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Irak-Krieg Zweifel an Rettung von Jessica Lynch

17.06.2003 ·  Alle großen Fernsehstationen haben sich um das Exklusivinterview mit der bekanntesten Soldatin des Irak-Krieges bemüht. Unklar ist indes, welche Geschichte Jessica Lynch erzählen wird.

Von Matthias Rüb, Washington
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Die Obergefreite Jessica Lynch liegt seit mehr als zwei Monaten im Walter Reed Militärhospital in Washington. Das Krankenhaus an der Georgia Avenue ist die größte medizinische Einrichtung des amerikanischen Heeres. Die berühmteste Patientin, die 20 Jahre alte Soldatin aus dem Städtchen Palestine im Bundesstaat West Virginia, liegt in einem Einzelzimmer am Ende eines Flures und wird Tag und Nacht von mindestens einem Feldjäger bewacht. Ihr Zustand bessert sich, doch die junge Frau ist noch lange nicht wieder gesund. Ihr Vater Greg Lynch weicht ihr kaum von der Seite, begleitet sie zur Physiotherapie, schirmt sie gemeinsam mit dem Krankenhauspersonal und dem Militär vor den zudringlichen Medien ab.

Alle großen Fernsehstationen haben sich um die Exklusivgeschichte und vor allem natürlich um das Exklusivinterview mit der bekanntesten Soldatin des letzten Irak-Krieges bemüht. Dem Vernehmen nach hat der Sender CBS das umfassendste Angebot gemacht - eine multimediale Vermarktung der Geschichte von der Rettung der schwerverletzten Soldatin aus dem Krankenhaus der südirakischen Stadt Nassirija durch amerikanische Spezialeinheiten Anfang April.

„Nebel des Krieges“

Geplant sind ein zweistündiges Doku-Drama für CBS News, leichtere und jüngere Sendekost für die Unterhaltungskanäle von CBS Entertainment sowie den Musiksender MTV und schließlich ein Buchprojekt in dem renommierten New Yorker Verlag Simon & Schuster, der gerade die Memoiren von Hillary Clinton veröffentlicht hat. Alle Sender und der Verlag gehören zu dem Mediengiganten Viacom. CBS News ließ nach Bekanntwerden des Paketangebots an die Familie Lynch wissen, für Interviews bezahle man kein Geld und im übrigen werde die Unabhängigkeit der journalistischen Berichterstattung durch mögliche Weitervermarktungen in anderen Zweigen des Mutterkonzerns Viacom nicht beeinträchtigt.

Gleichviel welcher Sender den Zuschlag für das erste Interview mit Jessica Lynch bekommen wird, unklar ist vor allem, welche Geschichte die unversehens zur Nationalheldin aufgestiegene zierliche blonde Soldatin vom Lande erzählen wird. Am Dienstag veröffentlichte die Tageszeitung "Washington Post" eine ausführliche Dokumentation, in welcher die Umstände der Gefangennahme und Befreiung der Obergefreiten so gut es geht rekonstruiert werden. Weil es schon vor der britisch-amerikanischen Invasion im Irak heftigen Streit um deren Legitimität und tiefe Zerwürfnisse zwischen einstigen Alliierten gegeben hat, will sich der "Nebel des Krieges" auch nach dem Ende der größeren Kampfhandlungen nicht lichten. So dürften auch die Umstände der Verwundung, Gefangennahme und Befreiung von Jessica Lynch noch lange Zeit, vielleicht gar für immer umstritten bleiben.

Ein Autounfall?

Nach Recherchen ihrer Mitarbeiter im Irak und in Washington rückt die "Washington Post" jetzt jedenfalls von ihrer - auf nicht näher bestimmten Armee- und Geheimdienstquellen beruhenden - urpsrünglichen Darstellung ab, wonach Jessica Lynch vor ihrer Gefangennahme das Magazin ihres M-16-Sturmgewehres leergeschossen und mehrere Angreifer getötet habe sowie ihrerseits durch mehrere Schüsse und Messerstiche schwer verletzt worden sei. Ihre Knochenbrüche, die Wirbelsäulenverletzung und eine Verwundung am Kopf scheinen von einem schweren Autounfall herzurühren: Der ungepanzerte Humvee-Jeep, in dem Lynch und andere Soldaten fuhren, geriet unter Beschuß und kollidierte mit einem amerikanischen Sattelschlepper. Dies geschah, nachdem ein Versorgungskonvoi am 23. März in der südirakischen Wüste eine falsche Abzweigung genommen hatte, in die noch von irakischen Kämpfern kontrollierte Stadt Nassirija gefahren und dort in einen Hinterhalt geraten war.

Die Ärzte und Schwestern im Militärkrankenhaus und später im zivilen Saddam-Hussein-Krankenhaus von Nassirija haben nach übereinstimmenden Zeugenaussagen und Einschätzungen die Obergefreite Lynch so gut es ging behandelt, ihre Wunden versorgt, ihre gebrochenen Gliedmaßen geschient. Ohne diese Hilfe wäre die junge Frau heute wohl nicht mehr am Leben. Umstritten ist dagegen wieder, ob die dramatische und telegene Rettungsaktion durch Spezialeinheiten in der Nacht zum 1. April riskant und notwendig oder eine bloße Inszenierung zur Hebung der Moral der Truppen und an der "Heimatfront" war.

„Hollywood-Aktion“

Ärzte und Schwestern aus dem Krankenhaus in Nassirija sagen, irakische Kämpfer und Funktionäre der Baath-Partei, die zuvor das Krankenhaus als Basis und Unterschlupf benutzt hatten, hätten sich zu diesem Zeitpunkt längst aus dem Staub gemacht, weil die amerikanischen Truppen immer näher rückten. Man hätte Jessica Lynch kurz nach der "Hollywood-Aktion" - so ein Arzt des Krankenhauses - ohne großen Aufwand einfach mit einem Sanitätsfahrzeug abholen können. Die amerikanischen Streitkräfte bleiben aber bei ihrer Darstellung, wonach die Spezialeinheiten beim Zugriff in dem Krankenhaus beschossen worden seien - von umliegenden Gebäuden, nicht aber in dem Hospital selbst.

Die einzige, die über ihre Zeit im Krankenhaus von Nassirija, über die Umstände ihrer Rettung sowie darüber, ob sie von Funktionären der Baath-Partei oder Geheimdienstmitarbeitern mißhandelt wurde, Auskunft geben kann, ist Jessica Lynch selbst. Sie leide an einem partiellen Gedächtnisverlust, heißt es einmal, dann wieder, sie könne sich sehr wohl an das meiste erinnern. Die Eltern nehmen keine Stellung zu den jüngsten Medienberichten. Im bescheidenen Haus der Lynchs in Palestine, das derzeit dank Spendengeldern und in Nachbarschaftshilfe ausgebaut wird, häufen sich Geschenke, Briefe und Postkarten für Amerikas derzeit berühmteste Soldatin.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.06.2003, Nr. 139 / Seite 3
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