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Irak Der starke Mann gegen den Kleriker

27.01.2005 ·  Ein Wahlkreis, viele Kandidaten und ganz viele Plakate: Mit Spannung werden die ersten freien Wahlen im Irak erwartet. Sowohl im Süden als auch im Norden wird mit einer hohen Wahlbeteiligung gerechnet.

Von Hans-Christian Rößler, Basra
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An Zuversicht mangelt es nicht. „Achtzig Prozent“, antwortet Khaley Naiem ohne Zögern auf die Frage, welchen Stimmenanteil er für die „Irakische Liste“ erwartet. Auf dem Tisch vor dem Wahlkampfmanager in Basra liegen Stapel mit frischgedruckten Plakaten. Sie zeigen vor blau-grauem Hintergrund nur ein Gesicht, auf dessen Augen ein breiter Lichtstrahl fällt - das von Ijad Allawi.

Der Ministerpräsident führt die „Irakische Liste“ an und will sein Amt auch nach den Wahlen am Sonntag behalten. Allawis Wahlkampfplaner bauen darauf, daß die Iraker zwei Jahre nach Saddam Hussein wieder einen starken Mann an der Spitze ihres Staates wollen, der ihnen endlich Sicherheit und ein Ende der Gewalt bringt.

Keine Wahlkundgebungen

So lauten zumindest seine Slogans. „Allein in Basra haben wir 20.000 Plakate verteilt und aufgehängt“, zählt der Wahlkampfmanager in dem Büro auf, an dessen Wände gleich ein halbes Dutzend verschiedene Postermotive zu sehen sind. Auf Wahlkundgebungen hätten sie aus Sicherheitsgründen verzichtet, obwohl der Süden das Landes eigentlich als ruhiger gilt als viele Gebiete weiter nördlich. Kurz bevor der Wahlkampf in der Nacht zum Freitag offiziell zu Ende ging, artete er noch in eine regelrechte Materialschlacht aus. An ihr konnten sich nur die größten der insgesamt 111 Wahlbündnisse und Listen beteiligen. Allawis Leute buchten sogar Werbezeit beim Satellitenkanal Al Arabija in Dubai.

In den Tageszeitungen leisteten sie sich seit Tagen einen Wettkampf mit der Liste des Übergangspräsidenten Ghazi al Jawar um die größten Anzeigen. Und auf den Werbetafeln an den Straßen von Basra muß man erst zweimal hinsehen, um zu merken, daß mit „Freiheit für immer“ (Liberté toujours) eine französische Zigarettenfirma für sich wirbt und keine Partei. Denn auch die politischen Plakate stehen den kommerziellen an Professionalität und Größe in kaum etwas nach.

Sistani als „Wahlhelfer“

Sehr zum Mißfallen Allawis machen seine vielleicht größten politischen Herausforderer Werbung mit einem Gesicht, das gar nicht zur Wahl steht: Ernst blickt der weißbärtige Großajatollah Ali Sistani auf die Wähler herab. Der einflußreiche Kleriker aus Nadschaf hat zwar nie öffentlich dazu aufgerufen, das schiitische Wahlbündnis „Vereinigte Irakische Koalition“ zu wählen. Die Kandidaten und Parteien, die sich auf der Liste zusammengeschlossen haben, tun aber gerne, als sei das so. Sie hoffen, vom großen Ansehen Sistanis unter den Schiiten zu profitieren.

Viele im Südirak reden deshalb einfach nur von der „Liste des Klerikers“. Ihr gehören die moderate islamistische Dawa-Partei ebenso an wie der „Oberste Rat für die Islamische Revolution im Irak“(Sciri) und einige prominente Sunniten. Sogar etwa zwanzig Anhänger des radikalen Schiitenpredigers Muqtada Sadr haben auf ihr Unterschlupf gefunden. Der junge Prediger hatte bis zum Sommer einen Aufstand gegen die ausländischen Truppen angeführt. Erst nach Sistanis Vermittlung beendete er ihn. Seitdem hält Sadr sich im Hintergrund, will aber offenbar seinen Einfluß wahren, indem er einige seiner Leute auf sicheren Listenplätzen der „Koalition“ untergebracht hat.

Nur ein Wahlkreis

Eine brennende Kerze ist das Symbol des Schiitenbündnisses. Manchmal flackert sie auch aus der Zahl 169 heraus oder neben ihr; das ist die Nummer der Koalitionsliste auf dem Wahlzettel am Sonntag. Mit solchen Bildern und Ziffern versuchen die Parteien, den knapp 15 Millionen Irakern die Orientierung zu erleichtern, die seit mehr als vier Jahrzehnten nicht mehr wählen konnten.

Andere haben sich Logos mit einer Rose, einer Brücke, zwei sich schüttelnden Händen oder dem spiralförmigen Minarett von Samarra zugelegt. Denn viele Iraker kennen die meisten der insgesamt 7411 Kandidaten gar nicht. Der ganze Irak ist nur ein Wahlkreis, Landes- oder Regionallisten gibt es nicht. Aus Angst vor Attentaten wagten nur wenige Kandidaten, öffentlich Wahlkampf zu führen. Einige Bündnisse nannten nur die Namen prominenter Politiker auf den ersten Plätzen, die ohnehin bewacht werden.

Bildergeschichte übers Wählen

Möglichst einfach wollen es die Organisatoren den Irakern machen, die unter Saddam früher nur ein Kreuz hinter seinem Namen und der Baath-Partei machen mußten. Eine halbe Million Informationsplakate wurden alleine für die Provinz Basra gedruckt. Einige erklären zum Beispiel in Bildergeschichten, Schritt für Schritt, wie das Wählen vor sich geht; im Irak wuchs in den vergangenen Jahren die Zahl der Analphabeten wieder.

Andere Plakate appellieren an die Iraker, überhaupt von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen: „Deine Stimme, Deine Stärke“, heißt es auf einem Poster. „Damit der Irak überleben kann“ steht auf einem anderen, auf dem ein Kleinkind mit großen Augen vor der irakischen Flagge abgebildet ist.

Starke Wahlbeteiligung erwartet

Im schiitischen Süden wird - wie im kurdischen Norden - eine starke Beteiligung erwartet, da hier weniger Anschläge befürchtet werden als in Bagdad und nördlich davon. Die Appelle richten sich aber auch hier vor allem an die sunnitische Minderheit. Sie tritt mit keiner eigenen Partei an. Die sunnitische „Irakische Islamische Partei“ hatte im Dezember ihre Wahlteilnahme zurückgezogen. Jetzt kündigte sie aber zumindest an, bereit zu sein, sich einer Regierung anzuschließen, wie sie es schon getan hatte.

„Wir haben kein Sunniten-Problem“, sagt der Wahlkampfmanager der Sciri in Basra, Salah Ismail al Battat, empört. Schließlich seien mehr als 4000 der gut 7000 Kandidaten Sunniten, und sie führten 52 Listen und Bündnisse an. Deshalb würden auch Sunniten wählen gehen. Mindestens 60 Prozent erwartet der Sciri-Politiker al Battat für sein Wahlbündnis. Mit anderen Festlegungen ist er dagegen wie die anderen Wahlkämpfer vorsichtig.

Verfassung „in Harmonie“

Obwohl der schiitische Kleriker Abdal Aziz al Hakim Sciri anführt, verrät er nicht, wie islamisch der Staat aussehen soll, für den das neue Parlament die Verfassung ausarbeiten soll. „In Harmonie“ solle das geschehen. Auch einen Zeitpunkt für den Abzug der ausländischen Truppen will er nicht nennen. Das sei Aufgabe der neuen Führung, sagt der Sciri-Politiker, dessen Partei viele im Südirak nach wie vor enge Beziehungen zu Iran nachsagen, wo ihre Führer lange im Exil waren. Aber auch für Allawi ist der Rückzug keine vordringliche Frage, wie er in dieser Woche bekräftigt hat - selbst wenn viele Menschen in Basra verlangen, daß das bald geschieht.

Viel Zeit bleibt den Politikern nicht, die am Sonntag den Sprung ins erste frei gewählte irakische Parlament schaffen, um ihre Wähler zu überzeugen. Schon im Oktober sollen die Iraker über die neue Verfassung abstimmen, im Dezember auf ihrer Grundlage ein neues Parlament wählen. Schihab Ahmed, Englischprofessor an der Universität Basra, kann dieser kurzen Probezeit viel abgewinnen. „Wenn die Politiker nicht tun, was sie in ihren Programmen versprechen, können sie die Wähler schon bald dafür verantwortlich machen“, sagt er voraus.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.2005, Nr. 23 / Seite 6
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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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