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Irak Die Besatzer gelten als Befreier

01.11.2003 ·  Auch in Kirkuk gibt es täglich Sabotage und Überfälle. Doch Iraks Kurden stehen hinter Amerika. Die Befreiung, sagt der Bürgermeister, stelle alle Fehler in den Schatten.

Von Klaus-Dieter Frankenberger
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In Kurdistan ist nicht alles, aber manches anders. Und einiges ist besser. Während Bagdad im Griff einer lähmenden Angst zu sein scheint und eine Woche tödlicher Anschläge hinter und Schlimmes vielleicht noch vor sich hat, ist der Norden dabei, sich den Weg aus dem Abgrund zu bahnen.

Nicht daß hier die Landschaften blühten, nicht daß es hier keine Sabotage, Überfälle oder Einschüchterungen gäbe. Die gibt es jeden Tag und jede Nacht. Aber kurdische Kinder winken am Straßenrand noch immer den vorbeifahrenden amerikanischen Soldaten zu, so wie sie und ihre Eltern es nach der von ihnen so erlebten erlösenden "Befreiung" getan haben. Natürlich nicht mehr mit der Begeisterung von damals. Aber die Unsicherheiten nach dem Ende der Diktatur Saddam Husseins, die es mit den irakischen Kurden viele Jahre lang besonders schlecht meinte, haben sie nicht zu Feinden der Besatzungsmächte gemacht.

Sicherheitslage „generell gut“

Im Rathaus von Kirkuk, einer Stadt von rund 800.000 Einwohnern, deren enormer Erneuerungsbedarf einem auf Schritt und Tritt geradezu entgegenschreit, gehen die Uhren schon nach der neuen Zeit. Im Hof stehen Panzer und Militärfahrzeuge, vor dem Eingang türmen sich Müll und Schutt, aber drinnen wird schon geübt, wie eine Kommunalverwaltung funktionieren sollte. "Beamte" sitzen hinter leeren Schreibtischen, Männer, die Besucherausweise anstecken haben, warten in kahlen Fluren. Es sind viele Männer, die an diesem Morgen hierhergekommen sind. Und die Zahl derer, die Maschinenpistolen und russische Sturmgewehre umhängen haben, ist auch nicht gering. Ihr Anblick erschreckt die uns begleitenden amerikanischen Militärpolizisten zwar nicht, aber sie mustern diese Bewaffneten, von denen die meisten früher kurdische Freiheitskämpfer, Peschmerga, waren, doch mit erhöhter Aufmerksamkeit.

Abdal Rahman Mustafa ist der Bürgermeister von Kirkuk. Was er zur politischen und sozialen Lage und den Zukunftsaussichten zu sagen hat, dürfte jenen amerikanischen Politikern, welche den Regimewechsel in Bagdad als Fanal zur Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens betrieben haben, rundum Genugtuung verschaffen, wenn sie es denn hören könnten. Hier sei die Sicherheitslage besser als anderswo im Lande, sogar "generell gut". Kurden, sunnitische Araber, Assyrer und Turkomanen lebten in Eintracht und Friedfertigkeit miteinander - was selbst der zuständige amerikanische Kommandeur bestreitet -, und das mit den Überfällen sei auch nicht so dramatisch, wie es dargestellt werde. Wäre da nicht die hohe Arbeitslosigkeit und gäbe es nicht die Last der früheren Vertreibung der Kurden unter Saddam, die jetzt wieder rückgängig gemacht werden soll, man könnte meinen, die Sorgen Abdal Rahmans seien einem gar nicht so unvertraut.

Bloß keine Kritik an Amerika

Er weiß natürlich, wem er es zu verdanken hat, daß die Kurden zu den Gewinnern im neuen Irak gehören und daß es jetzt einen Stadtrat gibt, der unter amerikanischer Aufsicht auf quasidemokratische Art zustande kam und in dem alle ethnischen Gruppen in gleicher Stärke vertreten sind. Es gibt kaum ein Wort, in dem wirklich Kritik an der militärischen Besatzung und an der Übergangsverwaltung, die hier eine Dependance unterhält, anklingt. Der Bürgermeister verteilt rundum Lob für die Übergangsverwaltung mit dem Kürzel CPA, nennt die Militärbesatzung, deren Präsenz und Erscheinungsbild auf der Straße exakt das Gegenteil vom Sozialhelfer in Uniform sind, unersetzlich und will auch von Fehlern nichts wissen. "Die Befreiung des Iraks ist die größte Leistung. Sie stellt alle Fehler in den Schatten", übersetzt der Dolmetscher, auf dessen Visitenkarte "Communications-Meister" steht. "Ich sehe nicht einen einzigen Fehler, der die Verwaltung Kirkuks erschweren würde." Und wenn die neuen Ministerien in Bagdad sich weniger einmischten, würde alles noch besser funktionieren.

Der Übersetzer verwendet das Wort "unabhängig", meint eigentlich autonom und läßt ganz unbeabsichtigt die große Frage der staatsrechtlichen Neuordnung des Iraks aufleuchten: Zentralstaat oder föderaler Staat oder gar die schleichende Verwirklichung der Unabhängigkeit? Vielleicht ist das Feuer dieses Traums doch nicht erloschen.

Worauf sich die Zukunft Kirkuks und Kurdistans gründen soll, ist nicht weit vom Rathaus zu besichtigen. Oder besser zu bewundern. Das Gebäude der "Northern Oil Company" wird bewacht wie alle anderen öffentlichen Gebäude auch. Aber im Unterschied zu denen ist es binnen weniger Monate so umfassend renoviert worden, daß nichts auf Zerstörung und die Schäden der Brände hindeutet, die Plünderer gelegt hatten. Es sieht eigentlich aus wie neu; schmuck ist der richtige Ausdruck. Darin ist es einzigartig. Vor zehn Tagen wurde es fertiggestellt.

Lohnt sich die Mühe?

Das Unternehmen, das die Renovierungsarbeiten erledigte, war Kellog Brown & Root (KBR), jene Firma also, die zu dem Ölfeldausrüster Halliburton gehört und die zahlreiche hochdotierte Aufträge bekommen hat. Während in Washington eine lebhafte Diskussion darüber entbrannt ist, ob die Halliburton-Tochter auf dem kurzen Dienstweg politische Verbindungen in lukrative Geschäfte umzumünzen verstand, regt sich an Ort und Stelle niemand über vermeintliches (Nach-)Kriegsgewinnlertum auf. "KBR ist wunderbar", sagt Gazi Talabani so laut, daß es auch die umstehenden Amerikaner - Militärs und Zivilisten - hören können. Von denen hat man unschwer den Eindruck, daß sie mit der Leitung der Öl-Gesellschaft nicht nur nebenbei beschäftigt sind. Gazi Talabani ist der Sicherheitsdirektor der Gesellschaft. Ja, die Sabotageakte hätten nicht nachgelassen, gibt er zu. Überfälle richteten sich mehr gegen Amerikaner als gegen "uns". Sie täten ihr Bestes, um die Förderanlagen zu schützen, aber es sei eben sehr schwer, alles ständig unter Kontrolle zu haben. Mit "sie" meint Talabani in erster Linie die amerikanische 4. Infanteriedivision, die in Kirkuk ihr Hauptquartier hat, in zweiter Linie erst die irakischen und wirklich "seine" Sicherheitsleute. Die Sabotage ist das, was den Öl-Leuten und ihrem bewaffneten Personal schon mal den Schlaf raubt. Sie ist der eine Grund, daß nicht schon früher die alte Fördermenge erreicht wurde.

Der andere Grund ist verrostet. Eine Förderplattform draußen vor der Stadt, zu der wir geführt werden, ist in einem so verkommenen Zustand, daß man das Investitionsvolumen erahnen kann, welches nötig ist, um über den Ölexport die Wirtschaft in Schwung zu bringen und irgendwann einmal Wohlstand abzuwerfen. Hier wurde viele Jahre lang nicht ein einziger Dollar investiert. Dafür wurde aber bei Kriegsende alles, aber auch alles mitgenommen. Der amerikanische Ingenieur, der zu einer "Task Force" namens "Restore Iraqi Oil" gehört und Reservist einer Pioniereinheit ist, berichtet, daß selbst Kräne und Bagger weggeschafft worden seien - schweres Gerät, für das niemand irgendeine Verwendung hätte haben können. Es sei mühsam gewesen, alles wieder zu "besorgen" - manchmal gegen Bezahlung. Auch das ist Teil der Wirklichkeit im siebten Monat nach dem Sturz Saddams, jedenfalls in Kurdistan. Aber womöglich lohnt sich die Mühe ja.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.11.2003, Nr. 44 / Seite 15
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Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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