27.01.2005 · Gewalt und Terror im Irak halten auch drei Tage vor der Wahl unvermindert an. Der amerikanische Präsident appellierte an alle Iraker, mit der Wahl den „Terroristen zu zeigen, daß sie den Marsch zur Freiheit nicht aufhalten können“.
Drei Tage vor der Wahl im Irak haben die amerikanischen Truppen ihre Präsenz in Bagdad weiter verstärkt. Die Soldaten sollen die irakischen Sicherheitskräfte während der Wahl am Sonntag unterstützen, sagte Brigadegeneral John Basilica.
Auch die irakische Regierung werde 2.500 zusätzliche Soldaten zur Sicherung der Wahl abstellen, erklärte das Verteidigungsministerium in Bagdad. Insgesamt sind dann 300.000 irakische und ausländische Soldaten im Einsatz.
„Historische Chance für das irakische Volk“
Der amerikanische Präsident Bush rechnet mit einem Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak frühestens in einem Jahr. Erst dann sei damit zu rechnen, daß die irakischen Streitkräfte selbst für die Sicherheit im Lande sowie an den Außengrenzen sorgen könnten, sagte Bush dem in Dubai ansässigen arabischsprachigen Nachrichtensender „Al Arabija“.
Die Frage, ob die Vereinigten Staaten im Irak dauerhafte Militärstützpunkte errichten sollten, müsse aber die künftige irakische Regierung entscheiden, sagte Bush. Die Wahlen vom Sonntag bezeichnete Bush als „historische Chance für das irakische Volk, seine Regierung zu wählen“.
„Wichtige“ Aussage der schiitischen Führer
Wie zuvor in einer Pressekonferenz im Weißen Haus zollte der Präsident in dem Interview all jenen „mutigen Irakern“ seinen Respekt, die trotz der Drohungen der Terroristen ihr Recht auf demokratische Selbstbestimmung wahrnehmen. Bush appellierte an alle Iraker, „wählen zu gehen und den Terroristen zu zeigen, daß sie den Marsch zur Freiheit nicht aufhalten können“.
Bush zeigte sich ermutigt von der Ankündigung der schiitischen Parteien, in die künftige Regierung auch die Vertreter der sunnitischen Minderheit im Land einzuschließen, selbst wenn nur wenige Angehörige der Minderheit an den Wahlen teilnehmen sollten. Dies sei eine „wichtige“ Aussage der schiitischen Führer. Einige sunnitische Parteien haben zum Boykott der Parlamentswahl am Sonntag aufgerufen. Bush warnte das Nachbarland Iran davor, die Wahlen im Irak zu beeinflussen.
Großbritannien kündigte unterdessen die Entsendung von weiteren 220 Soldaten in den Irak an. Sie sollen einen Teil der Aufgaben der 1.400 niederländischen Soldaten übernehmen, die bis Mitte März abgezogen werden, teilte das Verteidigungsministerium in London mit.
Rumsfeld ohne Illusionen
Verteidigungsminister Rumsfeld sagte unterdessen in Washington, daß die Gewalt im Irak nach den Wahlen vom Sonntag noch weiter zunehmen könne. Aufständische und Terroristen könnten die Zeit der Ungewißheit bis zur Bestätigung der Wahlergebnisse und zur Bildung einer neuen Regierung ausnutzen, um die Lage zu destabilisieren, sagte Rumsfeld in der Nacht zum Donnerstag nach einer geschlossenen Sitzung des Streitkräfte-Ausschusses des Senats.
Bis die Dinge geklärt seien, werde es März, womöglich sogar April werden, sagte Rumsfeld. Aus dem Ausschuß hieß es, Rumsfeld habe die Senatoren vor einer weiteren Zunahme der Gewalttaten im Irak nach den Wahlen gewarnt.
Video von Al-Zarqawi-Gruppe zeigt Tötung von Vertrauten Allawis
Drei Tage vor der Wahl ist im Internet ein Video aufgetaucht, das die Erschießung eines Mannes zeigen soll, der angeblich der Sekretär des irakischen Ministerpräsidenten Allawi ist. Der Mann sagt vor seiner Ermordung in die Kamera: „Ich rufe alle Iraker auf, insbesondere junge Menschen, die feindlichen Besatzer weder zu unterstützen noch mit ihnen zusammenzuarbeiten.“
Die radikalislamische Gruppe Ansar al Sunna will ihre Anschläge auch nach den Wahlen im Irak fortsetzen. Diejenigen Iraker, die am Sonntag in die Wahllokale gingen, „werden den Händen der Mudschahedin nicht entgehen, auch nach den Wahlen“, drohte die Gruppe in einer am Donnerstag auf einer islamistischen Website veröffentlichten „letzten Warnung“ an alle Wähler. Die Chefs der Wahllokale in Mossul wurden zum sofortigen Rücktritt aufgefordert, andernfalls würden sie getötet. Wer den islamischen Kämpfern im Vorfeld der Wahl entkomme, werde auch danach noch verfolgt werden.
Bereits in den vergangenen Monaten hatte Ansar el Sunna, die Verbindungen zum Terrornetz Al Qaida hat, alle Wahllokale zu Anschlagzielen erklärt.
Ken Ende der Gewalt
Die Gewalt hielt unterdessen unvermindert an. Bei Angriffen militanter Gruppen sind am Donnerstag zwölf Iraker und zwei amerikanische Soldaten ums Leben gekommen.
Bei einem Autobombenanschlag in Baquba nördlich von Bagdad starben am Donnerstag nach jüngsten Angaben fünf Menschen. Zehn weitere wurden nach Krankenhausangaben bei dem Anschlag vor dem Sitz des Gouverneursamtes verletzt. Zunächst war von einem Toten die Rede gewesen.
Nach Militärangaben fand zum Zeitpunkt des Anschlags eine Konferenz von Geistlichen, Stammesführern, Politikern und einstigen Mitgliedern der Baath-Partei im Vorfeld der Wahlen statt. Die Zarqawi-Gruppe bekannte sich auch zu dieser Blutat.
Sieben Tote durch Autobombe
In der Nähe eines Wahllokals in der nordirakischen Stadt Samarra explodierte ein mit Sprengstoff beladenes Auto. Dabei kamen sieben Menschen ums Leben.
In der Nähe von Iskandarija, knapp 50 Kilometer südlich von Bagdad griffen Aufständische einen amerikanischen Stützpunkt mit Mörsergranaten an. Ein Soldat wurde getötet, fünf weitere erlitten Verletzungen.
Bei einem Autobombenanschlag auf der Straße zum Flughafen von Bagdad wurden acht australische Soldaten verletzt. In der Gegend von Mahmudija, rund 30 Kilometer südlich von Bagdad, explodierte eine am Straßenrand gelegte Bombe, die nur knapp einen vorbeifahrenden Konvoi der amerikanischen Armee verfehlte. Drei Iraker wurden getötet, sieben verletzt, sagte der Direktor des örtlichen Krankenhauses.
In der Nähe von Tikrit starb nach Polizeiangaben ein Passant bei einem Bombenanschlag, der offenbar ebenfalls einem amerikanischen Konvoi galt.
Aus Bagdadi, rund 140 Kilometer westlich der Hauptstadt, wurde die Entführung von fünf irakischen Soldaten gemeldet. Außerdem sprengten Extremisten in dem Ort am Morgen auch ein Schulgebäude in die Luft, das am Sonntag als Wahllokal dienen sollte. Ein weiteres Wahllokal wurde mit Granaten angegriffen. In Kirkuk griffen Aufständische sieben Wahllokale an und töteten einen Polizisten.