31.05.2008 · Knapp fünf Millionen Iraker sind auf der Flucht: die meisten im eigenen Land, aber mehr als eine Million fand in Syrien Schutz - so viele wie in keinem anderen Land. Eine Rückkehr planen wenige. Viele hoffen auf eine Zukunft in Europa.
Von Hans-Christian Rößler, DamaskusBald wird es richtig heiß. Dann beginnen in Syrien die Sommerferien. Die meisten Schüler können es kaum noch erwarten, einigen tausend Eltern steht jedoch die Angst ins Gesicht geschrieben, wenn sie nur an den Zeugnistag denken.
„Das Visum für unsere Familie gilt für die Dauer des Schuljahres der Kinder. Wir wissen nicht, ob die syrischen Behörden es im Sommer noch einmal verlängern“, sagt die Frau, die ihr Haar unter einem beigen Kopftuch verbirgt. Zusammen mit ihrer jüngsten Tochter wartet die Sunnitin aus dem Bagdader Hurrija-Viertel auf einer der langen blauen Holzbänke, bis ein Lautsprecher ihre Nummer aufruft. In die riesige Halle am Rand der syrischen Hauptstadt kommen Iraker, um sich beim UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR registrieren lassen.
Thailand des Nahen Ostens
Schon vor knapp zwei Jahren ist die Familie der jungen Irakerin vor dem Terror der schiitischen Milizen aus dem Irak nach Syrien geflohen. Mehr als eine Million ihrer Landsleute leben mittlerweile dort. Aber erst jetzt sucht sie Hilfe. „Irgendwie ging es bisher. Aber jetzt sind unsere Ersparnisse aufgebraucht. Die Mieten, das Benzin, selbst die Tomaten werden immer teurer“, klagt die Mutter, während ein Clown ihre Tochter und die anderen Kinder auf andere Gedanken bringt. Denn im Irak erlebten sie Schreckliches: explodierende Bomben, Morde und Entführungen. Jeder fünfte Iraker, der ins UNHCR-Zentrum im Stadtteil Duma kommt, gilt als traumatisiert.
„Viele wollten bisher lieber unsichtbar bleiben, weil sie fürchten, dass die Milizen, die sie im Irak verfolgten, oder die syrischen Behörden auf sie aufmerksam werden“, sagt UNHCR-Sprecherin Sybella Wilkes. Aber nun treibe sie die blanke Not, denn Arbeit suchen dürfen die Iraker in Syrien nicht.
Immer mehr Frauen kommen nach Duma, die nicht länger warten wollen, bis ihre Ehemänner sich zu diesem Schritt durchringen. Immer häufiger berichten sie dort von Gewalt in ihren zu kleinen Wohnungen und davon, dass sich einige nur noch durch das zu helfen wüssten, was im UN-Jargon zynisch „Survival Sex“ heißt: Sie prostituieren nicht nur sich, sondern verkaufen manchmal stundenweise sogar ihre zwölfjährigen Töchter – vor allem an Araber aus den Golfstaaten, für die Syrien schon lange eine Art Thailand des Nahen Ostens ist. Die Zahl der einschlägigen Nachtclubs wuchs mit dem Zustrom irakischer Flüchtlinge – ähnlich schnell, wie die Armut zunahm.
Überleben mit hundert Dollar im Monat
Vervierfacht hat sich in wenigen Monaten die Zahl der irakischen Familien, die mit weniger als hundert Dollar im Monat überleben muss. Das reicht bald nur noch fürs Essen, seit auf der ganzen Welt die Nahrungsmittelpreise unaufhaltsam steigen. Auch das UNHCR und das UN-Welternährungsprogramm WFP stellt das vor kaum lösbare Aufgaben. Im vergangenen Herbst versorgten sie noch gut 30.000 Iraker mit Reis, Linsen und Speiseöl. Im April waren es 150.000, und bis zum Jahresende rechnen sie mit 360.000. „Die Mittel, die uns zur Verfügung stehen, reichen aber nur bis zum Sommer. Wenn nichts nachkommt, müssen wir unsere Leistungen verringern“, sagt Adham Musallem, der die WFP-Vertretung in Syrien leitet.
Erfahrene Krisenhelfer sehen sich in Syrien – und Jordanien, wohin mehr als 700.000 Iraker flohen – mit einer für sie völlig neuen Lage konfrontiert. In den Lagerhallen des UNHCR-Zentrums hatten sie sich mit Zeltplanen auf einen Flüchtlingsansturm vorbereitet. Aber vergeblich sucht man nach riesigen Zeltlagern wie in Afrika oder Asien: Viele Iraker gehörten dem Mittelstand an, brachten Geld mit und mieteten sich in Damaskus Wohnungen.
Unter den Syrern fallen sie bis heute oft nur durch ihren Akzent auf – und manchmal durch ihre häufigeren Blicke aufs Mobiltelefon: Kurz bevor das Welternährungsprogramm Nahrungsmittelrationen verteilen, versenden dessen Mitarbeiter jedes Mal rund 50000 Textmitteilungen, um die Empfänger zu informieren.
Übertriebene Flüchtlingszahlen
Wie viele Iraker dabei leer ausgehen, kann niemand sagen, weil es über die genaue Zahl der Iraker nur Schätzungen gibt. Von 1,5 Millionen Irakern in dem Land mit knapp 20 Millionen Einwohnern spricht die syrische Regierung. Die UN bestreiten diese Zahl nicht, aber viele halten sie für übertrieben. Hochrechnungen von Mitarbeitern ausländischer Hilfsorganisationen, die von der Zahl irakischer Schulkinder in syrischen Schulen und der in der Region üblichen Familiengröße ausgehen, kommen zu anderen Ergebnissen. Diese Schätzungen beginnen bei 300 000 Irakern, während westliche Diplomaten häufig von etwa 800 000 sprechen.
Aber auch diese Zahlen bedeuten eine riesige Belastung für das kleine arabische Land, dem wirtschaftlich das Wasser bis zum Hals steht: Gerade strich die Regierung die Treibstoffsubventionen, und der Benzinpreis verdreifachte sich über Nacht. Bis zu einer Milliarde Dollar im Jahr koste Syrien die Gastfreundschaft für die Iraker, sagt Staatspräsident Baschar al Assad. Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit erlaubte die Regierung jetzt ausländischen Hilfsorganisationen, den Irakern in Syrien zu helfen.
„Es können weniger oder noch mehr Iraker sein. Wir wissen es nicht genau, aber wir wissen, dass die Not groß ist und wir nur die Hälfte der nötigen Mittel haben, um die wir die internationale Gemeinschaft baten“, sagt Laurens Jolles, der UNHCR-Repräsentant in Syrien. Alles spricht dafür, dass die meisten Iraker das Land nicht so schnell verlassen werden. Präsident Assad rechnet damit, dass die Iraker noch mindestens ein Jahrzehnt bleiben. Die im vergangenen Oktober eingeführte Visumspflicht hat zwar den Zustrom gebremst. An eine Heimkehr denken nach einer eben erstellten Umfrage aber nur vier Prozent, weil es ihnen zu Hause immer noch zu gefährlich ist.
Endlich weit weg
„Es gibt nichts mehr, wohin wir zurückkehren können. Sie sagen, unser Viertel in Bagdad sei jetzt sicher. Aber in einem Gefängnis hinter vier Meter hohen Mauern will ich nicht leben. In unseren Häusern im Bagdader Stadtteil Dora wohnen sowieso längst Sunniten aus Falludscha und Ramadi. Unsere Kirche haben die Terroristen gesprengt“, sagt der irakische Flugzeugmechaniker Mirza William.
Er ist einer der knapp 1200 assyrischen Christen, die sich größtenteils im Damaszener Stadtteil Jaramana niedergelassen haben, das er in Anspielung auf sein altes Bagdader Wohnviertel „Klein-Dora“ nennt. Wie ein großer Teil der irakischen Christen gehörte auch er früher zur Oberschicht: Viele Christen sind Ärzte oder Ingenieure oder arbeiteten in Banken oder bei Fluggesellschaften.
Die Männer, die sich an diesem Nachmittag in der Wohnung ihres Priesters in Jaramana zum Tee treffen, wollen nur noch eines: Endlich weit weg. „Im Nordirak sind wir bei den Kurden auch nicht willkommen. Die wollen nur unsere Stimme bei der nächsten Wahl und uns als billige Arbeitskräfte. In Syrien haben unsere Kinder keine Zukunft. Aber wenn wir hier in die westlichen Botschaften gehen, sehen wir oft, wie nur Sunniten und Schiiten Visa bekommen. Wollen denn die Europäer lieber bald ein muslimischer Kontinent sein?“, fragt Mirza William frustriert. Selbst für den Vater des „Schlächters von Dora“, der in Damaskus ganz in der Nähe lebe, suchten die UN schon ein Aufnahmeland. Der Sohn des Sunniten habe in Dora jeden Morgen schon vor dem Frühstück einem Schiiten die Kehle durchgeschnitten.
Persisch auf den Straßen von Damaskus
Geschichten wie diese sind auch im Stadtteil Saida Zeinab zu hören. Unweit der goldenen Kuppel der Grabmoschee der Enkeltochter des Propheten Mohammed haben sich die Schiiten niedergelassen. Auf der Rawda-Straße preisen Händler den iranischen Pilgern auf Persisch Süßigkeiten und Kopftücher an und akzeptieren auch deren Heimatwährung – genauso wie in den Schiiten heiligen irakischen Städten in Nadschaf und Kerbela.
Der Stoffverkäufer Isa stammt aus Kerbela. Aus seinem Haus vertrieb ihn die schiitische Mahdi-Miliz, weil er mit einer Sunnitin verheiratet ist. „Wenn ich in den Irak zurückkomme, töten sie mich wie vor zwei Monaten meinen Vater und meine Schwägerin“, fürchtet der stämmige Mann. Eine Zukunft sieht er für sich nur noch in Europa, am liebsten in Schweden oder Deutschland.
Knapp 195.000 Iraker hat das UN-Flüchtlingshilfswerk bisher im Irak als Flüchtlinge registriert. Für besonders bedrängte etwa 8000 Iraker in Syrien suchen die UN Aufnahmeländer. Aber nur gut jeder Zehnte von ihnen fand 2007 eine neue Heimat – in Deutschland nur eine Familie. Bundesinnenminister Schäuble kündigte im April an, dass er sich für die unbürokratische Aufnahme von mehreren tausend Christen einsetzen wolle.
Keine Privilegien für Christen
„Die Idee, Flüchtlinge aufzunehmen, ist völlig richtig. Dadurch, dass Schäuble als einziges Kriterium die Religionszugehörigkeit wählte, hat er unglaublich viel Misstrauen unter Flüchtlingen, in deren Aufnahmeländern und in den EU-Mitgliedstaaten gesät“, sagt der Grünen-Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour, der vor kurzem in Syrien war.
In Damaskus bestreiten ausländische Helfer und westliche Diplomaten zwar nicht, dass sie zu den am stärksten bedrohten Minderheiten gehören. Ihnen aber öffentlich den Vorzug zu geben, halten sie und viele Syrer für bedenklich. „Es besteht die Gefahr, den Eindruck zu verstärken, dass es im Irak ein religiös motivierter Krieg war, der vom Westen ausging, der jetzt nur die Christen retten will“, mahnt Samir al Taqi, der in Damaskus das regierungsunabhängige Orient Center for Studies leitet. „Dadurch könnte die Abneigung gegenüber den in der Region zurückbleibenden Christen zunehmen. Deutschland sollte versuchen, den Flüchtlingen mit großer Vorsicht zu helfen, und nicht von selbst diskriminieren.“
Nach Syrien, das schon früher großzügig Armenier, Palästinenser und Libanesen aufnahm, könnten jederzeit auch andere Flüchtlinge strömen. Eine Vorhut kam vor zwei Wochen, als im Nachbarland Libanon wieder der Bürgerkrieg auszubrechen drohte. Als die libanesische Hizbullah-Miliz und Israel im Sommer vor zwei Jahren Krieg gegeneinander führten, flohen fast 150 000 Libanesen nach Syrien.
Knapp fünf Millionen Iraker sind auf der Flucht: die meisten im eigenen Land, aber mehr als eine Million hat in Syrien Schutz gefunden. Eine Rückkehr planen wenige. Viele hoffen auf eine Zukunft in Europa.
Von Hans-Christian Rößler
Die Verkündigung des heiligen Wolfgangs
Harry LeRoy (Cimon)
- 31.05.2008, 02:58 Uhr
Das ueberwiegend wohl atheistisch gesinnte Europa sollte den irakischen....
Kevin Alonso (Ayers.Rock)
- 31.05.2008, 20:17 Uhr
"...weitgehend funktionierende oeffentiche Ordnung.." ?
thomas schulz (peanutbutter)
- 31.05.2008, 22:53 Uhr
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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