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Irak Das Ende der Loyalität

15.12.2003 ·  Edward Luttwak, Senior Fellow am Center for Strategic and International Studies, glaubt an einen Rückgang der Gewalt nach der Festnahme Saddam Husseins.

Von Edward Luttwak
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Es würde mich sehr überraschen, wenn die Ergreifung Saddam Husseins nicht zu einem deutlichen Rückgang der Angriffe auf die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und ihrer Partner, auf Polizisten und andere kooperierende Iraker, auf gemäßigte Schiitenführer, auf Hilfsorganisationen, und schließlich auf die Raffinerieren und die Ölindustrie führen würde.

Wären die Angreifer Nationalisten, dann würde die Lage sich anders darstellen. Dann wären ihre Attacken eine ganz natürliche Sache: Es handelte sich dann um den Kampf gegen einen fremden Eindringling. Nationalisten geben auch nicht einfach deshalb schon auf, weil ihr Führer gefangen wurde. Im Gegenteil, der Kampf kann in einem solchen Fall sogar an Härte noch gewinnen.

Angreifer sind keine Nationalisten

Aber daß die Angreifer im Irak keine Nationalisten sind, wissen wir: Sie haben die Vereinten Nationen und das Rote Kreuz als Ziele gewählt, Einrichtungen also, die anzugreifen sich eine irakische Unabhängkeitsbewegung hüten würde. Zudem ist gerade die Idee des Nationalismus schwer mit den Angriffen auf Schiiten zu vereinbaren, die mehr als sechzig Prozent der Bevölkerung bilden.

Manche Europäer, unter ihnen auch französische Regierungsbeamte, und fast alle Araber haben zwar in den vergangenen Monaten behauptet, die Gewalt im Irak sei das Produkt einer klassischen Widerstandsbewegung gegen eine Fremdherrschaft, vergleichbar den sowjetischen Partisanen oder der französischen Resistance im Zweiten Weltkrieg. Aber keine dieser Bewegungen würde den Heldenstatus genießen, den sie nun einmal hat, wenn sie mehr als die Hälfte der einheimischen Bevölkerung als feindliches Ziel angesehen hätte.

Ergreifung nutzlos, wenn Angreifer ideologisch motiviert sind

Saddams Ergreifung wäre auch folgenlos, wenn es sich bei den Angreifern um ideologisch motivierte Baathisten handelte. Auch in diesem Fall nämlich würde der Verlust einer Führergestalt den Grad der Gewalt nicht notwendig verringern, könnte am Ende sogar den entgegengesetzten Effekt haben: Die kommunistische Partei der Sowjetunion etwa wurde nach Lenins Tod erst recht leninistisch. Aber die Baath-Ideologie ist Schnee von gestern. Sie war einmal ein handlungsfähiges, sehr dynamisches Gebilde. Sie versuchte, den Islam durch ein Gemisch aus panarabischem Nationalismus und Staatssozialismus abzulösen. Aber sie hat keine Anhänger mehr. Es war Saddam Hussein selbst, der den Rückweg zum Islam einschlug - er, der sich in der Vergangenheit einmal als getreuer Nachfolger des Parteigründers Michel Aflak präsentiert hatte, eines Christen, gab sich mehr und mehr als frommer Muslim. Nach Aflaks Tod ließ Saddam die Legende verbreiten, der große alte Mann sei am Ende zum Islam konvertiert. Als die Baath-Partei einmal ihre modernistische, streng säkulare Ideologie verloren hatte, blieb ein mafiöses Konglomerat, eine bürokratische Verlängerung von Saddams Macht. Nicht um der Ideologie willen haben die Iraker gekämpft.

Es bleibt nur ein denkbares Motiv für die Angreifer: Loyalität gegenüber dem Clan und der Person Saddams. Verstärkt wird es durch die offenbar ungebrochene Fähigkeit, Guerrilla-Aktionen der Getreuen zu finanzieren. Heute weiß man, daß dies alles lange vorbereitet war. Ausgewählte Offiziere des Sicherheitsapparats, die man ursprünglich wegen ihrer persönlichen und stammesmäßigen Treue zu Saddam ernannt hatte, bekamen sehr viele Dollars und dazu den Auftrag, sich für den Fall der Besatzung im Land zu verteilen. Jeder von ihnen hatte die Angriffsoperationen zu organisieren, zu denen er fähig war: Von einfachen Schießereien bis zu ferngesteuerten Bomben, von leichten Sabotage-Unternehmen an den hochempfindlichen Pipelines bis zur schwierigeren Aufgabe der Rekrutierung von Islamisten, die bereit zu Selbstmordattentaten wären. Klar scheint nun außerdem, daß Saddam nicht die tägliche operative Kontrolle inne hatte, sondern eher die strategische Planung. Er hatte nicht übermäßig viel zu kommunizieren - was es ihm leichter machte, in seinem Versteck auszuharren.

Von der Loyalität entbunden

Nun, da er in der Gewalt der amerikanischen Streitkräfte ist und der Prozeß vor einem irakischen Gericht auf ihn wartet, sind seine Anhänger von der Loyalität gegenüber seinem Clan, seinem Stamm und seiner Person entbunden. Sie könnten ihr Geld behalten - in manchen Fällen wird es sich um große Beträge handeln - und versuchen, soweit es ihnen möglich ist, ins Privatleben zurückzukehren. Wenn die Gewalt aber weitergehen sollte, dann dürfte sie künftig von den Islamisten kommen. Sie wird in diesem Fall eher sporadisch sein, denn die Netzwerke dieser Gruppen sind noch neu und nicht besonders gut organisiert. Die größere Gefahr aber dürfte jetzt von den Schiiten kommen, oder jedenfalls von den Radikalen unter ihnen. Mit einem gefangenen Saddam sind die Schiiten von der Furcht befreit, der Diktator könne eines Tages zurückkehren. Es mag sein, daß diese neue Lage sie dazu bringt, ihre Kooperation mit der Besatzungsmacht zu beenden.

Der Verfasser ist Senior Fellow am Center for Strategic and International Studies. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Strategie. Die Logik von Krieg und Frieden" (2002).

Aus dem Englischen übersetzt von Lorenz Jäger.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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