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Irak Gespaltene Schiiten

10.09.2007 ·  Die Gefechte in Kerbela waren nur ein Vorgeschmack, denn im Irak kämpfen Milizen um Macht und Öl. Die vier Schiitenparteien sind uneins über die Zukunft ihres Landes. Die einen wollen ein föderales System, die anderen den Zentralstaat.

Von Rainer Hermann
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Die Schiiten stellen mit etwa sechzig Prozent die Mehrheit der irakischen Bevölkerung. In den von ihnen bewohnten Gebieten lagert das meiste irakische Öl. Allein aus den vier Provinzen im Südosten stammen 80 Prozent des Ölexports; er trägt mehr als 90 Prozent zu den Staatseinnahmen bei.

Diese vier Provinzen kontrolliert aber nicht die Zentralregierung, sondern sie werden von rivalisierenden schiitischen Fraktionen und Milizen beherrscht. Der Rohstoffreichtum ist ein wichtiger Grund, warum die Schiiten so zerstritten sind, die Zukunft des Staats ein anderer. Gemeinsam ist allen Gruppen, dass sie ein schiitisch-islamisches Gemeinwesen anstreben: Die einen wollen einen starken Zentralstaat, die anderen einen föderalen Irak mit drei autonomen Regionen. Dieser Konflikt nimmt in dem Maße zu, in dem mehr Verantwortung für die Sicherheit in die Hände der Iraker übergeht.

Machtvakuum in schiitischen Provinzen

Der „Oberste Islamrat im Irak“ (SIIC, bis zum Mai hieß er „Oberster Rat für die Islamische Revolution im Irak“) will eine schiitische Südregion. Er kontrolliert, vor allem mit Hilfe seiner Badr-Miliz, sieben der neun schiitischen Provinzen im Südirak. Vor allem in den Provinzen Basra und Majsan stießen der Oberste Rat und seine Truppe jedoch auf Widerstand gegen eine Südregion. Die Partei ist aber geschwächt, weil ihr Führer, Ajatollah al Abdulaziz Al Hakim, an Krebs erkrankt ist und kaum mehr in Erscheinung tritt.

Das Vakuum nutzt Muqtada al Sadr, der 1973 geborene radikale Führer der Mahdi-Miliz. Er profiliert sich nicht ohne Grund als irakischer Nationalist. Bagdad ist seine wichtigste Bastion, vor allem das riesige Armenviertel Sadr City. In freien Wahlen könnte Sadr wohl die Kontrolle über Bagdad erringen: In mehr als der Hälfte der Stadtteile Bagdads stellen die Schiiten eine Mehrheit. Daneben hat Sadr mit seiner Miliz die den Schiiten heilige Stadt Kufa unter Kontrolle, die ölreiche Provinz Majsan und Teile von Basra. Gefürchtet ist seine Miliz auch unter den Sunniten. Nach ihrer Ansicht finden sich viele Kämpfer der Mahdi-Miliz in den Todesschwadronen des Innenministeriums.

Malikis Partei wirkt schwach

Sollte der Irak eines Tages als Staat zerfallen, lägen die Hochburgen Sadrs in mehreren Teilstaaten. In Bagdad stünde Sadr den Sunniten allein gegenüber. Auch deshalb ist er gegen eine föderale schiitische Südregion unter der Führung des Obersten Rats. Im Frühjahr war Sadr, dessen Parlamentsfraktion im schiitischen Block die zweitgrößte ist, der Königsmacher, als er die Wahl des Kandidaten des Obersten Rats für das Amt des Ministerpräsidenten, Adil Abdul Mahdi, verhinderte und den gegenwärtigen Amtsinhaber Maliki von der Daawa-Partei durchsetzte. Die Macht Sadrs ist seither gewachsen.

Für den Erhalt des Zentralstaats kämpft an der Seite Sadrs die Fadhila-Partei, die mit ihrer Miliz die Hafenstadt Basra kontrolliert. Gegründet hatte sie 2003 Muhammad al Yaqubi, ein Schüler des Vaters Sadrs, des legendären Großajatollahs Muhammad Sadiq al Sadr. Yaqubi hält sich für den rechtmäßigen Vertreter des Gedankenguts des Großajatollahs. Von den vier großen schiitischen Parteien wirkt die Daawa-Partei des Ministerpräsidenten Maliki am schwächsten. Das liegt auch daran, dass sie wie ihre Rivalen über keine Miliz verfügt. Sie zerfällt in einen Flügel, der einen föderalen Irak unterstützt, und einen, der einen Zentralstaat will.

Kerbela war ein Vorgeschmack

Die fünfte Kraft, der aus Iran stammende Großajatollah Sistani, versucht - zunehmend erfolglos -, die gegenläufigen Entwicklungen wieder zu bündeln. In diesem Sommer wurden vier seiner engsten Gefolgsleute in der heiligen Stadt Nadschaf getötet. Als Täter kommen mehrere Gruppen in Frage. Die einfachen schiitischen Gläubigen folgen ihm, die Parteien aber - bis auf den Obersten Rat - sind dazu immer weniger bereit.

Die zunehmende Uneinigkeit wurde zuletzt in den Kämpfen in der schiitischen Pilgerstadt Kerbela sichtbar, bei denen Ende August mehr als 50 Menschen umkamen. Kämpfer der Mahdi-Miliz und der Badr-Miliz, die in dieser und anderen Provinzen im Auftrag des Staats für Sicherheit sorgen soll, lieferten sich heftige Gefechte. Sie waren nur ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen kann. Kurz darauf kündigte Sadr an, dass die Mahdi-Miliz sechs Monate lang auf Gewalt verzichten werde, um sich zu „reorganisieren“. Doch auch danach kam es zu weiteren Auseinandersetzungen unter den Schiiten.

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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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