10.08.2010 · Im Irak bewegt ein Thema Schiiten, Sunniten und Kurden gleichermaßen: die schlechte Stromversorgung. Weil die Versorgung aus dem öffentlichen Netz nur für wenige Stunden am Tag reicht, greifen die Menschen zur Selbsthilfe: Private Parallelnetze bestimmen den Alltag.
Von Matthias Rüb, BagdadIrgendwann musste Mohammed Shirwani einsehen, dass nichts mehr zu machen war. Mohammeds Frau und auch die drei gemeinsamen Kinder - zwölf, zehn und sechs Jahre alt - hätten sich gewünscht, dass Mohammed viel früher zu dieser Einsicht kommen würde, doch er hat eben einen kurdisch-irakischen Dickschädel. Immer wieder gab es am Küchentisch über diese Sache Auseinandersetzungen, und immer wieder behielt Mohammed das letzte Wort: Den kleinen chinesisch Dieselgenerator, der das Haus der Familie mit Strom versorgt, wenn die städtische Stromversorgung wieder einmal abgeschaltet ist, könne er doch noch einmal retten. Dann machte er sich an die Arbeit und reparierte das Gerät zum werweiß-wievielten Mal - bis es wirklich nicht mehr ging.
Mohammed und seine Familie wohnen in Bagdad im Stadtteil Hay al Kindi, einem wohlhabenden Wohnviertel am Westufer des Tigris. Dort leben Regierungsmitglieder und Geschäftsleute, Professoren und hohe Beamte. Deshalb gibt es in Al Kindi im Vergleich zu anderen Stadtteilen recht oft Strom von der Stadt, und das sogar nach einem berechenbaren Rhythmus: Von Mitternacht bis sechs Uhr früh fließt der Strom, dann wird drei Stunden abgeschaltet, von neun Uhr bis mittags zwölf gibt es wieder Strom, von zwölf bis drei Uhr nachmittags ist eine weitere Unterbrechung, es folgen wieder drei Stunden Stromversorgung, ehe von sechs Uhr abends bis Mitternacht abermals Stromsperre ist. So kommt man in Al Kindi immerhin auf bis zu zwölf Stunden Strom am Tag. In anderen Stadtteilen, etwa im schiitischen Armenviertel Sadr City, müssen die Menschen schon froh sein, wenn es sechs Stunden täglich Strom aus dem öffentlichen Netz gibt. Oft ist es weniger.
Um während der Stromsperren am Tage, wenn die Höchsttemperaturen bis zu 50 Grad Celsius erreichen können, und auch in der kaum kühleren Nacht Strom für Lampen und Ventilatoren sowie Haushaltsgeräte oder gar Klimaanlagen zu haben, beziehen fast alle Häuser und Wohnungen in Bagdad zusätzlich Strom von einem großen Dieselgenerator, den es in jedem Wohnblock gibt. Die dieselbetriebenen Generatoren gehören privaten Unternehmern, die den Strom für einen hohen Preis an ihre Kunden in der Nachbarschaft verkaufen. Aber selbst wer nur über ein geringes Gehalt verfügt, muss den monatlich bis zu 100 Dollar teuren Ersatzstrom beziehen, um wenigstens den Kühlschrank und einen Ventilator zu betreiben.
Irakische Elektriker sind Künstler der Improvisation
Von den knatternden Generatoren, die von Betonwänden, Gitterzäunen und Stacheldraht umgeben sind und rund um die Uhr von einem Techniker und oft auch einem Wachmann beaufsichtigt werden, führen abenteuerlich verknotete Stromleitungen zu den Häusern und Wohnungen der Kunden. Irakische Elektriker sind wahre Künstler und Meister der Improvisation. Sie stehen auf wackeligen Leitern, hantieren in einem vollkommen undurchschaubaren Gewirr an einem Strommasten oder Laternenpfosten und finden offenbar auf magische Weise immer die richtige Leitung.
Die amerikanischen Besatzungstruppen mussten ihre Routenplanungen für Patrouillenfahrten in den irakischen Städten Iraks immer an die „Leitungslage“ anpassen: Mit den neuen, besonders gegen vergrabene Bomben und Minen geschützten MRAP-Panzerwagen etwa können in vielen Wohnvierteln keine Fahrten gemacht werden, weil die hohen Fahrzeuge die niedrighängenden Stromleitungen herabreißen würden - was dem Kampf um „Herzen und Seelen“ der Iraker abträglich gewesen wäre.
In so gut wie jedem irakischen Haushalt gibt es einen Hauptstromschalter, der auf drei Positionen gestellt werden kann. Die erste, oberste Position wird gewählt, wenn Strom aus dem öffentlichen Stromnetz geliefert wird. Die mittlere Position ist für den Strom vom großen Generator im Wohnviertel bestimmt. Auf die dritte Position schließlich wird der Schalter gestellt, wenn auch der begrenzte Strombezug vom Nachbarschaftsgenerator ausgeschöpft ist und der kleine Privatgenerator einspringen muss. Dessen Leistung reicht im Haus der Shirwanis und Millionen anderer Iraker freilich nur für den Betrieb von Glühbirnen, Fernseh- und Radiogeräten, Computern und allenfalls einem Ventilator. Haushaltsgeräte und vor allem die Klimaanlage können mit ihm nicht betrieben werden.
Seit 2003 wurden 4,6 Milliarden Dollar in die Stromversorgung investiert
Wenn es ein politisches Alltagsthema gibt, das die Iraker seit Jahr und Tag am meisten bewegt, dann ist es die katastrophale Stromversorgung. Nach offiziellen Angaben der amerikanischen Botschaft sind seit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen im März 2003 insgesamt 4,6 Milliarden Dollar in die Elektrizitätsversorgung investiert worden.
Wie kann es sein, fragen die Iraker die amerikanischen Besatzer und vor allem ihre eigenen Politiker, dass es trotzdem noch immer nicht genügend Strom gibt? Immerhin könne man sich jetzt öffentlich über die ständigen Stromsperren beklagen, ohne dafür gleich auf dem elektrischen Stuhl zu landen, sagt Mohammed sarkastisch. Tatsächlich konnte unter Saddam Hussein, als es mit der Stromversorgung vor allem im renitenten schiitischen Süden des Landes noch schlimmer war als heute, eine Beschwerde über die Stromsperren lebensgefährlich sein.
Auch in der ehemaligen Grünen Zone muss man mit Stromsperren leben
Heutzutage machen die Menschen ihrem Unmut Luft: Ende Juni gab es in Basra, Nadschaf und anderen Städten im Süden des Landes wegen der Elektrizitätsknappheit regelrechte Stromrevolten, die von der irakischen Polizei gewaltsam niedergeschlagen wurden. Es gab Tote und Verletzte. Elektrizitätsminister Karim Wahid musste zurücktreten. Inzwischen hat der mächtige Ölminister Hussein al Sharistani auch das Ressort für Stromerversorgung übernommen. Um den Unmut der Bevölkerung zu dämpfen, hat er in einer seiner ersten Amtshandlungen die Privilegien von Ministerien und Geschäftsleuten in der hermetisch abgeriegelten „Grünen Zone“ abgeschafft, die bis dahin rund um die Uhr mit Elektrizität aus dem öffentlichen Stromnetz versorgt worden waren. Jetzt muss man auch in der „Grünen Zone“, die inzwischen offiziell „Internationale Zone“ heißt und von den Amerikanern an die Iraker übergeben wurde, mit den üblichen Stromsperren leben.
Als Hauptgrund für die Stromkrise werden von der Regierung in Bagdad der desolate Zustand der Kraftwerke und vor allem des Leitungsnetzes unter Saddam Hussein genannt. Zwar habe seit 2003 die Stromerzeugung deutlich erhöht werden können, doch mit dem sprunghaften Anstieg des Bedarfs könne man einfach nicht mithalten. Nach dem Sturz Saddams hätten Millionen Iraker neue Elektrogeräte angeschafft, deren Einfuhr und Verkauf einst verboten waren: Kühlschränke, Waschmaschinen und vor allem Klimaanlagen. Wirksame Abhilfe werde deshalb noch Jahre auf sich warten lassen, gibt Öl- und Stromminister Sharistani zu.
Mit Mohammed Shirwanis Generator jedenfalls ist nach unzähligen Reparaturen nichts mehr zu machen. Das Ding ist hinüber, und dafür muss sofort Ersatz her. Wir fahren ins schiitische Armenviertel Sadr City, wo es baugleiche Generatoren gebraucht und in gutem Zustand zu besonders günstigen Preisen gibt. Mohammeds Ehefrau und die drei Kinder sind zwar für die Anschaffung eines neuen Modells aus Japan, aber das kommt für Mohammed nicht in Frage. Schließlich ist er Elektroingenieur: Reparatur und Instandhaltung der für ihre Kurzlebigkeit berüchtigten chinesischen Generatoren ist für ihn mehr Ehrensache als Maßnahme zum Geldsparen.
In Sadr City liegt das Restaurant „El Rubaie Grill“
An langen Betonmauern zum Schutz vor Granatangriffen und Bombenanschlägen vorbei und nach dem Passieren mehrerer Kontrollstellen von Armee und Polizei ist Sadr City auf dem Ostufer des Tigris erreicht. Am zentralen Platz in Sadr City liegt das Restaurant „El Rubaie Grill“. Davor sitzen beim Tee der 24 Jahre alte Malik Haider und ein betagter Onkel, dessen Familie das beliebte Familienrestaurant gehört. Der Platz, an dem sich auch das Hauptquartier des radikalen schiitischen Imams und Politikers Muqtada al Sadr befindet, wird von einem riesigen Gemälde überstrahlt. Darauf sind neben hoffnungsfroh in die Zukunft marschierenden Irakern der den Schiiten heilige goldene Schrein von Samara sowie die riesigen Porträts zweier Ahnherren der Familie Sadr zu sehen: Es sind die Großajatollahs Mohammad Baqir al Sadr, der 1935 geboren und 1980 von Saddam Hussein hingerichtet wurde, sowie der schlohweiße Mohammad Sadiq al Sadr, Jahrgang 1943, der 1999 gemeinsam mit zweien seiner Söhne in Nadschaf einem Mordanschlag von Saddams Häschern zum Opfer fiel.
Muqtada al Sadr, der nach Vertiefung seines theologischen Wissens beim monatelangen Islam-Studium im Nachbarland Iran angesichts der andauernden politischen Lähmung seit den Parlamentswahlen vom März wieder verstärkt seine politischen Ambitionen verfolgen dürfte, ist mit einer Tochter von Großajatollah Baqir al Sadr verheiratet. Vor Muqtadas Hauptquartier hat vor gut zwei Jahren das irakische Heer Stellung bezogen: Hinter Betonmauern verschanzt, beobachten Soldaten rund um die Uhr das Geschehen auf dem großen Versammlungsplatz vor dem flachen Gebäude, in dem sich die Anhänger Muqtadas zu treffen pflegen.
„Der Knoblauch soll der Zwiebel nicht vorwerfen, sie rieche“
Mohammed Shirwani, kurdischer Sunnit aus dem Nordirak, und der Schiit Malik Haider aus Sadr City sind sich beim Gespräch zum süßen Tee über die politische Lage rasch einig: Die politische Klasse sei zum großen Teil korrupt, machtgierig und inkompetent. Statt sich über Macht und Posten, über Proporz zwischen Sunniten und Schiiten, Arabern und Kurden zu streiten, sollten die Politiker die drängendsten Probleme lösen - etwa die Sicherheitslage und die Stromversorgung verbessern. „Wir haben ein Sprichwort“, sagt Malik Haider: „Der Knoblauch soll der Zwiebel nicht vorwerfen, sie rieche.“ So aber sei es, wenn sich Regierungschef Nuri al Maliki und Herausforderer Ijad Allawi gegenseitig der Machtversessenheit bezichtigten, statt Monate nach den Parlamentswahlen von Ende März endlich eine Koalition zu bilden. Mohammed pflichtet Malik bei, und auch Maliks betagter Onkel nickt.
Bald ist der neue gebrauchte Generator chinesischer Bauart besorgt, bei einem schiitischen Händler in Sadr City für umgerechnet etwa 30 Euro. Vorbei an Betonmauern, durch Sicherheitskontrollen und über eine Tigris-Brücke geht es von Sadr City wieder zurück nach Hay al Kindi. Es ist Alltag in Bagdad. Der Verkehr am Nachmittag ist dicht, aber noch nicht so chaotisch wie am frühen Abend. Die Menschen gehen ihren Verrichtungen nach.
Im Juli wurden im Irak bei Anschlägen nach Angaben der Regierung in Bagdad 535 Menschen getötet; damit sei der vergangene Monat der blutigste seit Mai 2008 gewesen, als 563 Menschen bei Gewalttaten getötet wurden. Die amerikanischen Streitkräfte bezifferten die Zahl der Toten im Juli auf 222. Einig sind sich Amerikaner und Iraker immerhin darin, dass der Streit über die Regierungsbildung die Lage vor der geplanten amerikanischen Truppenreduzierung bis Ende August auf 50.000 Mann destabilisiere.
Bald knattert der Generator im Hof der Shirwanis. Der defekte Generator bleibt - er wird künftig als Ersatzteillager gute Dienste leisten. Noch läuft der Motor nicht ganz rund. „Mein schiitischer Generator braucht neben dem sunnitischen Kraftstoff noch ein wenig mehr kurdisches Öl, scheint mir“, lacht Mohammed. Dann legt er den Stromschalter im Hausflur auf die unterste Position um. Fernseher und Ventilator springen an, in der Küche brennt wieder Licht. Die Klimaanlage aber muss warten, bis in frühestens zwei Stunden der Strom wieder aus dem Stadtnetz kommt.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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