16.07.2007 · Eine neue Gewaltwelle scheint den Norden des Landes zu erreichen: In Kirkuk wurden bei drei Bombenexplosionen mehr als 80 Menschen getötet und 180 verletzt. Nun wollen die Kurden noch in diesem Jahr in einem Referendum über die Zukunft der Stadt entscheiden lassen.
Von Rainer HermannSchon in ruhigeren Zeiten ist Kirkuk die irakische Stadt, in der die meisten Terroropfer, bezogen auf die Einwohnerzahl, zu beklagen sind. Immer wieder explodieren Bomben, es gibt Schießereien, und Menschen werden entführt. Die fast gleichzeitige Detonation von drei Bomben am Montag übertrifft jedoch in der Ölstadt aber sogar diesen schlimmen Alltag. Eine neue Gewaltwelle scheint damit den Norden zu erreichen. In Tuz Khurmatu, 70 Kilometer südlich von Kirkuk, hatte ein Selbstmordattentäter erst am 7. Juli mehr als 130 Menschen getötet.
Am Montag fuhr ein Selbstmordattentäter in Kirkuk mit seinem mit Sprengstoff gefüllten Kleinlastwagen gegen die Absperrungen in der Nähe des Büros der „Patriotischen Union Kurdistans“ (PUK), der Partei des irakischen Staatspräsidenten Talabani. Mehr als 80 Menschen kamen ums Leben. Unter den 180 Verletzten sind vor allem Frauen und Kinder; viele werden wegen schwerer Verbrennungen behandelt.
Die Polizei konnte den Bombenleger verhaften
Die Explosion riss einen mehrere Meter tiefen Krater in den Boden. Mehr als zwanzig Autos und ein Bus brannten aus; in Letzterem kamen fast alle Fahrgäste um. Zwei Gebäude wurden völlig zerstört. Unter dem Schutt auch anderer, nur weniger beschädigter Häuser, werden weitere Opfer vermutet. Zerstört wurde auch der lokale Sitz des Irakischen Olympischen Komitees in Kirkuk.
Wenige Minuten später detonierte nur 700 Meter entfernt im Markt Hasir eine Bombe; mehrere Personen wurden verletzt. Die Polizei konnte den Bombenleger verhaften. Bei der Explosion einer dritten Bombe an einer Straßenkontrolle am südlichen Stadtrand kam ein Polizist um. Die Polizei konnte eine weitere Bombe entschärfen. Die Behörden riefen die Bevölkerung zu Blutspenden für die Verletzten auf.
Der bisher schwerste Anschlag gegen Kurden seit dem Sturz von Saddam Hussein vor mehr als vier Jahren wurde am 1. Februar 2004 in den Hauptquartieren der Kurden-Parteien KDP und PUK in Arbil im kurdischen Autonomiegebiet selbst verübt. Dabei kamen 117 Menschen um.
Spannungen zwischen den drei großen Volksgruppen
Nach Berichten aus dem Irak hat Al Qaida in den vergangenen Monaten Unterschlupf in den Dörfern arabischer Sunniten am südwestlichen Stadtrand von Kirkuk gefunden. Gleichzeitig nahmen die Spannungen zwischen den drei großen Volksgruppen zu - den Kurden, arabischen Sunniten und Turkmenen. Die Kurden verlangen, noch in diesem Jahr ein Referendum abzuhalten, das darüber entscheiden soll, ob das frühere Zentrum der irakischen Ölindustrie der autonomen Region Irakisch-Kurdistan zugeschlagen wird oder Teil des arabischen Iraks bleibt.
Die Araber und Turkmenen wollen jedoch abwarten, bis die rechtliche Klärung ihrer Ansprüche auf Grund und Boden abgeschlossen ist. Saddam Hussein hatte in den siebziger Jahren die Kurden aus Kirkuk vertrieben und Araber aus anderen Landesteilen angesiedelt. Rund um Kirkuk befinden sich die größten Ölfelder im Norden des Iraks. Nach dem Sturz Saddam Husseins kehrten die vertriebenen Kurden zurück, sie fordern nun ihre Häuser und ihren Grundbesitz. Seit sie wieder die Mehrheit in der Bevölkerung stellen, kontrollieren die Kurden die Verwaltung und die Sicherheitskräfte der Stadt.
Wie hatte sich doch G. W. Bush ausgedrückt,
winfried krause (wikrazi)
- 16.07.2007, 17:47 Uhr
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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