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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Interview mit Stanford-Wissenschaftler „Drohnen schüren Angst und Hass“

 ·  Amerikanische Drohnenangriffe in Pakistan terrorisieren und radikalisieren die Bevölkerung. Zu dem Ergebnis kommt die Studie „Living Under Drones“. Im Interview berichtet Studienleiter Stephan Sonnenberg über die Folgen des Drohneneinsatzes.

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© AP Eine amerikanische Drohne im Einsatz: Die „MQ-9 Reaper“ wird von den Streitkräften der Vereinigten Staaten im Kampf gegen die Taliban und Aufständische eingesetzt

In der vergangenen Woche entfachte die international beachtete Studie „Living Under Drones“ abermals die Debatte über die umstrittenen Drohnenangriffte der Amerikaner in Pakistan. Der Stanford-Dozent Stephan Sonnenberg ist einer von drei Leitern des Gemeinschaftsprojekts der Stanford und New York University. Er sagt, der Einsatz der Drohnen terrorisiere eine ganze Region.

An diesem Montag sind abermals drei Personen durch einen amerikanischen Drohnenangriff in Pakistan getötet worden. Aufständische sollen getroffen worden sein. Warum schaden solche Angriffe womöglich dennoch der Sicherheit Amerikas?

Attacken gegen einfache Mitglieder der Taliban oder von Terrornetzen wie Al Qaida schaden auf lange Sicht der Sicherheit im Westen. Denn die Bevölkerung in den halbautonomen Stammesgebieten nahe der afghanischen Grenze wird durch die Drohnenangriffe terrorisiert und radikalisiert. Alleine in Pakistan wurden durch Drohnenangriffe seit dem Juni 2004 mehrere hundert Zivilisten getötet. In unserer Studie gehen wir von bis zu 881 zivilen Opfern aus.

Welche Folgen hat der Drohneneinsatz für den Alltag der Menschen?

Der Alltag der Bevölkerung wird von Angst bestimmt. Die Menschen in den Stammesgebieten wissen nicht, wann Gefahr droht und meiden größere Versammlungen. Sie trauen sich nicht mehr, auf dem Markt einzukaufen, ihre Kinder zur Schule zu schicken oder in die Moschee zu gehen. Ein Bauer berichtete, er würde kaum noch auf seinem Feld arbeiten, weil er Angst hat, sich draußen aufzuhalten. Die Bevölkerung wird außerdem daran gehindert, ihre alltäglichen Konflikte zu lösen. In den Stammesgebieten treffen sich dafür eigentlich die Stammesältesten. Auch solche Treffen wurden in der Vergangenheit das Ziel eines Drohnenangriffs. Seitdem finden sie seltener statt. Sogar eine Beerdigung wurde mit Drohnen angegriffen. Dadurch sollte vermutlich eine Führungsfigur von einer Terrorgruppe getötet werden. Bei der Trauerfeier waren Zivilisten anwesend.

Die Studie basiert vor allem auf Interviews mit Augenzeugen, Angehörigen oder Opfern von Drohnenangriffen. Wie wurde eigentlich der Kontakt hergestellt?

In Pakistan gibt es einige Nichtregierungsorganisation, die sich für Drohnenopfer einsetzen. Sie haben uns dabei geholfen. Erst waren die Befragten uns Ausländern gegenüber äußerst misstrauisch. In den Stammesgebieten glauben die meisten Menschen, dass sich der Westen für sie nicht interessiert. Unsere Interviewpartner waren uns dann letztlich für die Dokumentation ihrer Erlebnisse dankbar.

Waren Sie selbst in den Stammesgebieten?

Wir sind nicht bis dorthin gekommen. In dem Gebiet halten sich Terroristen und Kämpfer der Taliban auf und das pakistanische Militär hätte uns nicht in die Region gelassen. Deswegen haben wir die Interviews außerhalb der Stammesgebiete geführt – etwa in Peshawar, Islamabad oder Lahore -, wo vom Drohneneinsatz betroffene Menschen zu uns kommen konnten.

Während Barack Obamas Präsidentschaft haben die Drohnenangriffe massiv zugenommen haben. Was veranlasst Obama, die Drohnen zu einzusetzen?

Angenommen, Barack Obama würde mit konventionellen Methoden in Pakistan Krieg führen wollen, dann müsste im Senat und Repräsentantenhaus darüber debattiert werden, ob der Einsatz wirklich im nationalen Interesse ist. Durch Drohnen lässt sich das umgehen. Die Obama-Administration beschreibt die Angriffe in der Öffentlichkeit wie eine Art von Polizei-Aktion. In Pakistan schüren die Angriffe aber Hass. Die Bevölkerung in den Stammesgebieten empfindet den Drohnenterror schon längst als Krieg.

Nach welchen Kriterien führt das amerikanische Militär und Geheimdienste Drohnenangriffe durch?

Man muss zwischen sogenannten „signature strikes“ und einer „gezielten Tötung“ unterscheiden. Bei einem „signature strike“ weiß der Drohnenpilot vorher nicht, welche Person sein Ziel ist – anders als bei einer „gezielten Tötung“. Er sucht dann die Gegend mit seiner Drohne nach potentiellen Aufständischen ab. Wir wissen nicht, welche Kriterien die Person zu erfüllen hat, damit der Drohnenpilot in Langley oder Nevada ermächtigt ist, seine Waffen abzufeuern. Vermutlich helfen bei beiden Arten von Drohnenangriffen lokale Spione. Deren Glaubwürdigkeit dürfte aber gering sein. Wir gehen davon aus, dass Spione auch schon mal jemanden wegen persönlichem Zwist verleumdet haben. Die Drohnenangriffe schüren insofern auch das Misstrauen der Menschen untereinander.

Gibt es ein internationales Recht, welches den Einsatz der Drohnen erlaubt?

In einem offiziell erklärten Krieg dürfen nach internationalem Recht Waffen eingesetzt werden. Das ist nicht der Fall. Sonst dürfen Waffen in einem fremden Staat zur Selbstverteidigung eingesetzt werden. Es müsste sich aber um eine kurz bevorstehende Bedrohung handeln, die sich nur durch Waffengewalt verhindern lässt. Auch das ist nicht der Fall. Die Ziele stehen wochenlang auf der Abschussliste. Wir zweifeln daran, dass die Gefahr, die von ihnen ausgeht, wirklich imminent ist.

Wie urteilt die Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten über den Drohnenkrieg?

Darüber reden die Amerikaner wenig. Ab und zu berichten die Nachrichten darüber. Die amerikanische Regierung geht sogar zynisch mit dem Thema um. Auf einer Veranstaltung vor Journalisten sagte Barack Obama einmal, dass seine Töchter große Fans der „Jonas Brothers“ seien, einer amerikanischen Boyband. Die Sänger sollten aber nicht auf dumme Ideen kommen. ‚Ich habe zwei Wörter für euch: Predator Drohnen’, sagte Obama.

Präsident Obama sagte Ende Januar 2012, es habe wenig zivile Opfer gegeben.

Die Regierung benutzt eine fragliche Definition für sogenannte „Aufständische“. Jeder Mann im Kriegsalter, der getötet wurde, wird als „Aufständischer“ bezeichnet, wenn es keinen entlastenden Beweis gibt. Was „Kriegsalter“ heißt, weiß niemand. Fest steht, es ist eine äußerst ungenaue Definition. Wir fordern deswegen mehr Transparenz und wollen wissen, nach welchen Kriterien der Krieg mit Drohnen geführt wird.

Haben Sie denn den Eindruck, dass Mitt Romney von dem Einsatz von Drohnen Abstand nehmen würde?

Die Angriffe durch Drohnen wurden von Republikanern und Demokraten bislang nicht kritisiert.

Die Fragen stellte Daniel Schrödel

„Living Under Drones“

Stephan Sonnenberg ist Dozent an der Stanford University in Kalifornien. Als einer von drei Studienleiter begleitete er die international beachtete Studie „Living Under Drones“. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt von Wissenschaftlern der rechtswissenschaftlichen Fakultäten der Stanford University und der New York University. Für die Studie wurden mehr als 130 Interviews geführt, darunter Dutzende mit Opfern und Augenzeugen von Drohnenangriffen. Ende September wurde sie veröffentlicht.

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