Home
http://www.faz.net/-gq5-rgtp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Irak Enthauptet, erschossen - oder freigekauft

29.11.2005 ·  Im Nachkriegs-Irak sind alle westlichen Ausländer unablässig in Lebensgefahr. Entführungen stellen neben Selbstmordattentaten das größte Risiko dar. Blicke zieht aber jeder Ausländer auf sich, der sich in der Öffentlichkeit bewegt.

Von Rainer Hermann, Istanbul
Artikel Bilder (4) Video (1) Lesermeinungen (0)

Eines muß jeder wissen, der in den Irak geht: Daß Entführungen ein größeres Risiko darstellen als Selbstmordattentate. Relativ gering ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer von Autobomben und Selbstmordanschlägen zu werden. Blicke zieht aber jeder Ausländer auf sich, der sich in der Öffentlichkeit bewegt. Je weniger Ausländer sich im Irak aufhalten, desto mehr fallen die letzten auf. Vor Entführungen schützt auch nicht, wenn sich das Opfer über Jahre beispiellos für die irakischen Armen eingesetzt hat.

Wie die Britin Margaret Hassan, die Irakerin und Muslima geworden war, die Hilfsorganisation Care in Bagdad leitete, am 16. November 2004 aber, knapp einen Monat nach ihrer Entführung, von ihren Entführern wegen der Irak-Politik der britischen Regierung erschossen wurde. Der Fernsehsender Al Dschazira erhielt ein Video ihrer Ermordung. Das fügt sich in das Muster der „politisch“ motivierten Entführungen: Die Entführer erheben eine politische Forderung, etwa den Abzug ausländischer Soldaten aus dem Irak oder den Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Bagdad, das Ultimatum wird aufgezeichnet und den Medien zugestellt, ebenso die Ermordung des Opfers.

200 ausländische Geiseln seit 2003

Seit dem Ende des Irak-Kriegs sind viele Tausend Iraker verschleppt worden und mutmaßlich mehr als 200 ausländische Geiseln. Vor Susanne Osthoff waren zuletzt am vergangenen Samstag in Bagdad zwei Kanadier sowie jeweils ein Brite und ein Amerikaner entführt worden. Sie arbeiteten alle für westliche Hilfsorganisationen. Andere Gruppen, die die Entführer ins Visier nehmen, sind Journalisten und Beschäftigte privater Unternehmen. Sicher ist, daß mindestens 52 ausländische Geiseln ermordet worden sind. Bei nicht wenigen ist das Schicksal weiter ungewiß. Mutmaßlich ist der Freilassung der meisten Ausländer die Zahlung von Lösegeld durch ihre Regierungen oder ihre Arbeitgeber vorausgegangen, auch wenn das in der Regel dementiert wird.

So will weder die italienische Regierung für die Freilassung der beiden Hilfsarbeiterinnen Simona Pari und Simona Terretta, die am 28. September, drei Wochen nach ihrer Entführung freikamen, Lösegelder bezahlt haben, noch die französische Regierung für die am 21. Dezember 2004 freigelassenen Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot. Lösegeld sei „weder verlangt noch gezahlt“ worden, insistierte der damalige Ministerpräsident Raffarin. Lösegeld will Paris auch nicht für die Journalistin Florence Aubenas bezahlt haben, die am 11. Juni 2005 nach fünf Monaten wieder freikam. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ hatte indessen von einer Lösegeldzahlung von 15 Millionen Dollar gesprochen.

„Politische“ Entführungen sind lukrativ

Mit ihrem Leben bezahlt haben viele andere entführte Ausländer ihr Engagement im Irak. Die Kamera war dabei, als am 7. Oktober 2004 der britische Ingenieur Kenneth Bigley enthauptet wurde, als am 28. Juni 2004 der amerikanische Soldat Keith Maupin durch einen Schuß in den Hinterkopf getötet wurde, als der südkoreanische Dolmetscher Kim Sun-Il am 8. Mai 2004 enthauptet wurde und als am 14. April 2004 der Italiener Fabrizio Quattrocchi durch einen Kopfschuß getötet wurde. Stets waren zunächst Forderungen gestellt worden, die Länder der Opfer sollten ihre Soldaten aus dem Irak abziehen. Die Entführer hatten bemerkt, daß man mit Entführungen eine größere Aufmerksamkeit schaffen konnte als mit den immer schwieriger gewordenen Angriffen auf amerikanische Soldaten.

Diese „politischen“ Entführungen sind dem Umfeld der Aufständischen zuzuordnen. Für eine zweite Gruppe von Kriminellen sind Entführungen aber zu einem finanziell lukrativen Geschäft geworden. So geschehen die meisten Entführungen von Irakern aus reiner Geldgier. Seit dem Ende des Kriegs haben sich im Irak mutmaßlich mehrere hundert Banden gebildet, die sich auf Entführungen spezialisiert haben. Überwiegend entführen sie irakische Staatsangehörige - Männer wie Schulkinder.

Auswanderung als Lösung

Ihre Familien können sie gegen Lösegeld, dessen Höhe vom Vermögen der Familien der Opfer abhängt, freikaufen. Die Folge ist, daß immer mehr Familien, die Opfer von Entführungen sind oder es werden könnten, dem Land den Rücken kehren und sich etwa in der jordanischen Hauptstadt Amman niederlassen. Die Entführungsindustrie hat daher einen beispiellosen Exodus von Akademikern und Selbständigen verursacht.

Aber auch bei Ausländern sind nicht selten Lösegeldforderungen im Spiel. Lösegelder wurden etwa für die Angestellten einer in Bagdad tätigen ägyptischen Mobilfunkgesellschaft bezahlt oder für acht ebenfalls in Bagdad entführte Mitarbeitern eines russischen Energiekonzerns. Sie alle wurden unversehrt freigelassen. Geld ist auch im vergangenen Jahr bei der Freilassung von fünf Japanern geflossen. Abdasslam al Kubaisi, der Vorsitzende des sunnitischen „Vereinigung muslimischer Rechtsgelehrter“, hatte mit den Entführern verhandelt, wollte sich aber nicht über das gezahlte Lösegeld äußern.

„Geisel-Handel“

Weniger eindeutig war der Fall des französischen Fernsehjournalisten Alexandre Jordanov. Er schilderte nach seiner Freilassung, daß er in vier Tagen mehrfach von einer Bande zur nächsten weiterverkauft wurde. In einer Nacht sei er von 20 Entführern umgeben gewesen. Die einen wollten ihn töten, die anderen mit ihm reden, die dritten ihn freilassen. Schließlich kam er frei.

Auf der Stelle getötet wurden indessen wohl die beiden ersten Deutschen, die im Nachkriegs-Irak überfallen worden waren. Im vergangenen Jahr waren die beiden Grenzschutzbeamten Thomas Haffenenker und Tobias Retterath auf dem Weg von Amman nach Bagdad bei Falludscha in einen Hinterhalt geraten. Sie gehörten der Sondereinheit GSG-9 an und sollten die deutsche Botschaft bewachen. Statt dessen wurden sie auf dem Weg dorthin erschossen.

Quelle: F.A.Z., 30. November 2005
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 3