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Veröffentlicht: 07.01.2015, 16:17 Uhr

Interview „Die französischen Sicherheitsbehörden waren alarmiert“

Asiem el Difraoui beschäftigt sich seit Jahren mit der französischen Dschihadisten-Szene. In den vergangenen Monaten hat der Wissenschaftler eine zunehmende Radikalisierung beobachtet. Ein Gespräch über die Ursachen des islamistischen Terrors.

© Picture-Alliance Asiem El Difraoui beschäftigt sich seit Jahren mit der Propaganda der Dschihadisten

Herr Difraoiu, hat sich ein Anschlag wie dieser abgezeichnet?

Die französischen Sicherheitsbehörden sind schon länger alarmiert. Angesichts konkreter Drohungen der Terrorgruppe Islamischer Staat, und dem Aufruf vom September, überall Anschläge zu verüben, war den Behörden klar, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass sie nicht verschont bleiben.

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Wie haben die Behörden darauf reagiert?

In den vergangenen Monaten wurden ständig Zellen ausgehoben und Verdächtige festgenommen. Die Franzosen unternehmen seit fünf, sechs Monaten ganz andere Anstrengungen in der Bekämpfung des islamistischen Terrorismus. Zum ersten Mal gehört auch Prävention zu den Instrumenten. In Frankreich hat die Debatte darüber erst viel später begonnen als in Deutschland, die Behörden waren ja auch erfolgreich und haben viel Erfahrung. Die ersten dschihadistischen Anschläge im Westen überhaupt - abgesehen von dem Angriff auf das World Trade Center von 1993 - wurden in Frankreich verübt. Auch schon von Einzelkämpfern und Kleingruppen: Zum Beispiel 1995 die Anschlagserie auf Nahverkehrszüge  im Herzen von Paris  durch algerische Dschihadisten. Die Familie von Khaled Kelkal, einem der Terroristen, lebte in einem Vorort von Lyon. Damals wurde massiv in Repression und in den Sicherheitsapparat investiert. Und das ging ja auch lange Zeit gut. Inzwischen ist den Behörden aber bewusst, dass das Anti-Terror-Gesetze sowie das Repressions- und Geheimdienstinstrumentarium nicht ausreichen.

Hängt das mit dem Konflikt in Syrien zusammen?

Ja natürlich hängt das mit der massiven Auswanderung französischer Extremisten nach Syrien zusammen. Die Gefährdung durch die Rückkehrer steht hier ganz oben auf der Agenda. Es werden Pässe konfisziert, es wird versucht, Leute zurückzuholen. Aber wie filtert man die Rückkehrer, werden überhaupt alle erfasst, reisen sie über Drittländer ein? Das bereitet den Behörden in Frankreich große Sorgen, und sie unternehmen auch alles, was in ihrer Macht steht, aber sie wissen, dass sie nur beschränkte Möglichkeiten haben. Und gegen Angriffe von Einzeltätern oder Kommandoaktionen kleiner Gruppen, die ihre Ziele selbst auswählen, kann man sich kaum schützen. Es hat zuletzt auch einige Pannen gegeben - aber die Behörden stecken viel Energie in dieses Thema.

Wie sieht die französische Dschihadistenszene aus?

Es ist eine eklektische Szene - viele extremistische Biotope und Einzelpersonen im ganzen Land haben sich stark über die sozialen Netze im Internet und den Syrien-Konflikt geformt und verknüpft. Der Informationsfluss ist sehr schnell. Als Mohamed Merah 2012 sein Unwesen trieb, hatte er schnell 10.000 bis 12.000 Likes aus Facebook. Erstaunlicherweise gibt es Brennpunkte nicht nur an den erwartbaren Orten, sondern auch in der Provinz. Es gibt eine Kleinstadt namens Lunel in der Nähe von Montpellier, aus der schon fünf Personen in Syrien umgekommen sind.

Der Dschihadismusexperte Dr. Asiem el Difraoui forscht an der französischen Eliteuniversität Institut d’études politiques de Paris (“Sciences Po“) über Radikalisierung und Prävention. Der in Offenbach geborene Deutsch-Ägypter arbeitet einer Aufklärungskampagne der französischen Regierung mit.

Das Gespräch mit Difraoui führte Christoph Ehrhardt.

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