01.11.2005 · 2000 getötete amerikanische Soldaten, rund 30.000 Opfer unter der Zivilisten - und die Dunkelziffer liegt höher. Die Amerikaner und ihre Partner haben weiter erhebliche Schwierigkeiten, den Irak unter Kontrolle zu halten.
Von Nikolas BusseZwei Zahlen haben der internationalen Öffentlichkeit in den vergangenen Tagen in Erinnerung gerufen, wie verfahren die militärische Lage im Irak ist: Am vergangenen Dienstag kam der zweitausendste amerikanische Soldat im Irak um.
Am Sonntag wurde dann eine Aufstellung des amerikanischen Verteidigungsministeriums für den Kongreß bekannt, aus der sich ablesen läßt, daß zwischen dem 1. Januar 2004 und dem 16. September 2005 25.902 irakische Zivilisten und Mitglieder der Sicherheitskräfte verwundet oder getötet wurden; die Zahl der Toten läge nach der Aufstellung wohl bei 6475. Die Zahl der täglich verwundeten und getöteten Iraker stieg danach von 26 am Tag zu Beginn des Jahres 2004 auf 63 am Tag Ende August dieses Jahres. Da die Zählung des Pentagons nicht als vollständig gilt, könnten die wirklichen Zahlen höher liegen. Die britische Nichtregierungsorganisation Iraq Body Count („Opferzahl Irak“), deren Zählung sich auf Medienberichte stützt, gibt an, daß im Irak bisher zwischen 26.732 und 30.098 Zivilisten getötet wurden.
Ernstzunehmende militärische Schwierigkeiten
In jedem Fall bringen diese Zahlen zum Ausdruck, daß die Amerikaner und die von ihnen geführten Koalitionsstreitkräfte gut zweieinhalb Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins noch erhebliche Schwierigkeiten haben, das Land unter Kontrolle zu halten. Angesehene Militärfachleute in Washington, wie Anthony Cordesman vom Center for Strategic and International Studies, haben in den vergangenen Wochen darauf hingewiesen, daß sich hinter der tragischen Bilanz ernstzunehmende militärische Schwierigkeiten verbergen. Als Beispiel gilt der Verlauf der vielen Operationen, die amerikanische und irakische Streitkräfte in den vergangenen Monaten in sunnitischen Siedlungsgebieten wie Falludscha oder Tal Afar im Westen des Landes unternommen haben.
Ein Hauptproblem, so Cordesman in einem Bericht vom September, sei stets gewesen, daß die Amerikaner in städtischen Umgebungen großangelegte Razzien unternommen hätten, ohne über eine angemessene Aufklärung oder Zielerfassung zu verfügen. Als Folge seien sie oft nicht in der Lage gewesen, Freund von Feind zu unterscheiden: „Gegner und Zivilisten vermischen sich, während sie fliehen und sich verteilen, die meisten Aufständischen kommen davon, und unerfahrene amerikanische Soldaten schaffen in ihrem Umgang mit den politisch sowieso schon ablehnend eingestellten Irakern der Gegend neue Feindschaft.“
Keine eigenständigen Einsätze
Die irakische Polizei und Armee, die gegenwärtig 183.000 Mann umfassen, scheinen in diesem schwierigen Umfeld oft kaum von Hilfe zu sein. In amerikanischen Berichten wird immer wieder hervorgehoben, daß nur die wenigsten irakischen Einheiten zu mehr als Hilfseinsätzen fähig seien, weil sie ohne amerikanische Luftunterstützung, Artillerie und Logistik keine eigenständigen Einsätze führen könnten. In einer Anhörung vor dem Kongreß gab das Pentagon kürzlich an, daß derzeit nur eines der 110 irakischen Bataillone in der Lage sei, unabhängig von den Amerikanern zu operieren.
Etwas mehr als drei Dutzend seien in der Lage, bei Operationen gegen Aufständische die Führung zu übernehmen, solange die Amerikaner weitere Soldaten, Hubschrauber und Sanitätsdienste zur Verfügung stellten. Hinzu kommt, daß die irakischen Einheiten durch ihre oft streng ethnische Zusammensetzung (kurdische oder schiitische Verbände) andere Bevölkerungsteile, vor allem Sunniten, gegen sich aufbringen. Der irakischen Polizei gelingt es deshalb selten, nach Operationen jene Ordnung zu schaffen und Hilfe zu leisten, die für eine dauerhafte Befriedung nötig wären. Unter Hinweis auf die oft nicht niedrige Zahl an getöteten und gefangenen Aufständischen, die nach einzelnen Einsätzen gemeldet werden, bemerkt Cordesman, es gebe im Irak nur „taktische Operationen“, ein „bedeutender Sieg“ werde von den Koalitionsstreitkräften in der Regel aber nicht erreicht.
Anschläge auf Regierungseinrichtungen
Ein Grund für diese Entwicklung dürfte in der veränderten Zielsetzung der Aufständischen liegen, die sich nach Meinung vieler Fachleute in jüngster Zeit vollzogen hat. Statt die Koalitionsstreitkräfte direkt anzugreifen, um sie aus dem Land zu vertreiben, konzentrieren sich die Aufständischen stärker darauf, die Einrichtungen der irakischen Regierung und ihrer Sicherheitskräfte zum Ziel ihrer Anschläge zu machen, um den politischen Prozeß des Landes zu behindern. Wahrscheinlich ist diese Tendenz stärker den in den Irak eingesickerten ausländischen Dschihadisten zuzuschreiben als den örtlichen sunnitischen Aufständischen. Letztere dürften eine Wiederherstellung eines sunnitisch dominierten Herrschaftssystems wie unter Saddam Hussein anstreben oder zumindest eine starke Machtposition ihrer Minderheit im neuen Irak.
Die Dschihadisten, die von radikalen Islamisten wie Abu Mussab al Zarqawi geführt werden, sehen den Kampf im Irak dagegen als Teil eines größeren Feldzugs für einen reinen Islam nach den Maßgaben ihrer „reinen“ sunnitischen Lehre. Darauf deuten die Rechtfertigungen hin, die diese Gruppen im Internet oder anderswo veröffentlichen. Diese Zielsetzung hat erhebliche Auswirkungen auf die militärische Vorgehensweise dieser Terroristen: Sie wollen im Irak nicht „gewinnen“, sondern scheinen mit einem Ausgang zufrieden zu sein, der das Land in einen dauerhaften Bürgerkrieg versinken ließe, was ihnen offenbar als Vorstufe zu einem von Allah gewollten Konflikt um die Vorherrschaft im Islam gilt. Für die Amerikaner und die irakische Regierung sind das besonders schwierige Gegner: Verhandlungen oder eine Abschreckung sind hier nicht möglich, sie können nur physisch besiegt werden.
Mehr als 500 Selbstmordanschläge
Es ist unklar, wie stark der Anteil der Dschihadisten an den Aufständischen ist. Viele Beobachter vermuten, daß sie nicht mehr als fünf bis zehn Prozent der Gewalttäter ausmachen. Mutmaßungen über die Gesamtzahl der Aufständischen liegen meist zwischen 15.000 und 60.000 Mann, so daß die Dschihadisten vielleicht bis zu 6000 Leute umfassen könnten. Nach einer Schätzung eines Pentagonmitarbeiters sind diese - oft nur schlecht ausgebildeten - „Freiwilligen“ aus anderen islamischen Ländern für einen Großteil der Anschläge im Irak verantwortlich: Danach wurden bis Juli 2005 weniger als zehn Prozent von mehr als 500 Selbstmordanschlägen von Irakern begangen. Nimmt man die vielen Heldenberichte über „Märtyrer“ zum Maßstab, die auf extremistischen Websites veröffentlicht werden, so deutet alles darauf hin, daß ausländische Dschihadisten den Großteil der Autobomben- oder anderen Selbstmordanschläge im Irak verübt haben.
All das ist nicht spurlos an den Debatten in Washington vorbeigegangen. Offiziell redet die Regierung in Washington davon, daß die im Irak stationierte Zahl von derzeit etwa 140 000 amerikanischen Soldaten verringert werden kann, sobald die irakischen Sicherheitskräfte stärker sind. Die Zeitung „Wall Street Journal“ berichtete zu Beginn des Monats aber, daß viele Befehlshaber im Irak lieber mehr Soldaten zur Verfügung hätten. Die Erfahrung habe gezeigt, daß eine Verringerung amerikanischer Kräfte im Irak oft Instabilität zur Folge gehabt habe.
Größere Einheiten erforderlich
So sei Mossul gleichsam „über Nacht“ in Gewalt versunken, nachdem die Amerikaner im Januar 2004 die 101. Luftlandedivision, die bis dahin den Nordirak kontrolliert hatte, durch eine wesentlich kleinere Einheit ersetzt hatte. Die Rand Corporation, ein Sicherheitsberatungsinstitut der Regierung, hat deshalb jüngst zu einer Vergrößerung des amerikanischen Kontingents geraten. In einer Studie über amerikanische Friedensmissionen der vergangenen 50 Jahre wurde argumentiert, daß 512.000 Soldaten im Irak nötig wären, um das gleiche Verhältnis von Friedenstruppen zu Zivilbevölkerung zu erreichen wie im Kosovo. Nimmt man Bosnien als Bezugsgröße, dann wäre immer noch ein Kontingent von 460.000 Soldaten erforderlich.
Vergleicht man den Irak-Einsatz mit anderen amerikanischen Kriegen der Vergangenheit, dann erscheint das bisherige Engagement der Weltmacht in der Tat zurückhaltend. Die nationalen Verteidigungsausgaben, die derzeit mit 405 Milliarden Dollar etwa 3,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen, lagen jedenfalls schon oft wesentlich höher. Im Zweiten Weltkrieg waren es 37,5 Prozent, in Vietnam gut 9 Prozent, und selbst während der „friedlichen“ Phasen des Kalten Krieges sanken die Verteidigungsausgaben nie unter 4,3 Prozent. Auch die eigenen Verluste waren bei früheren Konflikten viel höher als derzeit im Irak: Die meisten Gefallenen hatte Amerika im Bürgerkrieg (364.511), im Zweiten Weltkrieg (405.399) und in Vietnam (58.209) zu beklagen. Die bisher 2000 Toten im Irak waren in solchen Konflikten oft Tagesverluste.
Der größte Widerstand gegen ein stärkeres militärisches Engagement im Irak kam bisher allerdings von Verteidigungsminister Rumsfeld. Er widersprach schon vor dem Krieg jenen Generalen, die nur mit massiver Mannschaftsstärke in den Irak einmarschieren wollten. Rumsfeld ist ein Anhänger des Konzepts von Hochtechnologiekriegen, der die Mannschaften mit Hilfe überlegener Feuerkraft schont. Sein bevorzugtes Modell sind Einsätze wie in Afghanistan, wo die Amerikaner mit bislang nicht mehr als 20.000 Mann im Einsatz waren und statt dessen den Einheimischen einen großen Teil der Aufbauleistung abverlangen.
Nikolas Busse Jahrgang 1969, politischer Korrespondent für die Nato und die EU mit Sitz in Brüssel.
Jüngste Beiträge