14.07.2010 · Peter Mandelson gilt als einer der Hauptarchitekten beim Umbau der britischen Labour Party zu „New Labour“. Nun hat der dreimalige Minister seine Memoiren veröffentlicht. Darin offenbart er Intimes aus der Bruder-Fehde zwischen Tony Blair und Gordon Brown.
Von Johannes Leithäuser, LondonIhrem perfidesten Coup gaben die Küchenjungen und Sous-Chefs in Tony Blairs Küchenkabinett den unschuldigsten Namen: „Teddy Bear“. Es war eine Kreation, die, wie der damalige Küchenchef Peter Mandelson jetzt in seinen Memoiren verrät, Blairs ewigen Rivalen Gordon Brown für immer kaltstellen sollte: „Der Name Teddybär wurde gewählt, um die wahre Absicht zu verschleiern“, berichtet Mandelson.
„Wir mussten der Tatsache ins Auge sehen, dass Gordon Tony aus dem Amt drängen wollte.“ Also bastelten Mandelson und die Helfer im Amt des Premierministers Blair an einem Präventivschlag: Sie wollten die Machtbasis des Schatzkanzlers Brown dadurch zerstören, dass sie sein Finanzministerium reformierten – und teilten.
Kanalratte der Labour-Regierungsunterwelt
Viele Exponenten der New-Labour-Ära in Großbritannien haben schon ihre Erinnerungen veröffentlicht: Vom einstigen stellvertretenden Premierminister Prescott erfuhr die Öffentlichkeit bei dieser Gelegenheit, dass er an Ess-Brech-Sucht litt, Blairs Pressechef und „spin-doctor“ Alastair Campbell hingegen schilderte, wie er, nach Überwindung seiner Alkoholkrankheit, die Regierungsreklame revolutionierte.
Und Cherie Blair, die Gattin des Premierministers, teilte ausführlich mit, warum sie ihr jüngstes Kind ausgerechnet während eines Wochenendes auf Balmoral, dem Sommersitz Königin Elisabeths II., empfing. Die Anmerkungen ihres Gatten Tony, des New-Labour-Propheten höchstselbst, sollen demnächst erscheinen. Just meldete der Verlag, dass der ursprünglich geplante Titel „Die Reise“ in die weniger pathetische Wendung „eine Reise“ geändert worden sei.
Einer solchen Scheu ist Lord Mandelson bei der Wahl seines biographischen Titels nicht erlegen: „Der dritte Mann“ lautet die Überschrift. Das ist beziehungsreich genug, um den Autor – wie in manchen Zeitungen geschehen – als Kanalratte der Labour-Regierungsunterwelt zu karikieren.
Die drei Musketiere von Westminster
Tatsächlich hielt Mandelson die Schlüsselposition in der New-Labour-Riege, die sich nach dem Tod des alten Parteichefs John Smith aufmachte, zuerst die Führung der Labour Party und dann die Macht in der Downing Street zu erobern. Er behauptet heute, anfangs seien Brown, Blair und er selbst der politischen Szene in Westminster wie die „drei Musketiere“ erschienen. Doch mit der Harmonie der Haudegen war es sofort vorbei, als Smith starb und die Führungsfrage akut wurde.
Mandelson schreibt, am selben Abend hätten sich Brown und Blair getroffen und festgestellt, dass beide den Anspruch auf die Nachfolge erhoben. Blairs „größeres Talent, mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren“, habe dann den Ausschlag gegeben.
Emissär, Moderator und Vollstrecker
Mandelson, dessen Rolle als Dritter im Bunde fortan zwischen der Aufgabe eines Emissärs, Moderators oder Vollstreckers changierte, behauptet heute, Blair und Brown hätten damals, im Frühjahr 1994, keineswegs einen Pakt des Inhalts geschlossen, dass Blair zunächst als Spitzenkandidat die Macht erringen, das Amt des Premierministers dann aber nach einer Wahlperiode an Brown weitergeben solle.
Zwar habe es jenes historische Treffen in einem italienischen Restaurant im Londoner Stadtteil Islington wirklich gegeben, das später von Anhängern Browns als Ort der angeblichen Vereinbarung genannt worden war, doch sei damals zwischen den beiden lediglich die Aufgabenteilung für die Regierungszeit vereinbart worden: Blair überließ Brown das Finanzministerium und die Kontrolle über die meisten Ressortausgaben, wodurch dieser – wie später der deutsche Finanzminister Lafontaine in einer Koalitionsregierung des Bundeskanzlers Schröder – der zweitmächtigste Mann im Kabinett wurde.
Mit „Teddy Bear“ Gordon Brown kaltstellen
Doch neun Jahre später, in der Mitte der zweiten Labour-Legislaturperiode, half der dritte Mann Mandelson beim Zusammennähen der Operation „Teddy Bear“, um Blair den Konkurrenten Brown vom Halse zu schaffen. Doch die Taktik ging nicht auf. Die Kluft zwischen dem Premierminister und seinem wichtigsten Ressortminister blockierte die Regierung so offenkundig, dass auch andere sich zu Vermittlungsbemühungen berufen fühlten.
John Prescott, formal der Stellvertreter des Premierministers, rief schließlich im Herbst 2003 die beiden Rivalen zu sich zu einem Abendessen. Dort, berichtet Mandelson nun, konzedierte Blair, er werde Labour nicht mehr in die nächste, für 2005 erwartete Wahl führen, falls Brown ihn bis dahin in seinen politischen Reformen unterstütze. Beide erfüllten ihre Verpflichtungen nicht – doch Blair war in seiner Rolle geschwächt. Ein weiteres Abendessen bei Prescott ergab, Jahre später, eine Verabredung über Blairs Abschiedstermin: Juni 2007.
Ränkespiel im Blair-Brown-Dualismus
Und auch wenn der Reisebericht des früheren Premierministers bald noch weitere Stationen der New-Labour-Ära beleuchten wird, so hat doch Mandelsons Erinnerungsbuch schon erstaunliche Facetten dieser Regierungszeit ins öffentliche Licht getaucht – am grellsten naturgemäß jene, in denen die schlanke Gestalt des Autors umrissen wird. Mandelson schildert, dass Gordon Brown 2003, auf dem ersten Höhepunkt des Blair-Brown-Dualismus, versucht habe, ihn auf seine Seite zu ziehen. Blair könne ihn, Mandelson nicht mehr ins Kabinett zurückholen (Mandelson hatte zweimal wegen kleinerer, später sich als gegenstandslos erweisender Affären zurücktreten müssen), habe Brown bemerkt; aber er, Brown, könne es, wenn er erst Premierminister sei.
So kam es dann ja auch, unter ganz anderen Umständen, im Sommer 2008, als der rasch in die Klemme geratene Premierminister Brown die Hilfe seines einstigen Widersachers brauchte. „Prince of darkness“ – Prinz der Dunkelheit, lautet der am weitesten verbreitete Spitzname Peter Mandelsons. Seine Erinnerungen zeigen, dass er ihn zu Recht erhielt – und dass die Könige in diesem von ihm so virtuos beherrschten politischen Spiel doch immer andere waren.
Der Strippenzieher
Martin Beckmann (marbec24)
- 15.07.2010, 15:39 Uhr
Korinthenk....... ? ;)
Robert Hamacher (harohama)
- 15.07.2010, 16:19 Uhr