03.11.2003 · Das Regime Saddam Husseins hat noch bis zum Februar dieses Jahres aktiv versucht, Raketentechnologie von Nordkorea zu beschaffen. Das erfuhr die F.A.Z. von einem hohen amerikanischen Beamten in Bagdad.
Das Regime Saddam Husseins hat noch bis zum Februar dieses Jahres aktiv versucht, Raketentechnologie von Nordkorea zu beschaffen. Das Geschäft sei letztlich nicht zustande gekommen, weil die Führung in Pjöngjang wegen der verstärkten internationalen Beobachtung seine Vertragsverpflichtungen nicht eingehalten habe, sagte eine hoher amerikanischer Beamter jetzt dieser Zeitung in Bagdad. Diese Beschaffungspläne Saddams seien sowohl den Vereinten Nationen als auch der Regierung in Washington zum damaligen Zeitpunkt nicht bekannt gewesen.
Wie prekär gegenwärtig die Sicherheitslage im Irak ist, wurde am Sonntag deutlich. Fünfzehn amerikanische Soldaten kamen beim Abschuß eines Transporthubschraubers nahe Bagdad um. Der Hubschrauber war von Falludscha zum Flughafen der irakischen Hauptstadt unterwegs, als er nach Angaben eines Militärsprechers vermutlich von einer Rakete getroffen wurden und abstürzte. An Bord seien Soldaten gewesen, die für einen Erholungsurlaub zunächst nach Kuweit und dann in die Vereinigten Staaten hätten geflogen werden sollen. Dies war der größte Verlust, den die amerikanischen Truppen seit ihrem Einmarsch im Irak bei einem Angriff hinnehmen mußten; der Abschuß folgt auf eine Serie tödlicher Anschläge vor allem in und um Bagdad in der vergangenen Woche.
Brisante Enthüllung
Die Enthüllung über irakische Beschaffungspläne ist brisant angesichts der Kontroverse über die Kriegsmotive der Regierungen Amerikas und Großbritanniens, zumal bis jetzt keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden, welche die Vermutung einer "akuten Bedrohung" stützen würden. Die damalige Führung des Iraks habe im Oktober vergangenen Jahres mit Nordkorea über die Lieferung von Raketentechnologie verhandelt, sagte der in die Suche nach Massenvernichtungswaffen eingeweihte Beamte. Es habe sich um Nodong-Technologie gehandelt, die eine Reichweite von 1300 Kilometern erlaubt.
Der Testflug einer Nodong-Rakete 1998 über japanisches Territorium hatte in Tokio für große Aufregung gesorgt. Die Regierung in Bagdad habe bereits eine Anzahlung von zehn Millionen Dollar geleistet. Als sie im Februar dieses Jahres die Lieferung anmahnte, sei sie mit dem Hinweis auf die verstärkte Beobachtung abgewiesen worden, der Nordkorea wegen seines Atomprogramms ausgesetzt sei. Das Verlangen nach Rückerstattung der Anzahlung sei kalt abgewiesen worden, sagte der Beamte, der angab, sowohl über schriftliche Belege der Verhandlungen zu verfügen als auch die Vertragsbestimmungen zu kennen. Ebenso verfüge man über Dokumente, die belegten, daß Saddam an der Verlängerung der chinesischen Rakete vom Typ Seidenraupe habe arbeiten lassen. Der Krieg habe dem ein Ende gesetzt.
Aus den Aussagen irakischer Wissenschaftler und Militärs, die sich im Gewahrsam der Besatzungstruppen befinden, gehe hervor, daß Saddam Hussein Ende 1999 begonnen habe, über einen - von diversen UN-Resolutionen untersagten - Neubeginn seiner Raketenprogramme nachzudenken. Dieser Prozeß habe sich bis ins Jahr 2001 hingezogen. In jenem Jahr "haben die Iraker ihre verschiedenen Raketenprogramme aggressiv vorangetrieben". Gleichzeitig habe Saddam seine dafür zuständigen Söhne Udai und Qusai gefragt, wie lange es dauern werde, Programme für biologische und chemische Waffen neu zu beginnen. Er habe vor allem Senfgas und Sarin im Auge gehabt. Sollte dies stimmen, so liegt der Schluß nahe, daß der Irak damals tatsächlich nicht (mehr) über derartige Substanzen in waffenfähiger Form verfügt hat.
Auffälliger Zeitpunkt
Auffällig ist der Zeitpunkt, von dem an Saddam Hussein die Anweisung gegeben haben soll, Raketentechnologie zu beschaffen oder bestehende System zu modernisieren. Am 17. Dezember 1999 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat bei Enthaltungen Frankreichs, Rußlands und Chinas die Resolution 1284. Diese Resolution sah ein verschärftes Inspektionsregime vor und eine faktische unbefristete Verlängerung der Sanktionen. Sie war weit strenger als die ursprüngliche Waffenstillstandsresolution 687 nach Ende des Golfkriegs 1991. Saddam Hussein sei klar gewesen, daß die Sanktionen, die er zu recht als Hindernis und drückende Last gesehen habe und die er deswegen habe loswerden wollen, unter der Resolution 1284 möglicherweise niemals aufgehoben würden. Von diesem Punkt an habe er sich neuen Trägersystemen und neuen biologischen und chemischen Waffenprogrammen zugewandt.
In den Befragungen nach den Einsatzdoktrinen haben nach Auskunft des amerikanischen Beamten hohe irakische Militärs und Divisionskommandeure zum Teil überraschende wie merkwürdige Auskünfte gegeben. So hätten sie die Frage, ob die ihnen unterstehenden Truppen über Massenvernichtungswaffen verfügt habe, verneint, aber die Überzeugung hinzugefügt, daß "die anderen" Divisionen über diese Waffen verfügt hätten. Alle seien der Auffassung gewesen, daß wenigstens zur Verteidigung Bagdad Massenvernichtungswaffen eingesetzt würden, nachdem bis dahin noch nicht einmal alle konventionellen Waffen hätten zum Einsatz kommen dürfen. Saddam habe die entsprechenden Einsatzpläne "einfach nicht freigegeben". Möglichweise sei er der irrigen Ansicht gewesen, daß die Vereinigten Staaten letztlich doch nicht angreifen würden.
Signale aus Paris und Moskau
In Befragungen soll der frühere stellvertretende Regierungschef Tariq Aziz geäußert haben, daß der Grund für diese Ansicht des irakischen Diktators die Zerstrittenheit und die Auseinandersetzungen im UN-Sicherheitsrat gewesen seien. Zudem habe er Signale aus Paris und Moskau empfangen, daß diese beiden ständigen Ratsmitglieder die Verabschiedung einer Resolution verhindern würden, die den Einsatz militärischer Mittel erlauben sollte. Auch soll Saddam versichert woren sein, daß der Einsatz von Bodentruppen - nach Luftschlägen - verhindert werde. Luft- und Bodenkrieg hatten aber zum gleichen Zeitpunkt begonnen. Die amerikanische Behörde schenkt diesen Behauptungen von Tariq Aziz, für deren Stichhaltigkeit es keine anderen Belege gebe, keinen Glauben; er wolle damit nur seinen Kopf aus der Schlinge ziehen.
Generell sei die Befragung vor allem von Wissenschaftlern und anderen "potentiellen Quellen" schwierig, weil sie für diese mit einem hohen Risiko verbunden seien und weil ihre Familien bedroht würden. So sei Anfang Juli "eine Quelle" unmittelbar nach der Befragung auf offener Straße erschossen worden. Andere potentiell Aussagewillige würden auf verschiedene Weise davor gewarnt, mit der amerikanischen Übergangsverwaltung zusammenzuarbeiten.