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Integrationsdebatte Kritik an Erdogans Ruf nach türkischen Gymnasien

26.03.2010 ·  In Deutschland ist ein Streit über türkische Gymnasien entbrannt, deren Gründung der türkische Ministerpräsident Erdogan fordert. Deutsche Politiker wiesen dieses Ansinnen zurück: „Türkische Gymnasien sind eine Sackgasse.“

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Kurz bevor Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Anfang kommender Woche zu einem Staatsbesuch in die Türkei reist, ist ein Streit über die Gründung türkischer Gymnasien in Deutschland entbrannt. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte deren Gründung in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ gefordert. Die fast drei Millionen in Deutschland lebenden Türken müssten zuerst ihre eigene Sprache beherrschen, begründete er seine Forderung, die er bereits vor zwei Jahren während einer Rede in der Köln-Arena erhoben hatte: „In der Türkei haben wir deutsche Gymnasien - warum sollte es keine türkischen Gymnasien in Deutschland geben?“

Deutsche Politiker wiesen diese Forderung zurück. Eigene Schulen für Migranten würden die Integration eher behindern, sagte der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), sagte, sie sehe keine Notwendigkeit für weitere türkische Gymnasien in Deutschland, denn es gebe bereits einige. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die am kommenden Montag Erdogan in Ankara trifft, äußerte sich vorsichtig ablehnend. Ein solcher Vorschlag führe nicht weiter, sagte sie.

Hessens Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) sprach von einem „falschen Signal“. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele warf Erdogan einen nationalistischen Ton vor.

„Von der Vorstellung halte ich nichts“

Die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün aus Köln sagte: „Türkische Gymnasien sind eine Sackgasse.“ Der Deutsche Philologenverband sprach von einem völlig falschen und integrationsfeindlichen Ansatz. Die Schulexpertin der Grünen-Fraktion im niedersächsischen Landtag, Ina Korter, sagte: „Wir wollen keine Separierung.“

Die Gesellschaft für bedrohte Völker nahm Erdogans Forderung zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass die türkische Regierung für die 15 Millionen Kurden in der Türkei keine Schule zulässt, in der die Kinder in ihrer Muttersprache unterrichtet werden, und Politiker, die bei Amtshandlungen kurdisch sprechen, inhaftiert.

Erdogan hatte seinen Vorschlag aus dem Jahr 2008 in dem Zeitungsinterview bekräftigt und mit den Sprachproblemen vieler der 2,7 Millionen in Deutschland lebenden Menschen mit türkischen Wurzeln begründet. „In der Türkei haben wir deutsche Gymnasien - warum sollte es keine türkischen Gymnasien in Deutschland geben?“, fragte er. Merkel betonte: „Grundsätzlich sollten türkischstämmige Kinder und Jugendliche bei uns in deutsche Schulen gehen. Von der Vorstellung, dass alle türkischen Schüler hier auf ein türkisches Gymnasium gehen sollen, halte ich nichts“.

Hessens Integrationsminister Hahn sagte, Ziel müsse es sein, türkischstämmige Migranten rasch in die deutsche Gesellschaft einzugliedern, statt sie durch Schulunterricht in türkischer Sprache zu separieren.
Hinsichtlich Erdogans Verweis auf deutsche Gymnasien in der Türkei erklärte der FDP-Politiker: „Deutsche Schulen sind in der Türkei überwiegend für Diplomatenkinder vorgesehen.“ Diese Menschen seien aber immer nur Gäste des Landes, da sie nur eine begrenzte Zeit dort blieben. „Die hier lebenden türkischstämmigen Bürger wollen hingegen in der Regel dauerhaft in Deutschland bleiben, wollen hier arbeiten, bauen hier Häuser und Gotteshäuser.“ Deshalb sei es für alle am besten, „dass sie sich in die Gesellschaft ihrer neuen Heimat integrieren“.

Der Grünen-Politiker Ströbele griff Erdogan scharf an. „Mir gefällt der nationale Ton überhaupt nicht“, sagte der Berliner Bundestagsabgeordnete und fügte hinzu: „Ich fürchte, dass es innenpolitische Gründe sind, um für die türkische Community in Deutschland auf dem nationalen Instrument zu spielen. Das halte ich nicht für gut und richtig.“ Migranten könnten in Deutschland „überhaupt nur am Leben teilnehmen und vorankommen“, wenn sie die deutsche Sprache beherrschten.

Zweifel am Nutzen zur Sprachförderung

Die migrationspolitische Sprecherin der Linkspartei und stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Türkischen Parlamentariergruppe, Sevim Dagdelen, sagte: „Die Debatte über die Einrichtung türkischer Gymnasien in Deutschland geht an der Realität vorbei.“ In Deutschland geborene oder aufgewachsene Kinder und Jugendliche türkischer Abstammung seien ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Ihre Probleme ließen sich nicht durch türkische Gymnasien lösen. Der türkischstämmige FDP-Bundestagsabgeordnete Serkan Tören bezweifelte, dass Erdogan den Auslandstürken in Deutschland einen Dienst mit seinem Vorschlag erweist: „Vielmehr müssen wir Kinder aus Familien, in denen Türkisch gesprochen wird, viel früher an die deutsche Sprache heranführen“, sagte er.

Auch die Grünen-Abgeordnete Ekin Deligöz bezweifelt den Nutzen türkischer Gymnasien zur Sprachförderung. „Türkische Migrantenkinder, die die Gymnasialreife erlangen, haben keine Sprachprobleme“, sagte sie. Das Hauptproblem liege vielmehr bei den rund 20 Prozent, die die Schule ohne Abschluss verlassen. Die türkische Gemeinde Niedersachsen hält ebenfalls nichts von dem Vorstoß Erdogans. „Ich kann diesen Quatsch nicht mehr hören“, sagt der Vorsitzende Alptekin Kirci. „Erdogan soll sich lieber um die Probleme in der Türkei kümmern.“

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Krauss, nannte die Erdogan-Idee “inakzeptabel und anti-integrativ„. Er warf Erdogan islamische Expansionsbestrebungen vor und forderte Bundeskanzlerin Merkel auf, sich beim Besuch in Ankara entschieden türkische Einmischungen in deutsche Angelegenheiten zu verbitten.

Während Merkels Besuch in der Türkei soll auch die ins Stocken geratene Gründung einer deutsch-türkischen Universität in Istanbul thematisiert werden. Bereits im Mai 2008 hatten der damalige Außenminister Steinmeier (SPD), sein türkischer Amtskollege Babacan und Bildungsministerin Schavan (CDU) eine Gründungsvereinbarung unterzeichnet.

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