06.04.2010 · Wieder steht China wegen Internetspionage am Pranger: Forscher haben einen neuen Bericht über ein aus China gesteuertes „Schattennetzwerk“ veröffentlicht. Die Angriffe sollen aus der Stadt Chengdu kommen.
China wird zunehmend als Ausgangsort von Internet-Spionage und Attacken von Computerhackern ausgemacht. In den vergangenen Wochen häuften sich Berichte über Angriffe chinesischer Hacker gegen ausländische Websites und global operierende Internetunternehmen. Als prominentestes Opfer berichtete im Januar Google von ausgefeilten Angriffen - es folgte der Teilrückzug des amerikanischen Unternehmens vom Suchmaschinenmarkt in China. Nun haben Fachleute aus Nordamerika neue Erkenntnisse über ein internationales Spionagenetz im Internet veröffentlicht, das ebenfalls von China aus betrieben worden sein soll.
Mit Hilfe „bösartiger“ Programme (sogenannter Malware) wurde ein Netzwerk gesponnen, durch das die Regierung in Indien, das Büro des Dalai Lamas und internationale Organisationen ausgespäht werden konnten. Die Attacken stammten aus der Stadt Chengdu in Südwestchina, wie amerikanische und kanadische Forscher berichten. Eine Verbindung zur chinesischen Regierung lasse sich aber nicht beweisen. Allerdings sei es möglich, dass die Hacker von chinesischen Agenten direkt oder indirekt beauftragt wurden.
„Äußerst sensible Dokumente“
Auffällig sei, dass es eine Verbindung zwischen den Opfern der Angriffe sowie der Art der gestohlenen Dokumente und den Interessen des chinesischen Staates gebe. Die Regierung in Peking wies diese Vorwürfe jedoch umgehend zurück. Sie verstehe nicht, warum „diese Leute“ immer die chinesische Regierung erwähnten, sagte eine Sprecherin des Außenministeriums. Es handele sich bei der Internet-Kriminalität um ein internationales Problem, gegen das China vorgehe.
Neue Eskalationsstufe im Streit zwischen dem amerikanischen Suchmaschinebetreiber und der Regierung in Peking: Google bietet chinesischen Internetnutzern unzensierte Suchergebnisse von Servern in Hongkong an. Peking reagiert empört - und blockiert den Zugang zu vielen Sites.
Die Fachleute gehören der Gruppe „Information Warfare Monitor“ an der Universität von Toronto und der Stiftung „Shadowserver“ an. Ihr am Dienstag in Toronto herausgegebener Bericht baut auf früheren Untersuchungen auf. Vor etwa einem Jahr hatten die Forscher erstmals über ein „Geisternetz“ von Computern berichtet, mit denen der Dalai Lama und die indische Regierung von China aus ausgespäht worden waren. Damals hatte die tibetische Exilregierung im nordindischen Dharamsala sie mit der Untersuchung ihrer Computer beauftragt.
Wie die Forscher nun feststellten, sind von Januar bis November 2009 etwa 1500 E-Mails des Dalai Lamas ausgekundschaftet worden. Die Mails seien größtenteils zwar nur „oberflächlichen“ Inhalts gewesen. Doch hätten sich die Eindringlinge Informationen darüber verschaffen können, mit welchen Personen das religiöse Oberhaupt der Tibeter in Kontakt getreten sei.
Die mutmaßlichen Spionagetätigkeiten beschränkten sich aber nicht allein auf die im Exil lebenden Tibeter, die von der Regierung in Peking als staatsfeindliche Separatisten angesehen werden. Auch die indische Regierung wurde offenbar ausgespäht. Dokumente, die als „geheim“, „gesperrt“ oder „vertraulich“ eingestuft worden waren, gelangten in die Hände der Hacker. Sie beinhalteten geheime Einschätzungen der Sicherheitslage in Indien oder Informationen über die Beziehungen zu anderen Ländern. Es handele sich um „äußerst sensible Dokumente“, die von einem Gegner geheimdienstlich genutzt werden könnten, heißt es in dem Bericht.
Von den Tätigkeiten des „Schattennetzwerks“ sollen außerdem ein Büro der Vereinten Nationen in Thailand und einige andere Länder betroffen gewesen sein. Die Forscher berichteten auch, dass es ihnen lediglich gelungen sei, einen Teil des gesamten Netzwerks aufzudecken.