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Irak Erschossen auf dem Hausdach

16.09.2007 ·  Der Kampf um die „Herzen und Köpfe“ der Menschen lässt sich im Irak nur schwer gewinnen. Matthias Rüb berichtet aus Bagdad, wie die Amerikaner Vorwürfen nachgehen, sie hätten einen Unschuldigen getötet.

Von Matthias Rüb, Bagdad
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Der Tod kam plötzlich zu Walid. Es war mitten in der Nacht. Der 22 Jahre alte Sohn einer sunnitischen Familie aus bescheidenen Verhältnissen stand, als ihn die Kugeln trafen, auf dem Dach des Hauses seiner Familie im Stadtteil Mansur im Südwesten von Bagdad. Zwei Tage nach dem verhängnisvollen Vorfall versammeln sich die Männer und Söhne der Familie, dazu ein Zug amerikanischer Soldaten unter Führung von Hauptmann Scott Loria, auf dem Dach zu einer Art Tatortbegehung.

Spuren gibt es freilich nicht mehr zu sichern. Einzig die Blutlache, in der Walid starb und die längst festgetrocknet ist zu einem dunkelbraunen Fleck, zeugt noch von dem Zwischenfall. Wie es zu diesem kam, ob der Mann unschuldig erschossen oder von amerikanischen Soldaten ausgeschaltet wurde, ehe er einen Sprengsatz an der nahen Straße zünden konnte, sollen Hauptmann Loria und seine Leute herausbekommen.

Unrat, ein Hundekadaver, verrostete Autoskelette

Der Ortstermin beginnt unter ohrenbetäubendem Lärm. Aus den umliegenden Häusern sind die Frauen, allesamt in weite, knöchellange schwarze Abajas gekleidet, herbeigekommen und stimmen das schrille Geschrei der Klageweiber an, als die amerikanischen Soldaten das Haus betreten. Sie werden von den Männern sogleich zur Ruhe gerufen und ins Wohnzimmer gewiesen, zu welchem sie augenblicklich die Türe schließen. Die anderen Frauen werden an die Herde zurückbeordert, wo es in großen schwarzen Töpfen und Pfannen brutzelt und siedet.

Draußen vor dem Haus backen drei weitere Frauen in einem Backofen aus Lehm Fladenbrot. Hinter ihnen erstreckt sich eine Brache, auf der die Trümmer des seit viereinhalb Jahren währenden Krieges liegen - Unrat, ein Hundekadaver, verrostete Autoskelette. Schließlich unterscheidet man eine vierspurige Straße, entlang derer eine mannshohe Betonwand errichtet ist.

Verhängnisvoller Verdacht

Unterdessen haben sich die Männer und Jungen der Familie mit den Soldaten auf dem Dach versammelt. Nach seinen Informationen hätten die in einem leerstehenden Nebenhaus auf der Lauer liegenden amerikanischen Soldaten „einen Mann mit Mobiltelefon und Pistole“ hantieren sehen, sagt ein Soldat. Sie seien überzeugt gewesen, der Verdächtige wolle mit seinem Mobiltelefon entweder selbst einen Sprengsatz an der Straße zünden oder seinen Komplizen unten ein Zeichen geben, damit diese den Zünder betätigen, wenn der amerikanische Konvoi den verborgenen Sprengsatz passiert.

Tatsächlich bietet sich vom Dach ein guter Blick auf die Straße, auf der häufig Konvois der amerikanischen Streitkräfte verkehren und deren Fahrzeuge dort mehrmals mit selbstgebauten Sprengsätzen angegriffen wurden. Jenseits der Straße befindet sich die sunnitische Enklave Amarija, welche die Amerikaner zum Schutz vor extremistischen schiitischen Selbstmordattentätern vollständig von einer Mauer umgeben haben. „Obwohl wir die Sunniten in Amarija und auch hier in Mansur vor extremistischen Schiiten schützen, werden wir immer wieder auch von Sunniten angegriffen“, sagt Leutnant Marco Alvarez, der gemeinsam mit Hauptmann Loria den Zug von etwa 20 Soldaten führt.

„Den bösen Jungs“ das Handwerk legen

Sein Sohn habe wegen der Hitze wie so oft die Nacht auf dem Dach unter freiem Himmel verbracht, und so etwas wie einen Angriff auf die Amerikaner habe er niemals im Sinn gehabt, bekräftigen der Vater, Onkel und Brüder des getöteten Walid. Warum er mitten in der Nacht an der Umgrenzungsmauer des Daches gestanden habe statt zu liegen, können sich die Männer auch nicht erklären. Wild gestikulierend reden sie auf den Übersetzer der Einheit ein, der den Decknamen „Junior“ trägt.

Hauptmann Loria lässt sich Fotos des Erschossenen zeigen und versucht sie seinerseits mit einer kleinen Digitalkamera zu fotografieren - er will die Aufnahmen mit der Datei des amerikanischen Heeres vergleichen, in welcher Terroristen und Aufständische gespeichert sind. Wie die weitere Untersuchung des Falles ausgehen wird, kann er selbstredend noch nicht sagen. Er lässt den Vater des Getöteten aber wissen, dass es hin und wieder zu Missverständnissen und Fehlern komme, freilich nur deshalb, weil die amerikanischen wie auch die irakischen Sicherheitskräfte nach Kräften versuchten, „den bösen Jungs“ das Handwerk zu legen.

2500 Dollar für ein Menschenleben

Der Vater des Getöteten stimmt Hauptmann Loria zu und nimmt diesem das Versprechen ab, dass die amerikanischen Streitkräfte den Fall weiter untersuchen und ihm über deren Ergebnisse berichten werden. Nach etwa einer Stunde endet der Ortstermin unter gegenseitigen Respektsbezeugungen in einvernehmlicher Atmosphäre. Über den Fall Walid solle bald entschieden werden, versichert Hauptmann Loria noch einmal.

Sollte sich herausstellen, dass Walid tatsächlich unschuldig erschossen wurde, kann die Familie mit einer Entschädigungszahlung rechnen. Deren Höhe wird von Fall zu Fall festgelegt, oft beträgt die Summe um 2500 Dollar. Das entspricht etwa der Summe, auf die sich auch die Scheichs von Stämmen einigen, die in einen Tötungsdelikt verwickelt sind.

500 versehentliche Opfer

Die amerikanische Bürgerrechtsorganisation „American Civil Liberties Union“ (ACLU) hat ermittelt, dass es seit dem Beginn der Kriege in Afghanistan und im Irak im Oktober 2001 beziehungsweise im März 2003 etwa 500 Fälle gibt, in welchen die Familien von unschuldig oder versehentlich Getöteten und Verletzten Entschädigungszahlungen von den amerikanischen Streitkräften gefordert haben.

In etwa 170 Fällen wurden Zahlungen an die Familien geleistet - jeweils etwa zur Hälfte Entschädigungszahlungen, verbunden mit dem Eingeständnis eines Fehlers, oder sogenannte Beileidszahlungen, bei denen kein Fehlverhalten zugegeben wird, die Hinterbliebenen aus „Mitgefühl“ aber trotzdem Geld erhalten. Daneben gibt es Entschädigungszahlungen für beschädigtes oder zerstörtes Eigentum. Die Tageszeitung „New York Times“ berichtet, dass die amerikanischen Streitkräfte in Afghanistan und im Irak bisher gut 32 Millionen Dollar an Entschädigungszahlungen geleistet hätten.

Im Kampf um „Herzen und Köpfe“

Ehe der Zug von Hauptmann Scott Loria zu seiner Basis ins „Camp Liberty“ ins riesige Heerlager am Bagdader Flughafen zurückkehrt, macht die Kolonne von vier gepanzerten Humvee-Jeeps in dem Viertel noch mehrfach halt. Aus den Kofferräumen der Jeeps werden Kartons mit Lebensmitteln, Getränken, auch Reinigungsmitteln, dazu Fahndungsplakate mit den Fotos der meistgesuchten Al-Qaida-Terroristen an die rasch herbeigeeilten Frauen und Kinder verteilt. Längst wissen zumal die Buben, wie man die amerikanischen Soldaten zu begrüßen hat - die geballten Fäuste werden freundschaftlich an- und aufeinandergestoßen. Sonnenbrillen, ein Fußball, Schildmützen wechseln den Besitzer. Der Kampf um „Herzen und Köpfe“ ist in vollem Gange. Diesmal fällt kein Schuss.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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