10.11.2006 · Viele erwarten, daß sich in Amerika eine Kriegsmüdigkeit breitmacht. Aber die Stimmung ist anders als in den Sechzigern. Die Amerikaner haben zwar eine andere Partei gewählt, doch den sofortigen Rückzug aus dem Irak wollen sie nicht.
Von Nikolas BusseEines der großen politischen Fotos des 20. Jahrhunderts ist das Bild eines amerikanischen Hubschraubers, der am 29. April 1975 Saigon verläßt. Es war nicht der letzte amerikanische Flug aus der südvietnamesischen Metropole, die gerade vom kommunistischen Norden überrannt wurde. Der Hubschrauber startete auch nicht vom Dach der amerikanischen Botschaft, wie oft erzählt wird, sondern von einem Wohnhaus in der Innenstadt, in dem CIA-Mitarbeiter untergebracht waren.
Aber daß zu sehen war, wie die Supermacht ihr Personal über ein Häuserdach außer Landes bringt, machte das Bild zum Symbol der amerikanischen Niederlage in Indochina. Es prägte den Eindruck vom „Rückzug unter Feuer“, vom Trauma Vietnam, das Amerika noch viele Jahre nach dem Krieg beschäftigte.
Neue Nahrung für den Rückzug aus dem Irak
Hebt bald auch aus Bagdad der letzte amerikanische Hubschrauber ab? Die Niederlage der Republikaner bei den Kongreßwahlen und der Rücktritt Donald Rumsfelds dürfte der amerikanischen Debatte über einen Rückzug aus dem Irak neue Nahrung geben.
Nach dem Sieg der Demokraten bei den amerikanischen Kongreßwahlen wächst der Druck auf Präsident Bush, seine Irak-Strategie zu ändern. Der Rücktritt des Verteidigungsministers ist ein erstes Symbol dafür.
Führende Demokraten wie Senator John Kerry treten schon seit längerem für einen raschen Abzug der Truppen ein. Gerade in Europa hat das die Erwartung geweckt, daß sich ähnlich wie in den sechziger Jahren in Amerika wieder eine Kriegsmüdigkeit breitmacht, die bald dazu führt, daß der Präsident die Soldaten aus dem Irak heimholt.
Wirklich zutreffend ist der Vergleich mit Vietnam aber nicht - zumindest, was die öffentliche Meinung betrifft. Eine Umfrage des Pew Research Center von Anfang Oktober hat ergeben, daß sich die Haltung der Amerikaner zu einem Abzug aus dem Irak in den vergangenen Monaten nicht verändert hat. Sie sind in dieser Frage vielmehr seit längerem gespalten: 47 Prozent sind der Meinung, die amerikanischen Truppen sollten im Irak bleiben, bis sich die Lage stabilisiert hat; weitere 47 Prozent geben an, die Regierung solle die Soldaten so schnell wie möglich abziehen. Etwas mehr Zustimmung gibt es zu einem Zeitplan für einen Abzug. Zuletzt waren 53 Prozent dafür und 39 Prozent dagegen. Für einen sofortigen Abzug sprachen sich dagegen nur 2 Prozent aus.
Mehrheitlich fallen Iraker zum Opfer
Erfahrene politische Beobachter wie der frühere „Washington Post“-Korrespondent Don Oberdorfer, der heute an der Johns-Hopkins-Universität lehrt, weisen darauf hin, daß im Irak bisher ein „großer Schock“ fehlt wie die Tet-Offensive im Januar 1968, die den Vietnam-Krieg in Amerika endgültig unpopulär machte. Dieser Großangriff der Kommunisten war militärisch am Ende zwar kein Erfolg. Die unerwartete Schlagkraft der Nordvietnamesen gegen die wesentlich besser ausgerüstete amerikanische Armee zerstörte aber das - von Präsident Johnson gepflegte - Bild des unmittelbar bevorstehenden amerikanischen Sieges.
Im Irak hat es bisher kein vergleichbares Ereignis gegeben. Den großen Anschlägen und der täglichen Gewalt fallen mehrheitlich Iraker zum Opfer. Die amerikanische Öffentlichkeit hat sicher das Gefühl, daß die Dinge in dem Land nicht gut laufen - aber nicht, daß ihre Soldaten schwere Niederlagen einstecken müssen. Bisher sind etwa 3000 Amerikaner im Irak getötet worden. In Vietnam fielen allein in den zwei Monaten nach der Tet-Offensive mehr Soldaten; insgesamt waren es rund 58.000.
Jedem jungen Mann konnte die Einberufung drohen
Noch entscheidender dürfte allerdings ein anderer Unterschied zwischen den beiden Kriegen sein: In den Irak hat Washington eine Berufsarmee entsandt, in Vietnam kämpften die Amerikaner mit einer Wehrpflichtigenarmee. Jedem jungen Mann konnte die Einberufung drohen, was den Krieg zu einem Ereignis machte, das die Mehrzahl der amerikanischen Familien persönlich berührte.
Gerade der Protest an den Universitäten wurde seinerzeit stark vom Bewußtsein der College-Studenten geprägt, daß sie jederzeit selbst in den Krieg geschickt werden konnten. Denn der Bedarf an Soldaten war hoch: 1968, auf dem Höhepunkt des Krieges, hatten die Amerikaner rund 500.000 Mann in Südvietnam im Einsatz. Im Irak stehen heute 140.000 Soldaten - diese Stärke läßt sich bisher mit Berufssoldaten und Reservisten halten, auch wenn die Teilstreitkräfte immer wieder Schwierigkeiten bei der Rekrutierung hatten.
Das eigene Leben kaum berührt
Hinzu kommt, daß Präsident Johnson im Sommer 1967 einen zehnprozentigen Zuschlag zur Einkommensteuer forderte, um den Krieg in Vietnam zu finanzieren. Schon damit ging die öffentliche Unterstützung für den Krieg spürbar zurück.
Präsident Bush hat diesen Fehler nie gemacht: Die kostspielige Operation im Irak, die bisher etwa 320 Milliarden Dollar gekostet hat, wurde hauptsächlich durch neue Kredite bezahlt. So bleibt der Irak-Krieg auch im Geldbeutel für Joe Average, wie die Amerikaner Otto Normalverbraucher nennen, ein fernes Ereignis, das sein eigenes Leben kaum berührt.
Zehnjähriger Bürgerkrieg
Allerdings lassen sich aus dem Verlauf des Vietnam-Kriegs mindestens zwei Schlüsse ziehen, die Auskunft über die Erfolgsaussichten eines raschen amerikanischen Rückzugs aus dem Irak geben. Zum einen beendete der amerikanische Abzug den Vietnam-Krieg nicht. In einem Friedensvertrag vom Januar 1973 zwischen den Vereinigten Staaten und den drei vietnamesischen Kriegsparteien wurde ein vollständiger Abzug der amerikanischen Truppen innerhalb von 60 Tagen und ein politischer Prozeß zur friedlichen Beilegung des Konflikts vereinbart.
Die Vietnamesen kämpften aber weiter, bis der kommunistische Norden 1975 schließlich gewonnen hatte. Zum anderen brachte der amerikanische Abzug auch den Nachbarländern nicht den erhofften Frieden. Die siegreichen vietnamesischen Kommunisten marschierten 1978 ins Nachbarland Kambodscha ein, was zwar die grausame Gewaltherrschaft der Roten Khmer beendete, dem Land in der Folge aber einen zehnjährigen Bürgerkrieg bescherte.
Auseinandersetzung könnte lange und blutig werden
Auch wenn sich die Umstände beider Kriege stark unterscheiden, bestehen bei einem frühen amerikanischen Abzug aus dem Irak doch ähnliche Risiken: Der Bürgerkrieg, der sich im Augenblick noch um die Frage dreht, wer die Macht in Bagdad hat, dürfte sich rasch in einen offenen Sezessionskrieg verwandeln, in dem Kurden (im Norden), Sunniten (in der Mitte) und Schiiten (im Süden) um die Etablierung eigener Hoheitsgebiete kämpfen.
Die Auseinandersetzung könnte lange und blutig werden, auch weil es die Amerikaner versäumt haben, die Waffen der aufgelösten irakischen Armee nach dem Sturz Saddam Husseins in ausreichendem Maße sicherzustellen. Eine solche Entwicklung würde wahrscheinlich alle wichtigen Nachbarstaaten wie die Türkei, Syrien, Iran und Saudi-Arabien zur Intervention veranlassen, was diese für die Weltwirtschaft so wichtige Öl- und Gasregion nachhaltig destabilisieren dürfte.
Nikolas Busse Jahrgang 1969, politischer Korrespondent für die Nato und die EU mit Sitz in Brüssel.
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