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Internet Indonesien im Griff von „Peter Porn“

16.06.2010 ·  Vordergründig streitet das muslimische Land über einen Sexskandal. Doch dahinter verbirgt sich die Frage, wie die digitalen Medien das Althergebrachte und die junge Demokratie verändern.

Von Jochen Buchsteiner, Jakarta
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Seit bald zwei Wochen werden Videos von Handy zu Handy geschickt, die angeblich indonesische Stars beim Sex zeigen. Was aus westlicher Perspektive nach einem Ärgernis für ein paar Prominente aussieht, droht im mehrheitlich muslimischen Indonesien zur Herausforderung für die junge Demokratie zu werden. Mit allen Mitteln versuchen die Behörden, die Verbreitung der Filmaufnahmen einzudämmen, während in der Politik nach drakonischen Strafen gerufen wird - und nach einer Zensur des Internets. Liberale Indonesier sehen schon die zarte Pflanze der Meinungsfreiheit in Gefahr.

Die Affäre begann Anfang des Monats, als zwei Videos im Netz auftauchten, in denen offenbar der Sänger Nazril „Ariel“ Irham mit seiner Lebensgefährtin, dem Model Luna Maya, im Bett zu sehen war. Bald folgten, so die Wahrnehmung, Aufnahmen Ariels mit seiner ehemaligen Freundin, der Fernsehunterhalterin Cut Tari. Begleitet wurde der Bilderreigen von Gerüchten, dass der digitale Köcher noch lange nicht geleert sei. In Indonesien, wo in der Öffentlichkeit nur in Andeutungen über Sex gesprochen wird, verbreitete sich das Filmmaterial ebenso so schnell wie der digitale Tratsch. Bei „Twitter“ führte in der vergangenen Woche das indonesische Thema „Peter Porn“ - ein Wortspiel mit Ariels Band „Peter Pan“.

„Opfer und nicht Täter“

Den indonesischen Behörden dient der Skandal nicht nur als Grund, Hürden im Internet zu errichten und Schulen nach infizierten Handys zu durchkämmen. „Peter Porn“ bietet auch den ersten großen Anlass für die Anwendung des umstrittenen Antipornographiegesetzes. Bislang kam das Gesetz, das auf Betreiben religiöser Kreise vor eineinhalb Jahren verabschiedet worden war, erst einmal zum Einsatz: Vier Strip-Tänzerinnen und ihre Manager mussten für 179 Tage ins Gefängnis. Nun drohen härtere Strafen.

Am Montag lud die Polizei die drei Beteiligten vor und ermittelt nun auf Grundlage des Artikels 4 des Gesetzes, das die Produktion und Verbreitung pornographischen Materials mit bis zu zwölf Jahren Haft und einer Geldbuße von umgerechnet mehr als 500.000 Euro bestraft. Die Beteuerung der drei Berühmtheiten, dass die Videos mit Doubles gedreht worden seien, bezeichnet die Polizei als wenig glaubhaft. Auch außerhalb denken die meisten, dass der Pop-Sänger die Videos mit Einverständnis seiner Geliebten für den privaten Gebrauch hergestellt hat.

Die Begeisterung über die öffentlichen Einblicke ins Liebesleben der Jugendidole hält sich in Grenzen, liberale Kommentatoren bringen allerdings noch weniger Verständnis für die Stoßrichtung der Ermittlungen auf. Die drei Berühmtheiten seien „Opfer und nicht Täter“, hieß es in der „Jakarta Post“. Statt jene zu verfolgen, die sich offenbar der Aufnahmen bemächtigt und sie verbreitet haben, solle ein Exempel statuiert werden.

Konservative Politiker wittern ihre Chance und präsentieren sich als Sittenwächter. Von einer „Verletzung der Werte und kulturellen Normen einer religiösen Gesellschaft“ sprach Erziehungsminister Mohamed Nuh und verteidigte die Schul-Razzien ebenso wie den Ruf nach weitergehenden Internetsperren. Debatten scheinen unerwünscht. Weil sich die Videos vor allem an Schulen verbreiten, wird von liberaler Seite mehr Aufklärung gefordert. Aber die Frage, ob Sexualunterricht ins Curriculum aufgenommen werden könnte, verneinte Minister Nuh.

Auseinandersetzungen um die Grenzen des sittlich Statthaften sind in Indonesien nicht neu. Vor Jahren polarisierte der Fall der Bauchtänzerin Inul die Nation. Nachdem Kleriker ein Aufführungsverbot für die laszive Künstlerin gefordert hatten, protestierten Tausende Menschen und verteidigten das Recht auf Kunstfreiheit. Was aber den „Peter Porn“-Skandal von früheren Affären abhebt, ist seine schier unkontrollierbare Ausdehnung, die wiederum Folge der Digitalisierung ist.

Eine der am besten vernetzten Nationen der Welt

In nur wenigen Jahren hat sich Indonesien zu einer der am besten vernetzten Nationen der Welt entwickelt. Mit mehr als 140 Millionen Handys zählt das Inselreich heute mehr Nutzer als Japan oder Deutschland. Über die Mobiltelefone werden nicht zuletzt die neuen sozialen Netzwerke bedient. Nirgendwo in Asien - China und Indien eingeschlossen - wird so viel getwittert wie in Indonesien mit seinen 240 Millionen Einwohnern. Ähnliches gilt für die Nutzung des Facebook-Angebots. Der Internetdienst „Inside Facebook“ schätzte unlängst, dass Indonesien bis Ende des Jahres Großbritannien überholen und damit nach den Vereinigten Staaten zur zweitgrößten Facebook-Nation der Welt werden wird.

Die unbändige Kommunikationslust wird oft als Reaktion auf die bleiernen Suharto-Dekaden erklärt, in denen Öffentlichkeit nur eingeschränkt möglich war. „Eine Rolle spielt aber auch, dass die digitale Kommunikation ihrem Wesen nach egalitär ist, was in einer traditionell hierarchisch geprägten Gesellschaft enthemmend und motivierend wirkt“, sagt ein langjähriger Beobachter in Jakarta.

Die inzwischen auf mehr als 23 Millionen Nutzer gewachsene Facebook-Gemeinde begnügt sich schon lange nicht mehr damit, Kontakte zu pflegen oder Videos zu teilen. Auf Facebook organisieren sich soziales Engagement und politischer Protest. Als im vergangenen Jahr eine junge Indonesierin angeklagt wurde, weil sie sich im Internet detailliert über untragbare Zustände in einem Krankenhaus beschwert hatte, formierte sich eine Unterstützergruppe, die maßgeblich zu ihrem Freispruch beitrug. Doch auch in der großen Politik mischen die digitalen Bürgeriniativen mittlerweile mit.

Ein Proteststurm zwang den Präsidenten zum Eingreifen

Als im vergangenen Jahr die im Volk beliebte Antikorruptionsagentur von Polizei und Staatsanwaltschaft mit fingierten Vorwürfen ins rechtliche Abseits gestellt wurde, braute sich auf den Facebook-Seiten ein Proteststurm zusammen, der schließlich den notorisch zurückhaltenden Staatspräsidenten zum Eingreifen zwang; am Ende wurden die unhaltbaren Anklagen gegen die Kommissionsmitglieder fallengelassen. Nachdem Anhänger des amerikanischen Präsidenten eine Büste Obamas in einem Stadtpark von Jakarta errichtet hatten, setzten mehr als 50.000 Gegner mit einer Facebook-Kampagne durch, dass die Skulptur wieder abgebaut und vor jener Grundschule aufgestellt wurde, die der Geehrte in den späten sechziger Jahren besucht hatte.

Wenn Regierungen islamischer Länder gegen das Internet Stellung beziehen, begeben sie sich meist in der Pose der religiös Entrüsteten. Zuletzt protestierten Pakistan, Bangladesch und auch Indonesien gegen Facebook-Seiten, auf denen Mohammed-Karikaturen unterstützt wurden. Die wahre Sorge vieler Politiker gilt aber weniger der Reinheit des Glaubens als ihrer eigenen Autorität. Von „Paranoia gegenüber Online-Inhalten“ spricht Ramadhan Pohan, einer der modernen Parlamentarier in Jakarta. Viele Politiker und Beamte wüssten gar nicht, wie Facebook und Twitter funktionierten, was die Furcht noch steigere. Rechtsverstöße im Internet ziehen im indonesischen Recht mittlerweile höhere Strafen nach sich als Rechtsverstöße in Zeitungen, im Radio oder im Fernsehen. Viele Politiker, meint Pohan, hätten noch nicht begriffen, dass Demokratie und Meinungsfreiheit mit den digitalen Medien einen Punkt erreicht hätten, hinter den man nicht mehr zurückkomme.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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