08.02.2007 · Die neue amerikanische Offensive im Irak konzentriert sich auf die Region um Bagdad. Dort werden achtzig Prozent der religiös motivierten Gewalttaten verübt. Jedes Haus, jede Wohnung, jede Moschee soll nach Waffen und Terroristen durchsucht werden.
Von Matthias Rüb, WashingtonHenry Kissinger, die Sphinx der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik, hat es in der vergangenen Woche im Streitkräfteausschuss gesagt, und Verteidigungsminister Robert Gates hat es an gleicher Stelle am Dienstag bekräftigt: Es gibt einen „Plan B“ für den Fall, dass die neue Strategie zur Sicherung Bagdads und des Iraks nicht aufgeht. Es wäre unverantwortlich, nicht jetzt schon über andere Möglichkeiten nachzudenken, sagte Gates, auch wenn derzeit alle Kräfte aufs Gelingen ausgerichtet seien. Wie der „Plan B“ aussieht, sagten weder Kissinger noch Gates. Der Verteidigungsminister stellte dafür den Beginn eines Truppenabzugs aus dem Irak in Aussicht, wenn „Plan A“ mit dem von Präsident Bush gewählten Titel „Der neue Weg vorwärts“ zur Befriedung des Iraks aufgehe.
Was manche kurz nach dem Zusammenbruch der Diktatur unter Saddam Hussein im April 2003 erwartet hatten, tritt nun mit fast vierjähriger Verspätung ein: der Kampf Viertel um Viertel, Straßenzug um Straßenzug, Haus um Haus um die irakische Hauptstadt. Dass die Befriedung Bagdads der Schlüssel zum Sieg beziehungsweise zum Abwenden einer Niederlage im Irak ist, gilt als unbestritten. Weniger klar ist, wie die Aussichten für einen Erfolg der von Präsident Bush angeordneten Truppenverstärkung sind.
„Operation Gemeinsam Vorwärts“ gescheitert
Die erste Operation zur Sicherung Bagdads im November 2003, geführt von der Ersten Panzerdivision, hieß „Operation Eisenhammer“ und hatte nach Angaben des Pentagons zunächst Erfolg: Die Zahl der Angriffe auf die Koalitionstruppen ging zunächst zurück, ehe sie nach wenigen Wochen wieder das alte Niveau erreichte.
Danach gab es mehrere weitere Anläufe zur Befriedung Bagdads, der vorerst letzte war die „Operation Gemeinsam Vorwärts“ von Juni bis Oktober 2006. Diese ist nach eigenem Bekunden der amerikanischen Militärführung im Irak gescheitert. Bis zu 70.000 zusätzliche Sicherheitskräfte - in der Mehrheit Iraker - hätten in schiitischen wie sunnitischen Stadtbezirken Präsenz demonstrieren, für Ruhe und Ordnung sorgen, Verbrecher festnehmen und den Milizen der Volksgruppen das Handwerk legen sollen. Aus der weitgehend friedlichen Stadt Mossul im kurdisch geprägten Norden des Iraks wurden seinerzeit 3700 amerikanische Soldaten nach Bagdad verlegt, doch die erhoffte Unterstützung durch die irakischen Sicherheitskräfte blieb aus.
Säubern, Sichern und Aufbauen
Aus diesen Fehlern soll bei der jetzt in Bagdad offenbar angelaufenen Offensive gelernt werden. Weil die irakischen Sicherheitskräfte noch nicht das erhoffte Ausbildungsniveau erreicht haben und zudem teilweise von schiitischen Milizen unterwandert sind, werden die zusätzlich nach Bagdad in Marsch gesetzten etwa 17.000 amerikanischen Soldaten - weitere 4500 sind für die sunnitisch geprägte Provinz Anbar vorgesehen - die Hauptlast tragen. Der inzwischen in Bagdad eingetroffene und zum Vier-Sterne-General beförderte Befehlshaber der Koalitionstruppen im Irak, David Petraeus, will seine in der nordirakischen Stadt Mossul erprobte Vorgehensweise auch in Bagdad anwenden.
Diese wird mit der Formel „Clear, Hold, and Build“ (etwa Säubern, Sichern und Aufbauen) zusammengefasst. Während bei früheren Versuchen zur Befriedung des Iraks und zumal der Hauptstadt wiederholt der Fehler gemacht worden sei, dass nach dem Schritt des Säuberns das Sichern und auch das Aufbauen vernachlässigt wurde, sollen jetzt die amerikanischen und irakischen Sicherheitskräfte die Gebiete auch sichern, die gesäubert wurden. Da 80 Prozent der religiös motivierten Gewalttaten nach Erkenntnissen der amerikanischen Streitkräfte in Bagdad und in einem Umkreis von etwa 50 Kilometern um die Hauptstadt verübt werden, ist der Kampf um Bagdad der Kampf ums Ganze.
Jede Wohnung und jede Moschee durchsuchen
Nach dem von Petraeus maßgeblich erarbeiteten neuen Feldhandbuch für das Heer und die Marineinfanterie zum Kampf gegen Aufständische werden etwa 20 Soldaten pro 1000 Einwohner benötigt, um eine Stadt oder ein ganzes Land zu befrieden. In einer Stadt wie Bagdad mit etwa sechs Millionen Einwohner wären danach 120.000 Mann nötig. Nach der geplanten Truppenvergrößerung werden 32.000 amerikanische Soldaten gemeinsam mit 18 Brigaden der irakischen Armee, der Nationalgarde und der Polizei zusammenarbeiten, wobei die Mannschaftsstärke der irakischen Brigaden oft nicht die für die Amerikaner üblichen 4500 Mann erreicht.
Die Taktik der „Immersion“ kleiner, mobiler Einheiten in die 88 Stadtviertel und Vorortgemeinden Bagdads birgt erhebliche Risiken für die amerikanischen Truppen, die beim Versuch, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen, verwundbar sind. Buchstäblich jedes Haus und jede Wohnung, auch jede Moschee muss nach Waffen und Hinweisen auf Aufständische und Terroristen durchsucht werden. Dazu sollen insgesamt etwa 20 sogenannte „Sicherheitsstationen“ in Bagdad errichtet werden, befestigte „Feldlager“, in denen amerikanische und irakische Sicherheitskräfte Tag und Nacht präsent sind.
„Ethnische Säuberung“ schon zu weit fortgeschritten?
Oberstes Gebot für die Truppen ist es nun, die verängstigte Bevölkerung zu schützen und damit die Grundvoraussetzung für politische Versöhnung und wirtschaftlichen Wiederaufbau zu schaffen. Den Wiederaufbau, die politische und wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen sind integrale Bestandteile des Kampfes gegen Aufständische, wie er im neuen Handbuch als „Wettbewerb des Lernens und Anpassens“ beschrieben wird. In Mossul hatte die 101. Luftlandedivison 2003 und 2004 unter der Führung von Petraeus begrenzten Erfolg mit ihrem komplexen Kampf gegen die Aufständischen.
Doch um den Wiederaufbau voranzutreiben, bedarf es auch ziviler Mitarbeiter - etwa aus dem amerikanischen Außenministerium und von Vertragsfirmen -, doch diese lassen sich wegen der Sicherheitslage immer schwieriger finden. Schon gibt es in Washington Streit zwischen Pentagon und Außenministerium, weil das State Department sich verschnupft zeigt über die Planungshoheit des Verteidigungsministeriums und wo man - anders als beim Heer - Mitarbeiter nicht per Befehl in Marsch setzen kann, sondern diesen Anreize geben muss. Fraglich ist zudem, ob der Prozess der „ethnischen Säuberung“ nicht schon zu weit fortgeschritten ist: Es könnte schon an der (gemischten) Bevölkerung fehlen, von welcher ein wirtschaftlicher Wiederbeginn ausgehen muss.
Ich wünsche den Amerikanern daß ihre Mission erfolg haben wird
Daniel Rossmann (Danielrossmann)
- 07.02.2007, 21:58 Uhr
jedes Haus, jede Wohnung, jedes Zimmerchen
Heinz Dieter Chiba (hadeze)
- 07.02.2007, 23:36 Uhr
schwierige Mission
uwe mildner (recfarm2)
- 08.02.2007, 01:53 Uhr
Etwas fehlt noch in der Aufzählung
Klaus Meyer (deutschlaender2)
- 08.02.2007, 06:53 Uhr
"Wir Deutsche haben uns 60 Jahre alles gefallen lassen"
Markus Teuber (arathorn)
- 08.02.2007, 12:49 Uhr
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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