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Irak Das Geschäft mit den Geiseln

04.12.2005 ·  Susanne Osthoff ist im Irak - leider - ein Fall unter vielen. Die Geiselnahmen laufen immer willkürlicher ab, selten geht es noch um politische Ziele, sondern meist ausschließlich um Geld. Vor allem irakische Zivilisten sind betroffen, hunderte werden jede Woche gekidnappt.

Von Birgit Svensson, Amman
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Susanne Osthoff war nicht die einzige an jenem Tag. Beinahe zur selben Zeit wurden mit der 43 Jahre alten Bayerin in Bagdad zwei Kanadier, ein Brite und ein Amerikaner entführt. Was auf den ersten Blick als ein geplanter und zusammenhängender Coup erscheinen mag, erweist sich bei genauerer Betrachtung eher als Zufall.

Zu unterschiedlich sind die Muster - auch, wenn es durchaus eine gängige Taktik von Al Qaida ist, mehrere Bomben zeitgleich zu zünden oder mehrere Menschen zeitgleich zu entführen.

Früher immer politisch motiviert

Während die Videobotschaft der Entführer der Deutschen beim ARD-Studio in Bagdad abgegeben wurde und scheinbar keinerlei konkrete Hinweise auf die Organisation der Kidnapper enthält, wurde das Bildmaterial über die Entführung der vier Männer dem arabischen Sender Al Dschazira zugespielt - was bei den meisten politisch motivierten Entführungen in der Vergangenheit der Fall war. Schon anhand dieser beiden Fälle wird deutlich, daß die Geiselnahmen im Irak immer willkürlicher ablaufen, die Muster immer undurchschaubarer werden.

Vor zwei Jahren, als die Entführungen im Irak begannen, waren die Motive eindeutig. Vorwiegend Angehörige der Staaten, die am Krieg gegen den Irak teilgenommen hatten, wurden entführt. Fast ausnahmslos hatten die Entführungen politische Hintergründe.

Mehr als 200 Geiseln

Deutsche wähnten sich weitgehend sicher, wurden sogar angehalten, sich als Deutsche zu erkennen zu geben. Das änderte sich schlagartig im Sommer des vergangenen Jahres. Plötzlich waren alle westlichen Ausländer gleichermaßen bedroht. Die Folterfotos aus dem Gefängnis Abu Ghraib prangten an vielen Wänden im ganzen Land, wurden in Massen durch Straßenhändler verkauft.

Was dieser Skandal im Bewußtsein der Iraker auslöste, kann nur erahnt werden. Sicher ist, daß seitdem mit Tabus gebrochen wurde. Im August 2004 wurden die ersten beiden Franzosen entführt. In der Zwischenzeit sind mehr als 200 Ausländer im Irak als Geiseln genommen worden, mehrere Dutzend von ihnen wurden ermordet. Genaue Zahlen gibt es nicht. Oft werden Entführungen nicht einmal bekannt. Ob die vor drei Wochen entführten beiden Marokkaner noch immer in Geiselhaft sind, ist ebenso unsicher wie das Schicksal der iranischen Pilger, die drei Tage nach Susanne Osthoff entführt wurden.

Überleben im Blick haben

Inzwischen seien Entführungen zum Geschäft geworden, berichten Betroffene. Schon für die Information über den Aufenthaltsort eines Ausländers werden bis zu 200 Dollar bezahlt - ein durchschnittliches Monatsgehalt im heutigen Irak. Professionelle Banden bereiten dann die Entführung vor, beobachten das Opfer, spähen Gewohnheiten aus, wann und wie es das Haus verläßt, wohin es geht. „Wer ständig von A nach B fährt, macht es den Entführern leicht“, sagt der Trainer eines Kurses zum Überleben einer Geiselnahme, den die amerikanische Botschaft in Bagdad anbietet.

Er rät, so oft wie möglich den Standort zu wechseln, unterschiedliche Wege zu benutzen, keine Routine im Tagesablauf aufkommen zu lassen. Auf der am Schluß des Trainings verteilten Karte über Verhaltensregeln werden die ersten 15 bis 45 Minuten der Geiselnahme als die gefährlichsten bezeichnet. „Spielen Sie nicht den Helden! Verhalten Sie sich ruhig!“ lautet die Anweisung. Nervenanspannung auf beiden Seiten kann zu tödlichen Reaktionen führen. „Your only job is to survive“ - Sie sollten einzig Ihr Überleben im Blick haben.

Der Fall Hassan

Die Banden arbeiten entweder in eigenem Auftrag oder werden von Terrororganisationen gezielt angeheuert. Auch Aufständische oder Milizen entführen Menschen, um auf ihre Ziele aufmerksam zu machen oder Geld zum Waffenkauf zu erpressen. Bisweilen wird erst nach der Geiselnahme darüber beraten, was mit dem Opfer geschehen soll, ob es weitergereicht wird - und an wen.

Wie zum Beispiel im Fall der Britin Margaret Hassan, der Leiterin der Hilfsorganisation Care International, die am 19. Oktober des vergangenen Jahres entführt worden war. Die Kidnapper hatten ihr Opfer der Terrororganisation Al Qaida angeboten. Abu Mussab al Zarqawi lehnte ab. Auf einer Internetseite ließ er verkünden, er werde kein politisches Kapital aus der Entführung Margaret Hassans schlagen. Sie habe so viel Gutes für die Bevölkerung im Irak getan. Dies stünde im Gegensatz zu den Zielen des Koran.

Ziel: Geldbeschaffung

Einen Monat später wurde ein Video über die Erschießung der Britin bekannt. Ihr Leichnam wurde bis heute nicht gefunden. Beobachter werten den Mord als einen Verzweiflungsakt der Entführer, nachdem auch Lösegeldforderungen nicht nachgekommen worden war und eine Freilassung Margaret Hassans die Identität der Entführer enthüllt hätte.

In den meisten Fällen dienen Geiselnahmen der Geldbeschaffung. Und davon sind vornehmlich irakische Zivilisten betroffen. Hunderte werden jede Woche zu diesem Zweck gekidnappt. Es gibt mittlerweile kaum eine Familie in Bagdad, die nicht irgendwie von Entführungen oder Entführungsversuchen betroffen ist. So mußten im Sommer dieses Jahres 90.000 Dollar Lösegeld gezahlt werden, um einen landesweit bekannten Nierenarzt auszulösen. Er ist einer von drei Chirurgen, der die Lizenz zur Transplantation im Irak besitzt. Nach seiner Freilassung zog die Familie nach Jordanien.

Exodus der Elite

Den beiden anderen Kollegen erging es ähnlich. Im Irak werden derzeit keine Nierentransplantationen mehr durchgeführt. Ärzte, Rechtsanwälte, Professoren, aber auch Lehrer, Restaurantbesitzer, Journalisten - kurzum: Menschen mit einem gesicherten Einkommen -, sie alle sind potentielle Opfer mafiöser Banden.

Der 16 Jahre alte Sohn eines Ingenieurs wurde auf dem Schulweg entführt, sieben Tage festgehalten, um dann nachts auf offener Straße, mit einer Augenbinde versehen, wieder freigelassen zu werden. Sein Schicksal teilten weitere fünf Jugendliche, mit denen er in einem Zimmer eingesperrt war.

Aus Angst vor Entführungen weiterer Familienmitglieder werden die Lösegeldsummen verschwiegen. Viele von denen, die es sich leisten können, verlassen das Land. Das haben im vergangenen Jahr schätzungsweise zwei Millionen Iraker getan. Vom Exodus der Elite ist schon die Rede.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 4.12.2005
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