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Internet Wie Irans Regime das Internet behindert

12.12.2006 ·  Darf man googeln oder nicht? Für Iraner ändert sich die Antwort jeden Tag. Das Regime von Mahmud Ahmadineschad übt im Internet eine Zensur aus, die niemand nachvollziehen kann. Die iranischen Nutzer wehren sich.

Von Swantje Karich
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Auch Mahmud Ahmadineschad ist ein Blogger. Einer von über hunderttausend in Iran. Die Internetbegeisterung im Land ist riesig. Entsprechend ängstlich betrachtete das konservative Regime, was auf die Bildschirme der Iraner gelangt. Besonders, wenn es kritischer ist als die Kommentare des Präsidenten. Doch eine klare Linie der Zensur ist nicht zu erkennen. Was man lesen kann und was vom Regime geblockt wird, ändert sich täglich.

„Ich kann Wikipedia.com und alle deutschen Zeitungsseiten im Internet öffnen, aber nicht Youtube.com. Und auch nicht einige Seiten von Google.com.“ Dieser Test verschiedener Internetseiten durch einen Iraner, der in Teheran lebt, liegt vier Tage zurück. Vor fünf Tagen schrieb er noch, daß auch Wikipedia.com und Amazon.com gesperrt seien. Der Test der Websites wieder einen Tag später ergab dann, daß die Seiten Wikipedia.com und Amazon.com nun doch wieder in Iran gesperrt seien, und ein Hinweis erschien, daß der Zugang zu diesen Seiten verboten sei.

Youtube ist gesperrt

Doch welche Internetseiten sind nun wirklich gesperrt? In der letzten Woche hatte es Berichte darüber gegeben, daß die beliebtesten Websites der Welt, darunter auch die Filmdatenbank Imdb.com, von iranischen Behörden geblockt worden seien. Robert Tait, Korrespondent des „Guardian“, schrieb aus Teheran, daß die zuständige Behörde die Maßnahmen gegen unliebsame Seiten verschärfen wolle. Bisher hatte die Sperrung einzelner Websites in erster Linie oppositionelle Gruppen getroffen oder solche Seiten, die als „unmoralisch“ angesehen werden. Englischsprachige Seiten waren nicht darunter. Seit längerer Zeit ist bekannt, daß die Farsi-Ausgabe der Internetseite der BBC geblockt wird. Das Verbot von Youtube.com überrascht wenig. Es hängt zusammen mit dem Skandal um ein privates Sexvideo einer bekannten, iranischen Schauspielerin Zahra Amir Ebrahimi (siehe: Iran: Ein Sex-Video provoziert die Machthaber).

Die Frage, wie weit die Zensur in Iran wirklich geht und welche Auswirkungen sie hat, wird im Netz heftig diskutiert. Einer der bekanntesten iranischen Blogger, Hossein Derakhsan (sein Blog aus dem kanadischen Exil ist für Iraner gesperrt; siehe: Hossein Derakhshan: Vater der Blogger), löste die Debatte aus, als er sich in einem Leserbrief Robert Taits Bericht kritisierte. Derakhsan widersprach der Einschätzung, daß die iranische Regierung eine verschärfte Zensur im Internet verfolge. Wenn es um Iran gehe, so Derakshan, warte man eine Bestätigung solcher Meldungen gar nicht erst ab, sondern halte sie ad hoc für glaubwürdig.

Etwa 7,5 Millionen Surfer

Die Debatte zeigt, wie schwer es ist, sich ein Bild von der Lage in Iran zu machen - einem Land zwischen Freiheit und Zwang, Bildung und Doktrin, einem Land, in dem nach Israel mit etwa 7,5 Millionen Surfern die meisten Internetnutzer im Mittleren Osten zu finden sind. Die schwer nachzuvollziehende Vorgehensweise der Regierung Ahmadineschad bestätigt Bekanntes: Die Strategie dieses Staates ist das Unberechenbare. Er verweigert bewußt der Opposition einen Gegner, der einzuschätzen ist und gegen den Massen mobilisiert werden könnten. Vor einiger Zeit etwa versuchte der Präsident durchzusetzen, daß Frauen in Fußballstadien gehen dürfen und überraschte so seine politischen Gegner. Ahmadineschad spielt mit seinen politischen Gegnern im eigenen Land geschickt Katz und Maus.

Nachweise, daß sich die Lage verschärft, sind nur schwer zu erbringen, da jeden Tag auch wieder Zeichen in die andere Richtung deuten. Die Debatte zwischen Robert Tait und Hossein Derakhsan bestätigt die Hilflosigkeit auf allen Seiten. Die Iraner umschreiben diese Bewegung mit dem „Gang einer Welle“, die völlig unerwartet über Bord schwappen und ungeheure Kraft entwickeln kann. So wenig vorhersehbar die Regierung sich beim Skandal um Zahra Amir Ebrahimi verhält, so unberechenbar zeigt sie sich nun auch im Vorgehen gegen westliche Internetseiten. Die Iraner sind an dieses Wechselspiel gewöhnt, zwischen Hoffen und Ernüchterung: Ahmadineschad verspricht und nimmt wieder zurück, die Regierung droht und setzt es dann doch nicht um, dann droht sie nicht - und verhaftet und verurteilt. Die Wellenbewegung hat System und zermürbt jene, die sich eigentlich gegen das totalitäre System zur Wehr setzen würden.

Man braucht viel Geduld

Es bleibt nur eins, Fakten zu sammeln und so zu überzeugen: Auch Hossein Derakhsan berichtete in den vergangenen Monaten immer wieder, was die iranischen Medien zu spüren bekämen: „Shargh“, eine der wenigen reformorientierten Zeitungen, ist geschlossen worden; kritische Blogger und Journalisten wurden verhaftet; Satellitenschüsseln sind verboten, und seit einigen Monaten hat die Polizei verstärkt kontrolliert und sie beschlagnahmt. Wodurch eines der wichtigsten Instrumente wegfällt, sich über die Lage in der Welt zu informieren.

Auch das Internet als mögliches Ersatzmedium wird nicht nur geblockt. Die letzte empfindliche Maßnahme der Regierung war, den iranischen Internetanbietern vorzuschreiben, die Bandbreite auf 128 Kilobit pro Sekunde zu begrenzen - das ist gerade einmal doppelte Modemgeschwindigkeit. „Da jedoch Millionen von Menschen täglich an diesen Leitungen zapfen und die Dateien immer größer werden, ist das Herunterladen von Musik, Videos oder Fernsehprogrammen nur noch mit sehr viel Geduld möglich“, bestätigt uns ein Internetnutzer aus Teheran. „Aber auch wenn das Internet noch langsamer wird: Wir sind hier trotzdem alle besessen von den Möglichkeiten, die es uns bietet, unseren Geist frei zu halten, und der bleibt schwer zu kontrollieren“, sagt er.

Ein neues Programm kann nun vorerst helfen, Blockaden im Internet zu umgehen. Anders als Vorgänger-Programme wie „JAP“ versucht das Programm „Psiphon“ nicht, die Spur des Users zu verschleiern, sondern es setzt auf die Hilfe möglichst vieler Nutzer in liberalen Ländern, die das Programm auf ihrem Computer installieren. Dann loggen sich die Surfer aus den von Zensur oder Restriktionen betroffenen Gebieten an diesem Standort ein und nutzen ihn als Brücke, um sich frei im Internet bewegen zu können.

So bleibt das Internet weiter - da hilft kein Verbot von Youtube oder Amazon - der Kommunikationskanal der Jugend, sich über Ereignisse und Entwicklungen auf dem laufenden zu halten. Berechenbarer wird das Leben in Iran dadurch nicht.

Quelle: F.A.Z., 12.12.2006, Nr. 289 / Seite 46
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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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