09.03.2006 · Amerikanische „Humvees“, schwer gepanzerte Jeeps-Panzer, sind ein bevorzugtes Ziel von Anschlägen der Aufständischen im Irak. Ein Protokoll des täglichen Kriegs mit den besonders gefährlichen, improvisierten Bomben in Bagdad von Marco Seliger.
Von Marco Seliger, BagdadFirst Sergeant Bobby Barnes zeigt auf zwei Haufen demoliertes Blech: geschmolzenes Magnesium und Aluminium, zerquetschter Stahl, ausgebrannte Sitze und verschmorte Funkanlagen. „Das waren zwei Humvees“, sagt er und setzt sich auf einen Sandhaufen, der hinter der Instandsetzungshalle im Feldlager Camp Striker am Flughafen von Bagdad aufgeschüttet wurde.
Eigentlich ist es Aufgabe des Mechanikers, Einsatzfahrzeuge aller Art wieder fahrtüchtig zu machen. Doch an diesen beiden High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicels (“Humvee“) kann Barnes nichts mehr ausrichten. Die Wucht eines am Straßenrand vergrabenen, mit einer Türklingel und einem Zünder ausgerüsteten 155-Millimeter-Artilleriegeschosses hat sie zerrissen.
Ein Level-I-Humvee kostet 250.000 Dollar
Diese improvisierten Bomben, von den Amerikanern IED (Improvised Explosive Device) genannt, gelten als die gefährlichste Waffe der Aufständischen. Den beiden Humvees wurden sie während einer routinemäßigen Patrouillenfahrt einer Einheit der 48. Infanteriebrigade in Bagdad zum Verhängnis. Die Soldaten in den Allzweckwagen erlitten schwere Verletzungen, kamen aber mit dem Leben davon. „Sie überlebten“, sagt Bobby Barnes, „weil sie in Level-I-Humvees unterwegs waren.“
Das sind fabrikneue oder in Depots nachgerüstete schwer gepanzerte Jeeps, deren Fensterscheiben aus kugelsicherem Glas und deren Dach-, Boden- und Seitenteile mit zusätzlichen Stahlplatten versehen sind. Ein Level-I-Humvee kostet etwa 250.000 Dollar. Das ist doppelt so teuer wie die ungepanzerte Normalversion (Level-III-Humvee).
Hohe Mobilität und Reichweite bei niedrigem Gewicht
Der Humvee, ein allradgetriebenes Mehrzweckfahrzeug mit einer Nutzlast von 1,25 Tonnen, wurde für den Transport auf sicherem Terrain hinter den Kampflinien entworfen. Er entstammt der Militärdoktrin des Kalten Krieges, die vor allem hohe Mobilität und Reichweite bei niedrigem Gewicht erforderlich machte. Auf eine Panzerung wurde deshalb weitgehend verzichtet. Allein das Heer und die Marineinfanterie der Amerikaner hatten in den achtziger und neunziger Jahren zusammen mehr als 140.000 Stück geordert.
Wenige Monate nach der Eroberung Bagdads begannen die Aufständischen im Irak jedoch damit, die Besatzungstruppen mit Anschlägen und Selbstmordattacken zu bekämpfen. Sie vergraben die Bomben am Straßenrand oder verstecken sie in alten Reifen. Mit einem Betonmantel ausgestattet, sehen sie dann aus wie Bordsteine. Die Wucht ihrer Explosion reicht aus, um kleinere Häuser zu zerstören.
„Dieser Schutz hilft, Leben zu retten“
Der Humvee, das Haupteinsatzfahrzeug der amerikanischen Truppen im Irak, erwies sich diesen Anforderungen nicht gewachsen. Er wurde zu einem leichten Ziel für Hinterhalte in dem Guerrillakampf, der in den irakischen Städten tobt. Deshalb rüsten die Amerikaner ihre Fahrzeugflotte nun fieberhaft nach. Inzwischen ist jeder dritte der mehr als 30.000 im Zweistromland eingesetzten Humvees gepanzert. „Dieser Schutz hilft, Leben zu retten“, sagt First Sergeant Barnes und deutet noch einmal - wie zum Beweis - auf die beiden Schrotthaufen vor ihm.
Oft genug jedoch nützt den amerikanischen Soldaten alle Panzerung nichts. Immer wieder gelingt es den Aufständischen, die amerikanischen Militärfahrzeuge doch zu treffen und den amerikanischen Truppen nadelstichartig Verluste zuzufügen. In einem Bericht an die Mitglieder des Geheimdienstausschusses des Senats heißt es, daß sich die Zahl der Bombenanschläge im Irak von 5607 im Jahr 2004 auf 10593 im Vorjahr nahezu verdoppelt hat. 407 von 846 im Jahr 2005 getöteten amerikanischen Soldaten starben bei Bombenexplosionen. Bomben am Straßenrand sind dabei die häufigste Anschlagsform.
Wissen und Technik aus Syrien und Iran
In diesen Zahlen spiegelt sich die Fähigkeit der Aufständischen wider, auf Schutzmaßnahmen der Besatzer schnell und wirkungsvoll zu reagieren. Denn in dem Maße, in dem in den vergangenen zweieinhalb Jahren die Panzerung der amerikanischen Fahrzeuge zunahm, wuchs auch die Raffinesse der Bombenleger. So sind sie inzwischen auf Fernzünder umgeschwenkt, seit die amerikanischen Soldaten gezielt nach Telefondrähten am Straßenrand Ausschau halten.
Die Sprengsätze werden nun mit einer drahtlosen Klingelanlage oder auch Handys gezündet. Und mittlerweile bringen die Aufständischen sogar Bomben zum Einsatz, die selbst schwere Panzerungen wie die eines Bradley-Schützenpanzers durchdringen und mächtige Stahlplatten zerfetzen können. Das zum Bau dieser Bomben notwendige Wissen und die Technik erhielten sie aus Ländern wie Syrien und Iran, vermuten amerikanische und britische Militärfachleute. Das Pentagon will jetzt die Mittel zur Abwehr improvisierter Sprengsätze im Irak verdreifachen. Sie sollen vor allem einer Spezialeinheit zukommen, die sich der Entschärfung dieser Waffen widmet.
Schußsichere Westen in den Türen
Die verheerenden Folgen der Anschläge beeinträchtigen auch die Moral der amerikanischen Truppen. Im Vorjahr wurde von Soldaten berichtet, die den Einsatz verweigerten, weil sie sich in ihren Fahrzeugen nicht mehr ausreichend sicher fühlten. Die Debatte um den mangelhaften Schutz der Streitkräfte im Irak wurde Ende 2004 schon einmal kontrovers geführt, als Nationalgardisten beklagten, sie seien auf Schrottplätze geschickt worden, um dort Altmetall zur Panzerung ihrer Fahrzeuge zu suchen. Andere Soldaten berichteten, zum Schutz vor Splittern und Kugeln hätten sie schußsichere Westen in die Türen hängen und mit Sand gefüllte Säcke auf den Boden legen müssen.
Darauf angesprochen, hatte Verteidigungsminister Rumsfeld während eines Truppenbesuches gesagt, man könne eben nur mit der Armee in den Krieg ziehen, die man gerade habe, und nicht mit der, die man sich für die Zukunft wünsche. Rumsfeld selbst vermeidet allerdings die Fahrt mit einem Humvee. Muß er während eines Irak-Besuchs über Land fahren, dann tut er das nur im sogenannten Rhino, einem schwer gepanzerten Bus, der üblicherweise Personen vom Flughafen Bagdads in die „Grüne Zone“ der Hauptstadt transportiert.
„Es ist wie beim Rummelschießen“
Mit Galgenhumor versuchen viele amerikanische Soldaten, gegen das Gefühl der Verwundbarkeit anzukämpfen. „Es ist wie beim Rummelschießen“, sagt etwa Staff Sergeant William Taylor vom 121. Infanterieregiment. „Du hast keinen Einfluß darauf.“ Denn den neuesten Bomben der Aufständischen könnten die Humvees auch nicht mit Nachrüstungen widerstehen. Die heutigen Sprengsätze, sagen Soldaten, seien so konstruiert, daß der Druck der Explosion auf die im Vergleich zum Rest des Fahrzeugs anfälligere Unterseite wirke, die Panzerung durchdringe und den Wagen förmlich zerreiße.
Dank verstärkter Patrouillentätigkeit und einer speziellen Funktechnik zur Störung elektronischer Bombenzünder gelingt es den Amerikanern immerhin, vierzig Prozent der Sprengsätze aufzuspüren, bevor sie detonieren. Sergeant Peter Satele, Maschinengewehrschütze in einem Humvee, beruhigt diese Quote trotzdem nicht sonderlich. „Womit wir es hier im Irak zu tun haben, darauf waren wir nicht eingestellt.“
Humvee-Panzer gibt es nicht.
hans meier (docspike)
- 09.03.2006, 08:30 Uhr
"Darauf waren wir nicht eingestellt"
Klaus Hennicke (klaus1208)
- 09.03.2006, 10:46 Uhr
worauf wart ihr nicht eingestellt?
christian rohloff (elvisthe)
- 09.03.2006, 12:13 Uhr
Respekt für die GIs.
Torben Koop (Torben31)
- 12.03.2006, 20:35 Uhr