07.05.2004 · Gegen britische Soldaten im Irak sind neue Vorwürfe laut geworden. Ein zeitweiliger Angehöriger desselben Regiments, das schon früher genannt worden war, hat über vier weitere Fälle von Mißhandlungen berichtet.
Gegen britische Soldaten im Irak sind neue Vorwürfe laut geworden. Ein zeitweiliger Angehöriger desselben Regiments, das schon früher genannt worden war, hat über vier weitere Fälle von Mißhandlungen berichtet. Bei einer Gelegenheit habe ein Korporal einem irakischen Gefangenen beim Verhör einen Sandsack über den Kopf gestülpt und ihm so lange mit den Fingern in die Augen gestochen, bis er geschrien habe. "Ich habe den Zustand der Gesichter gesehen, als die Sandsäcke wieder weg waren. Ihre Nasen waren verbogen. Sie sahen aus wie Blutwürste." Die Gewalttaten seien von drei Anführern organisiert worden, doch auch Offiziere und Unteroffiziere seien verantwortlich zu machen.
Das ist der dritte Gewährsmann, der solche Anschuldigung im Boulevardblatt "Mirror" ausgebreitet hat. Doch anders als die anonymen Vorgänger "Soldat A" und "Soldat B" hat er sich nach seinem Termin bei der Zeitung der Militärpolizei zur Verfügung gestellt, die ihn dann an einem geheimgehaltenen Ort in London ausfragen konnte. Öffentlich ist er bis jetzt jedoch nur als "Soldat C" bekannt.
Militärische Entscheidungen überschattet
Offenbar gehört er nicht zur regulären Truppe, sondern ist eine Art Halbzivilist der Territorialarmee, der dem Regiment zeitweilig als Reservist zugeteilt war. Das "Queen's Lancashire Regiment" war bis vergangenen Herbst im Irak eingesetzt; die Vorfälle müssen sich also davor ereignet haben. Heute hat das Regiment sein Quartier auf Zypern. Seine Soldaten haben Befehl, mit Fremden nicht über das Thema zu sprechen, vor allem nicht mit Journalisten und anderen verdächtigen Touristen.
Das Aufsehen über die Foltervorwürfe überschattet auch militärische Entscheidungen. Eine seit Tagen erwartete Bekanntgabe über die Verlegung weiterer Einheiten wird immer wieder hinausgeschoben, weil die Vorwürfe die Stimmung im Irak angeheizt und die Einsätze gefährlicher gemacht haben. Zuerst war von einer Verstärkung um mehrere tausend Mann die Rede, jetzt sollen demnächst nur 800 Soldaten in Marsch gesetzt werden.
Aber noch am Freitag hat Verteidigungsminister Hoon bestritten, daß die Entscheidung schon getroffen sei. Strittig ist auch, ob die neuen Einheiten in die Gegend des umkämpften Nadschaf verlegt werden sollen, neun Autostunden nördlich vom britischen Besatzungsgebiet um Basra. Dort sind derzeit 7000 britische Soldaten und rund 1000 Mann zusätzliches Personal stationiert.
Nichtqualifiziertes Personal
Auch politisch-rechtliche Fragen, die bisher nicht wichtig schienen, drängen sich unversehens in den Vordergrund. Ein Mitglied des außenpolitischen Ausschusses des Unterhauses hat die Regierung aufgefordert, rechtzeitig Vorkehrungen zu treffen, daß britische Soldaten im Irak nach Vorwürfen der jetzt umlaufenden Art nicht plötzlich von der zivilen Todesstrafe bedroht würden. Der Fall könnte eintreten, wenn ein Iraker nach dem 1. Juli einen Soldaten vor einem einheimischen Gericht des Mordes beschuldigt.
Die britische Zeitung "The Guardian" berichtete derweil unter Berufung auf einen früheren amerikanischen Geheimdienstoffizier, viele der Gefangenen, die im irakischen Gefängnis Abu Ghraib mißhandelt worden seien, seien unschuldige Iraker, die sich keiner Handlung gegen die Besatzungsmächte schuldig gemacht hätten und nicht selten zufällig verhaftet worden seien. Häufig würden sie von nichtqualifiziertem Personal verhört.
Erzwungene Geständnisse
Der Informant der Zeitung war zunächst in Guantanamo an Verhören beteiligt gewesen, bevor er im vergangenen Jahr von einer Privatfirma im Bundesstaat Virginia nach Abu Ghraib geschickt wurde. Torin Nelson hatte im Februar Abu Ghraib verlassen und stand danach als Zeuge der Taguba-Kommission zur Verfügung, die zu den Mißhandlungen in dem Gefängnis ermittelt hat. In Abu Ghraib hält die Besatzungsmacht 4000 Iraker gefangen.
Nelson schildert in dem Interview, wie amerikanische Einheiten auf Streifzügen die gesuchten Personen nicht gefunden und statt dessen beliebige Personen verhaftet hätten, um ihren Auftrag zu erfüllen. Da sie meist unschuldig seien, sei die Gefahr von Mißhandlungen gestiegen, sagte er. Denn die Verhörenden hätten nicht geglaubt, daß die Verhafteten nichts zu sagen hatten, und wollten aus ihnen Geständnisse herauspressen.
Für die Mißhandlungen macht Nelson den Umstand verantwortlich, daß die Vereinigten Staaten viele Aufgaben in dem Gefängnis an private Firmen vergeben hätten. Diese hätten aber kein geeignetes Personal nach Abu Ghraib geschickt, sondern "Köche und Lastwagenfahrer". Die private Firma, für die Nelson gearbeitet hat, habe 30 Personen an das Gefängnis von Abu Ghraib entsandt, schrieb die Zeitung.