26.01.2006 · Der Staatsminister im Auswärtigen Amt Erler (SPD) kritisiert die Firma der im Irak entführten deutschen Ingenieure. Cryotec hätte „zwei Techniker da hingeschickt und sie ohne Schutz arbeiten lassen“. Noch immer gibt es keinen Kontakt zu den Entführern.
Zwar fehlt noch immer eine offizielle Bestätigung der Bundesregierung, daß es sich bei den im Irak entführten Deutschen um René B. und Thomas N. aus der Region Leipzig handelt. Doch das in Bennewitz bei Wurzen ansässige Unternehmen Cryotec Anlagenbau GmbH, für das die Männer arbeiten, bestätigte die Entführung ihrer Mitarbeiter. Man werde alles tun, um die Arbeit des Krisenstabes in Berlin zu unterstützen, sagte Geschäftsführer Peter Bienert. Man werde aber keine Informationen öffentlich machen, die die Sicherheit der Männer gefährden könnten. Sein Interesse sei es, „die Kollegen gesund und kurzfristig zurückzubekommen“, sagte Bienert am Dienstag abend.
Mit Rücksicht auf das Leben der Geiseln wollte sich Bienert nicht weiter einlassen. Selbst der Bürgermeister der etwa 5000 Einwohner großen Gemeinde Bennewitz, Werner Moser (Linkspartei), versuchte am Mittwoch vergeblich, mit dem Cryotec-Geschäftsführer Kontakt aufzunehmen. Weitere Bestätigungen der Identität der beiden Männer kamen nach Agenturberichten unterdessen von den Angehörigen der Entführungsopfer.
Schwerpunkt auch in arabischen Staaten
Die Cryotec GmbH ist in den neunziger Jahren von Geschäftsführer Bienert laut Darstellung auf der firmeneigenen Internet-Seite als Nachfolgeunternehmen des VEB Mafa Wurzen aufgebaut worden. Die Maschinenfabrik und Eisengießerei Wurzen hatte sich schon Ende des 19. Jahrhunderts auf die Herstellung von Kompressoren konzentriert. Zwei Jahre nach Gründung der DDR wurde das Unternehmen verstaatlicht. Cryotec Anlagenbau beschäftigt 15 Mitarbeiter und fertigt mobile und stationäre Anlagen zur Herstellung von Industriegasen wie Sauerstoff, Stickstoff und Kohlendioxyd. Solche Anlagen werden unter anderem in Brauereien, Destillerien, metallverarbeitenden Betrieben oder Ölraffinerien eingesetzt.
Das Unternehmen hat seine Kunden rund um den Globus mit Schwerpunkten in Osteuropa, Lateinamerika, Nordafrika und in den arabischen Staaten. Cyrotec plant, konstruiert und stellt seine Anlagen nicht nur selbst her, sondern übernimmt auch deren Auslieferung, den Aufbau sowie die Inbetriebnahme am Bestimmungsort und schult dort oder am Stammsitz in Sachsen das Personal des Auftraggebers.
Wirklich kein Schutz für die Mitarbeiter?
Zu irakischen Betrieben hat Cyrotec seit dem Jahr 2000 Kontakt. Im Rahmen des UN-Programms „Öl für Lebensmittel“ lieferte das Unternehmen zwei Industrieanlagen in das Land. Nach dem Irak-Krieg im Jahr 2003 konnte Cryotec an seine guten Geschäftsbeziehungen anknüpfen: Eine dritte, für eine Raffinerie in Basra bestimmte Anlage wurde Anfang des vergangenen Jahres ausgeliefert.
Die vierte Anlage, für die die beiden Mitarbeiter erst am Mittwoch vergangener Woche in den Irak entsandt worden waren, ist für eine Chemiefabrik in Baidschi bestimmt. Die beiden Cryotec-Mitarbeiter hätten nur für wenige Tage im Irak sein sollen. Ob und wie das Unternehmen seine beiden Mitarbeiter im Irak beschützen ließ, konnte bislang nicht in Erfahrung gebracht werden. Zu den Entführern gab es am Mittwoch ncoh keinen Kontakt. (Siehe auch: Irak: Kein Kontakt zu Entführern der deutschen Ingenieure)
Der Staatsminister im Auswärtigen Amt Gernot Erler warf der Firma der Im Irak entführten deutschen Ingenieure mangelndes Verantwortungsbewußtsein vor. Erler sagte im MDR, das Außenamt habe immer wieder sehr ernste Reisewarnungen gegeben. „Es liegt eine hohe Verantwortung bei denen, die diese zwei Techniker da hingeschickt haben und sie ohne Schutz dort haben arbeiten lassen“, sagte der SPD-Politiker.
Dennoch betonte Erler, daß die Bundesregierung sich immer verpflichtet fühle, entführte Deutsche zu befreien. „Es ist eindeutig so, daß eine Hilfsverpflichtung des Staates besteht - unabhängig davon, ob eine Person Fehler gemacht oder sich leichtsinnig verhalten hat. Erst in zweiter Linie kann die Frage gestellt werden, was ist die eigene Mitverantwortung.“