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Irak-Geberkonferenz Auf der Baustelle eines irakischen Marshallplans

 ·  Nach zwei Kriegen und zwölf Jahren Sanktionen kann der Irak jedes Quentchen Hilfe gebrauchen. Ein Anfang dafür wurde am Donnerstag auf der Wiederaufbaukonferenz in Madrid gemacht.

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Nach zwei Kriegen und zwölf Jahren Sanktionen kann der Irak jedes Quentchen Hilfe gebrauchen. Ein Anfang dafür wurde am Donnerstag auf der Wiederaufbaukonferenz in Madrid gemacht. Ob aus dieser Werkstatt ein ansehnlicher "Marshallplan" für das verwüstete Land herauskommt oder nur ein Heftpflaster, wird sich erst an diesem Freitag erweisen. Dann sind die Vertreter von mehr als sechzig Ländern und einem Dutzend internationaler Organisationen der Reihe nach aufgerufen, ihren Geldbeutel zu öffnen und konkrete Zahlen zu nennen.

An Aufrufen zur Großzügigkeit hat es jedenfalls nicht gefehlt. UN-Generalsekretär Annan, der die Veranstaltung auf seine behutsam-eindringliche Art eröffnete, besorgte die Einstimmung. Er sah einen "Augenblick der Hoffnung" für eine friedliche und demokratische Zukunft des Iraks gekommen und wertete allein das Zustandekommen der Konferenz als Signal dafür, daß "die Welt bereit ist zu helfen". Der gleiche Annan, der die Entgiftung der internationalen Atmosphäre durch die jüngste Irak-Resolution des Sicherheitsrats in Madrid zu verkörpern suchte, ging dennoch mit einem kryptischen Satz zu dem amerikanisch-britischen Feldzug auf Distanz: "Meine Anwesenheit hier hat nichts mit der Meinung zu tun, die ich über die Rolle der UN im Irak habe."

Langer "Prozeß" der Erholung

Es war bei allen gewahrten Formen eine etwas seltsame Visite des Mannes aus New York. Er verbrachte nach der Ankunft am Mittwoch mehr Zeit mit dem spanischen Ministerpräsidenten Aznar auf dem Fußballplatz - Real Madrid besiegt Partizan Belgrad mit eins zu null - als im politischen Gespräch mit diesem im Moncloa-Palast. Letzteres hatte nur eine Halbzeit gedauert und für magere zwei Journalistenfragen gereicht. In den Antworten war zweckoptimistisch von einem neuen "Beginn" für den Irak und einem noch langen "Prozeß" der Erholung die Rede. Als wollte er sich für jedes mögliche Ergebnis absichern, schob Annan noch nach: "Ich rechne nicht damit, daß die Länder auf dieser Konferenz schon das ganze Geld ankündigen, das sie für den Irak beitragen werden."

Die übrigen Teilnehmer nutzten den ersten Konferenztag zu einer Bestandsaufnahme. Die Arbeitsgruppe "Sicherheit" wurde von den Amerikanern, die für die "humanitären Bedürfnisse" von den Spaniern geleitet. Auf der Grundlage einer Weltbankrechnung, die 36 Milliarden Dollar für die nächsten vier Jahre veranschlagte, wurden die unmittelbaren wirtschaftlichen Notwendigkeiten analysiert. Die spanische Außenministerin Ana Palacio, die die ölreichen Golfanrainer des Iraks besonders herzlich willkommen geheißen hatte, rief sie auf, den einstmals bösen Nachbarn "nicht im Stich zu lassen".

Sie redete zu einer bemerkenswert bunten Versammlung aus Gebern, Nehmern und Zaunkönigen. Da waren Länder wie die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Japan, Spanien oder sogar die kleinen Niederlande, die schon Beiträge zwischen zwölf Millionen und zwanzig Milliarden Dollar angekündigt hatten. Da waren die Saudis und Kuweiter, die sich noch bedeckt hielten. Dazwischen standen mit offener Hand die Mitglieder des irakischen Übergangsrats, die der amerikanische Leiter der zivilen Übergangsverwaltung, Bremer anführte. Der derzeitige Vorsitzende des Übergangsrats Allawi versprach nicht nur, daß sich eine "Investition" in den Irak lohnen werde, sondern sagte trotz der täglichen Anschläge voraus, daß solche Investitionen sogar eine "sichere Sache" seien.

Heimische Haushaltsnöte

Dann waren da die Zaunkönige wie Deutschland, Frankreich und Rußland, die statt Ministern nur höhere Beamte nach Madrid geschickt haben. Sie heben hervor, daß sie schon gegeben hätten und zur Zeit vor allem wegen ihrer heimischen Haushaltsnöte nicht mehr geben könnten, aber jede großzügige Regung anderer rückhaltlos zu bewundern gedächten. Dabei waren diese Staatssekretäre zwar im Vergleich zu den amerikanischen Schwergewichten wie Außenminister Powell und Schatzamtsminister Snow unscheinbar, aber neben den Abgesandten mancher anderer Teilnehmer zwischen Südafrika und Neuseeland noch eine ranghohe Besetzung. Von den zuletzt Genannten waren oft nur Botschaftsräte aus den örtlichen Vertretungen in Madrid gewissermaßen nur "über die Straße" gegangen.

Zur Erleichterung nicht nur der spanischen Organisatoren, die fünftausend Polizisten und vier Millionen Euro aufgeboten hatten, um eintausendzweihundert Delegierte und tausend Journalisten in und um die Madrider Messehallen zu schützen, wurde die Konferenz wenigstens zum Auftakt nicht von lokaler Straßengewalt der "Antiglobalisierer" überschattet. Das Kernprojekt, welches Annan wie Aznar auf "gutem Weg" sahen, war die Schaffung eines internationalen Hilfsfonds unter der Ägide der Vereinten Nationen und der Weltbank. In diesem Topf sollen vor allem die kleinen und mittleren Beiträge gesammelt werden. Um den Bedenken derer entgegenzuwirken, die das Geld schon in einer irakischen Gemengelage aus Korruption, Inkompetenz und Chaos versickern sahen, versicherte Annan, daß es sowohl "angemessene Mechanismen" als auch einen zuverlässigen "Aufsichtsrat" geben werde, um zu kontrollieren, wohin die Mittel gingen und wo sie blieben.

Amerikaner sorgen für Klarheit

In einem Punkt schufen unterdessen die Amerikaner nach verwirrenden Aussagen vom Vortag wieder Klarheit. Die von Präsident Bush zugesagten, dem Kongreß aber erst noch zu entwindenden zwanzig Milliarden Dollar würden von ihnen direkt verteilt und nicht in den internationalen Fonds eingezahlt werden. Das hatten sie vor der Abreise auch Annan erklärt, der dann in Madrid mitteilen konnte: "Die Vereinigten Staaten haben ihre eigenen bilateralen Strukturen, in welche diese zwanzig Milliarden eingeschlossen sind."

Parallel zu der Wiederaufbaukonferenz hatte der spanische Wirtschaftsminister Rato noch ein Forum für interessierte Vertreter der Privatwirtschaft organisiert und von "exzellenten Möglichkeiten" gesprochen. An ihm beteiligten sich mehr als zweihundert Unternehmen, vorwiegend aus Europa und den Vereinigten Staaten. Auffallend war in diesem Kreis, zu dem auch zwei Dutzend irakische Unternehmer gehörten, die Aufmerksamkeit französischer Firmen, die sich vom geringen Interesse der Regierung in Paris an der Hauptveranstaltung abhob.

Reichlichen Gesprächsstoff für die Unternehmen bot das angeblich schon weitgehend verteilte Fell des Wiederaufbaubären an amerikanische Konzerne. Gleichwohl, so trösteten amerikanische Sprecher die Privaten, gebe es auch für andere noch viel zu tun und zu verdienen. Aber, so sagte der Mitbegründer des amerikanisch-irakischen Wirtschaftsrates Fisher mit erfrischender Offenheit: "Der Weg nach Bagdad führt über Washington." So spiegelten die verschiedenen Madrider Foren auch die realen Machtverhältnisse im Irak wider. Aber die Kriegsallianz, die sich an den Nachkriegsaufgaben überhoben hat, suchte für die finanziellen und logistischen Aufräumungsarbeiten neue Verbündete unter ihren vergrätzten alten. Sie fand dort verständige Geber, die Befriedung und Wiederaufbau am Golf für ein kollektives und ein nationales Interesse halten. Die Skeptiker sahen hingegen eher eine zusammengewürfelte Handwerkerschar an der gleichen Baustelle und fragten, ob sich die mitgebrachten Fertigteile zu einem Gebäude fügen werden, in dem dann der Geist von George Marshall wohnt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.10.2003, Nr. 247 / Seite 3
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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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