14.09.2005 · Al Qaida hat sich zu der folgenschwersten Anschlagsserie im Irak seit Jahresbeginn bekannt. „Die Löwen der Einheit Gottes“ seien ausgezogen, um Anschläge zu verüben, hieß es in der Internetbotschaft des Terrornetzes.
Bei der folgenschwersten Anschlagserie seit Jahresbeginn haben Extremisten am Mittwoch in der irakischen Hauptstadt Bagdad mehr als 130 Menschen getötet.
Der erste Selbstmordattentäter brachte sein Sprengstoff-Auto am Morgen im Schiiten-Stadtteil Kadhimija inmitten einer Menge von Tagelöhnern zur Explosion, die auf Arbeit warteten.
Insgesamt zehn Autobomben
Bei diesem Anschlag starben mehr als 80 Zivilisten, mehr als 160 Iraker wurden verletzt. Der staatliche Fernsehsender Al-Irakija sprach von 114 Toten. Die Explosion ereignete sich in der Nähe der Aimma-Brücke, auf der bei einer Massenpanik am 31. August mehr als 1000 Menschen getötet wurden.
Bis zum Nachmittag explodierten im Stadtgebiet noch neun weitere Autobomben. Zu den Anschlagszielen zählten nach Angaben von Augenzeugen und Reportern vor Ort eine Brennstoff-Verteilungsstelle im Norden der Stadt, zwei amerikanische Militärkonvois und Angehörige der irakischen Nationalgarde.
„Feuer, Staub, Dunkelheit“
In Kadhimija lockte der Selbstmordattentäter Tagelöhner mit vermeintlichen Arbeitsangeboten zu seinem Kleinbus, bevor er den Sprengsatz zündete. „Wir sind zusammengelaufen, und plötzlich ging das Auto in die Luft, und alles war in Feuer, Staub und Dunkelheit getaucht“, sagte einer der Arbeiter, der den Anschlag am frühen Morgen überlebte.
Die Bombe war nach Angaben aus dem Innenministerium 220 Kilogramm schwer. Sie zerfetzte die Menschen in der Luft. Tote und Verletzte fielen neben brennende Autos. Freiwillige brachten die Opfer auf Holzpritschen zum Krankenhaus, das binnen kurzem überfüllt war. Die Verletzten mußten teilweise auf dem Boden behandelt werden.
Bei Attentaten in den westlichen Stadtteilen Schoola und Adl wurden sieben Iraker getötet, darunter drei Soldaten, bei einem weiteren Anschlag im Viertel Hurrija starben drei irakische Soldaten. In der nordwestlich von Bagdad gelegenen Kleinstadt Tadschi holten Aufständische in Militäruniformen am frühen Mittwoch morgen Angehörige des Stammes der Beni Tamim aus ihren Häusern. Sie verbanden ihnen die Augen und erschossen 17 Männer auf einem Platz.
Zarqawi bekennt sich
Auf einer Islamisten-Internetseite tauchte unterdessen ein Bekennerschreiben im Namen der irakischen Al Qaida des Jordaniers Abu Mussab al Zarqawi auf. In der Botschaft heißt es nur, „die Löwen der Einheit Gottes“ seien ausgezogen, um Anschläge in Bagdad und anderen irakischen Städten zu verüben. Das Resultat dieser Anschläge werde später bekanntgegeben. Die Extremisten stellten die Selbstmordattentate als Reaktion auf die Ende vergangener Woche begonnene Offensive der irakischen und amerikanischen Truppen in Telafar dar.
Übergangsministerpräsident Ibrahim al Dschaafari sagte in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview mit der arabischen Zeitung „Al-Sharq Al-Awsat“, die Einwohner von Telafar hätten die Regierung um eine Militärintervention gebeten. Er besitze sogar ein schriftliches Dokument, in dem dies festgehalten werde. Wer dieses unterzeichnet hat, sagte er nicht. In Tall Afar leben vorwiegend sunnitische Turkmenen und schiitische Araber. Nach Angaben eines Sprechers der irakischen Armee wurden dort seit Beginn der Offensive 157 Menschen getötet und 440 festgenommen sowie 34 Waffenverstecke entdeckt.
Al-Qaida-Terroristen festgenommen
Ein führendes Mitglied der Bewegung des radikalen schiitischen Predigers Muqtada Sadr gab den amerikanischen Truppen und den Anhängern des alten Regimes von Saddam Hussein die Schuld an den Anschlägen. Scheich Abdul Hadi al Daradschi sagte auf Anfrage: „Diese Terrorakte sind Teil der Verbrechen der Überreste des Saddam-Regimes, und die Besatzungstruppen sind verantwortlich für die fehlende Sicherheit im Irak, was diese Anschläge erst ermöglicht.“
Die Zeitung „Okaz“ berichtete unterdessen, kurdische Sicherheitskräfte hätten im Nordirak zwei Saudis festgenommen, deren Namen auf einer im vergangenen Juni in Riad veröffentlichten Liste der 36 meistgesuchten Al-Qaida-Terroristen des Landes standen. Die beiden Männer hätten sich Terroristen im Irak anschließen wollen, seien aber schon beim Grenzübertritt gefaßt worden.