27.08.2003 · / Von Rainer Hermann
Von Rainer Herrmann, IstanbulAm 1. Mai hatte Präsident Bush das Ende der größeren Kampfhandlungen im Irak verkündet. Bis dahin waren 138 amerikanische Soldaten gestorben. Seither mußten nochmals so viele ihr Leben lassen. Überwiegend sind sie Opfer der Guerrilla und des islamistischen Terrors geworden.
Für die meisten Angriffe auf die amerikanischen Soldaten wie auf die irakische Infrastruktur macht der Zivilverwalter im Irak, Paul Bremer, Anhänger Saddam Husseins verantwortlich. Vor allem im "sunnitischen Dreieck" der Städte Bagdad, Ramadi und Takrit greifen sie die Besatzungsmacht an, aber auch die neue irakische Polizei und Iraker, die sich am Wiederaufbau beteiligen.
„Prekäre Sicherheitslage“
Das Ziel der Anhäger Saddams ist leicht zu erkennen: Indem sie eine Rückkehr zur Normalität verhindern, erzeugen sie zwischen der Bevölkerung und der Besatzungsmacht ein tiefes Mißtrauen. Sie setzen darauf, daß in dem Klima des Schreckens die Bereitschaft abnimmt, mit den Amerikanern zusammenzuarbeiten. Das erhöht den Druck auf Washington, die angestrebte Machtbalance zwischen Sunniten und Schiiten aufzugeben und verstärkt auf die schiitische Bevölkerungsmehrheit zu setzen. Daher könnten möglicherweise auch hinter Attentaten auf führende Vertreter der schiitischen Mehrheit, wie zuletzt in Nadschaf auf Ayatollah Muhammad Said al Hakim, Saddam-Anhänger stecken. Denn ihnen ist auch daran gelegen, unter den Schiiten Unfrieden zu stiften.
Immer mehr Beachtung schenken die Koalitionstruppen aber islamistischen Extremisten, die nicht aus dem Irak kommen. Unbeachtet sickern sie über die offenen Grenzen ein. Bremer nennt sie ein "wachsendes Problem", und General John Abizaid, Kommandant der amerikanischen Truppen im Irak, erkennt bereits eine Zusammenarbeit zwischen den "Loyalisten Saddams" und den islamistischen Terroristen. Beide Gruppen wollen die amerikanischen Truppen vertreiben. Bremer ist besorgt, weil die prekäre Sicherheitslage im Irak verschärft worden ist, und Abizaid sieht den Irak bereits "im Mittelpunkt des globalen Krieges gegen den Terrorismus".
Ausbildungslager von Islamisten
Ein erster Anhaltspunkt für diese Einschätzung war, daß amerikanische Soldaten Mitte Juli nördlich von Bagdad ein Ausbildungslager von Islamisten ausgehoben haben. Bei den Kämpfen wurden siebzig islamistische Terroristen getötet. Sie stammten aus mehreren arabischen Staaten. Dann hatte zuletzt al Qaida die Verantwortung für den Anschlag auf das Hauptquartier der Vereinten Nationen in Bagdad übernommen, bei dem 23 Personen getötet worden waren. Unterzeichnet war das im Internet verbreitete Bekennerschreiben mit "Die Brigaden des Abu Hafs al Masri". Al Masri, oder auch Muhammad Atef, war der Kopf der militärischen Planung von al Qaida gewesen. Bei einem amerikanischen Angriff im Dezember 2001 starb er in Afghanistan. Der ägyptische Islamismusexperte Diaa Rashwan hält das Bekennerschreiben aufgrund der Eigenheiten seiner Sprache für authentisch.
Zunächst hatte Bremer die Terrorgruppe Ansar al Islam verdächtigt, die enge Beziehungen zu al Qaida unterhält, den Anschlag auf das Gebäude der Vereinten Nationen ausgeführt zu haben. Deren Gründer Mullah Krekar lehnte gegenüber einer italienischen Zeitung jedoch die Verantwortung für den Anschlag ab. Gleichzeitig warnte er die Vereinigten Staaten und Großbritannien vor neuen Attentaten. Das ist ernst zu nehmen. Denn vielen Mitgliedern der Ansar al Islam war nach der Bombardierung ihres großen Lagers im irakisch-iranischen Grenzgebiet zu Kriegsbeginn die Flucht gelungen. Längst sind sie zurückgekehrt. General Abizaid vermutet viele von ihnen in Bagdad in neuen Terrorzellen.
Washington erhöht Druck auf die Nachbarstaaten
Die Koalitionstruppen hatten es den militanten Islamisten leichtgemacht. Nach dem Fall des Regimes von Saddam hatten sie die irakische Polizei und die Armee aufgelöst, plötzlich waren die Außengrenzen unbewacht. Im Nachkriegschaos konnten die Islamisten unbemerkt in den Irak eindringen. Anstatt aber selbst die äußere Sicherheit des Iraks zu gewährleisten, erhöhte Washington nur den Druck auf die Nachbarstaaten, die Grenzkontrollen zu erhöhen. Nach einem Schußwechsel, der sich Mitte August an der Grenze zum Irak ereignet hatte, forderte dann aber die saudische Regierung Washington auf, seine Seite der Grenze endlich besser zu überwachen.
Das Königreich Saudi-Arabien ist gegenwärtig mehr mit seiner inneren als mit seiner äußeren Sicherheit beschäftigt. Seit es seinen Kampf gegen die radikalen Islamisten intensiviert hat, haben sich mehrere tausend von ihnen in den Irak abgesetzt. Der amerikanische Sender CNN spricht von 3000 militanten Islamisten, die aus Saudi-Arabien in den Irak gelangt sein sollen, zu einem nicht geringen Teil über Syrien. So erklärte jüngst General Abizaid, viele der "ausländischen Kämpfer", die seine Soldaten verhaftet hätten, seien über Syrien in den Irak eingesickert.
Syrien und Iran im Blickfeld
Der Druck auf Damaskus nimmt zu. Washington und Damaskus haben wohl Gespräche über das Eindringen von Extremisten in den Irak geführt. Bremer mahnt Damaskus nun aber zu besserer Zusammenarbeit. Unklar ist, ob die Extremisten mit Wissen der syrischen Regierung in den Irak einsickern. Dafür könnte sprechen, daß Damaskus Washington im Irak beschäftigt halten will, um eine Aktion gegen Syrien zu vereiteln, dagegen aber, daß die Grenze zwischen Syrien und dem Irak weitgehend Wüste ist und schwer zu kontrollieren. Zudem haben viele islamistische Extremisten ihre äußeren Erkennungszeichen wie den Bart abgelegt und reisen unauffällig.
Die Signale an Syrien sind nicht eindeutig. Einerseits hat der Sprecher des amerikanischen Außenministeriums, Boucher, anerkannt, daß Syrien mit der Schließung der Grenzen und der Ausweisung einiger Extremisten guten Willen gezeigt habe, selbst wenn weitere Personen die Grenze überquerten. Andererseits hat der Botschafter Israels bei den Vereinten Nationen, Dan Gillerman, Öl ins Feuer gegossen und behauptet, der Lastwagen, der in Bagdad vor dem Gebäude der Vereinten Nationen explodierte, sei aus Damaskus.
Mit einem Finger deutet Washington auf Syrien, mit einem anderen auf Iran. Offen kritisiert Bremer, daß sich Iran weiter in die inneren Angelegenheiten des Iraks einmische, daß die Revolutionswächter und der iranische Geheimdienst gegen die Interessen der Vereinigten Staaten arbeiteten und daß Anhänger der Ansar al Islam, die zu Kriegsbeginn nach Iran geflohen seien, in den Irak zurückkehrten.
Wohl entzieht sich Iran der Zusammenarbeit mit Washington, in der Terrorbekämpfung arbeitet es aber mit Saudi-Arabien zusammen. Nun wird Saudi-Arabien in der iranischen Stadt Maschhad, nahe der Grenze zu Afghanistan, ein Generalkonsulat einrichten. Damit hofft Saudi-Arabien, die Fluchtwege von Mitgliedern des Terrornetzwerks al Qaida einzuschränken und ihren Bewegungsspielraum einzuengen. Ein Rechtsabkommen, das beide Staaten in Riad unterzeichnet haben, ermöglicht zudem die Auslieferung in Iran verhafteter militanter Islamisten an Saudi-Arabien.
Unterdessen wird die amerikanische Präsenz im Irak weiter wie ein Magnet islamistische Extremisten anziehen. Solange die Grenzen des Iraks offen sind, werden sie wie bisher ungehindert in das Land einsickern können.