch in Saudi-Arabien zum Vorteil des Westens ist.
Grab für den Despotismus
Denn die Amerikaner haben sich im Kampf gegen die sunnitische Guerilla in den vergangenen Monaten mit den irakischen Schiiten arrangiert, die gut mit dem amerikanischen Zivilverwalter Bremer zusammenarbeiten. Auch hat Washington erkannt, daß es zur Herrschaft des saudischen Königshauses keine vernünftige Alternative gibt. Verheerend wäre für den Westen, würden sich die islamistischen Fanatiker an die Macht bomben. Auch hat sich in Washington die Erkenntnis durchgesetzt, daß der Irak auf absehbare Zeit nicht die stabilisierende Rolle Saudi-Arabiens in der Opec einnehmen kann.
Folgen wird das wiedergewonnene amerikanische Selbstbewußtsein aber haben. Das Erdloch, in dem Saddam gefunden wurde, sei das Grab für den Despotismus der Region, wünscht sich die saudische Tageszeitung "Arab News". Die Festnahme Saddams sei in erster Linie eine Lektion für alle arabischen Regime, daß Diktatoren wie Saddam ihre Länder und den Nahen Osten in Katastrophen führen würden, sagt Salama Ahmad Salama, Kolumnist bei der Zeitung al Ahram und einer der führenden politischen Beobachter Ägyptens.
Tareq Humaid von der saudischen Zeitung "al Sharq al Awsat" spricht von einer vom Fernsehen übertragenen Enthüllung einer dreißig Jahre alten Lüge. Salama meint, Saddam sei nur für wenige Araber wirklich ein "Symbol des Heroismus" gewesen. Nun werden aber die Staaten den Druck Washingtons zu spüren bekommen, die auf den Diktator gesetzt haben und sein Ende bedauern.
Glaubwürdigkeit Washingtons erhöht
Nicht zufällig ist als erstes Land Syrien wieder ins Visier der amerikanischen Politik geraten. Washington hat wohl nicht zu Unrecht Damaskus vorgeworfen, die Loyalisten Saddams unterstützt und "ausländischen Kämpfern" die Weiterreise in den Irak ermöglicht zu haben. Am Wochenende unterzeichnete Präsident Bush ein Sanktionsgesetz gegen Syrien.Der syrische Präsident Assad bemerkte rechtzeitig, daß der Druck auf ihn zunimmt. Daher sucht er nach Halteseilen, um nicht ganz hilflos der amerikanischen Präsenz um Syrien herum gegenüberzustehen. Anfang Januar wird er als erster Präsident Syriens die Türkei besuchen. Israelische Medien berichteten zudem, daß Assad in diesen Tagen in Athen über griechische Vermittlung Kontakte zu Israel aufbauen wolle.
Die Vereinigten Staaten bleibt ihr neuer Handlungsspielraum nur so lange, wie der irakische Widerstand nicht ihre ganze Aufmerksamkeit bindet. Der Ägypter Salama spricht für viele, wenn er befürchtet, daß die Festnahme von Saddam mutmaßlich nicht das Ende der Guerilla bedeuten wird. Sie werde weitergehen und möglicherweise nochmals zunehmen, prognostiziert er. Denn in der Vergangenheit haben nicht allein die Anhänger Saddams Anschläge durchgeführt. Ihre Bewegung ist nun enthauptet, nicht aber erledigt. Der britische Terrorfachmann Toby Dodge schätzt die Zahl der im Irak aktiven Guerillagruppen auf inzwischen "15 bis 30". Zu ihnen zählen islamistische Mudschahedin, auch irakische Nationalisten, die bisher keinen Widerstand leisteten, weil sie nicht Wasser auf Saddams Mühlen leiten wollten. Nun haben sie keinen Grund mehr, sich zu zurückzuhalten.
Die Festnahme Saddams hat die Glaubwürdigkeit der Vereinigten Staaten erhöht und der Guerilla einen harten psychologischen Schlag versetzt. Nicht wenige erwarten daher, daß die Guerilla nun kurzfristig beweisen muß und es in den kommenden Tagen Anschlägen kommen wird. Am Montag waren bei Angriffen auf zwei Polizeistationen in Bagdad wieder acht Menschen getötet worden. Denn würden die Widerstandskämpfer nichts unternehmen, könnte der Eindruck entstehen, daß die Festnahme Saddams sie tatsächlich geschwächt habe. Andererseits wissen die noch tätigen Guerilleros nicht, ob Saddam in den Verhören Details preisgibt, was die Guerilla zwingen würde, geplante Anschläge zu ändern.
„Geschlagen und hungrig“
Langfristig aber sind die aus dem Ausland einsickernden islamistischen Terroristen die größere Gefahr. Den einheimischen Loyalisten Saddams wird früher oder später das Geld für die Finanzierung ihrer Anschläge ausgehen, das Terrornetzwerk al Qaida findet im Irak aber eine ideale Bühne für ihre Attentate vor. Dort treffen sie nicht nur die Vereinigten Staaten. Sie erreichen mit ihren Anschlägen auch, daß Washington seinen Druck auf die arabischen Regierungen erhöht, im Kampf gegen al Qaida einen höheren Gang einzulegen. Das könnte aber zu einer Zuspitzung der innenpolitischen Spannungen in diesen Ländern führen. Beunruhigend ist die Nachricht, daß einer der meistgesuchten islamistischen Extremisten, der Libanese Imad Mughniya, nun im Süden des Iraks vermutet wird.
Immer weniger scheint es plausibel zu sein, daß Saddam von seinem Erdloch aus den Widerstand geleitet haben soll. Er schien "kaputt", sagt Salama, und der Ägypter vermutet, daß Saddam möglicherweise schon am Ende des Kriegs politisch seine Bedeutung verloren haben könnte. Das deckt sich mit Meldungen in israelischen Medien. Auf einer Internetseite, die dem israelischen Geheimdienst nahestehen soll, wird sogar darüber spekuliert, ob Saddam, der "geschlagen und hungrig" gewirkt habe, sich in dem Erdloch nicht versteckt habe, sondern von anderen gefangengehalten worden sei. Denn es sei keine Kommunikationsausrüstung gefunden worden und aus dem Loch habe er alleine nicht herauskommen können. Möglicherweise sei er dort drei Wochen gefangen gewesen, gehen die Spekulationen weiter. In dieser Zeit habe die Guerilla im "sunnitischen Dreieck" nachgelassen, die um Mossul aber zugenommen. Saddam wird wohl noch lange die Phantasie anregen.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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