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Integrationsdebatte in der Türkei Immerhin heißt er nicht Michael Özil

19.10.2010 ·  Auch in der Türkei, die Bundespräsident Christian Wulff noch bis zum Freitag bereist, wird kontrovers über Integration diskutiert - am Beispiel eines Ausnahmefußballers geht es um vermeintlichen Vorväterlandsverrat.

Von Michael Martens, Istanbul
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Die Länge der Reise, die Bundespräsident Christian Wulff am Montag in Ankara begonnen hat, ist der Bedeutung des besuchten Landes angemessen: Eine ganze Arbeitswoche lang, bis zum Freitag, wird das deutsche Staatsoberhaupt jenes Land bereisen, dessen Haltung für Erfolg oder Scheitern der Integration muslimischer Einwanderer in Deutschland hilfreich oder nicht hilfreich sein kann, um es in der Sprache des Bundeskanzleramtes auszudrücken.

Deshalb unterscheidet sich die Reise Wulffs, der an diesem Dienstag zunächst die obligatorische Kranzniederlegung im Atatürk-Mausoleum von Ankara vornehmen wird, auch aus türkischer Sicht von einem „normalen“ Staatsbesuch. Die Ausläufer der deutschen Debatte über Integration, Einwanderung und gesellschaftlichem Aufstieg von (muslimischen) Ausländern sind nämlich im Lande Recep Tayyip Erdogans durchaus vernommen worden.

Treffen mit vielen gesellschaftlichen Schichten

Wulff wird am Dienstag nicht nur mit dem Regierungschef sowie mit dem türkischen Präsidenten Abdullah Gül, sondern in den kommenden Tagen mit Gesprächspartnern aus vielen gesellschaftlichen Schichten der Türkei über diese Angelegenheiten sprechen - unter anderem mit dem Vorsitzenden der mächtigen Religionsbehörde Diyanet sowie mit Studenten, Repräsentanten der türkischen Zivilgesellschaft und der christlichen Minderheit. Im betriebsamen, seit Jahren von einem raschen ökonomischen Aufstieg geprägten Kayseri, der Heimatprovinz seines Gastgebers Gül, wird Wulff sich im Gespräch mit deutschen und türkischen Unternehmern ein Bild davon machen können, wie die Türkei durch die Wirtschaftskrise gekommen ist.

Am letzten Tag der Reise geht es in Istanbul im Gespräch mit Bartholomaios I., dem ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel (und formalem Oberhaupt der orthodoxen Christenheit), um die Lage der Christen in der Türkei. Mit Spannung wird zudem Wulffs Rede vor dem türkischen Parlament in Ankara an diesem Dienstag erwartet - obwohl des Präsidenten Bemerkung aus seiner Wiedervereinigungsansprache, auch der Islam gehöre inzwischen zu Deutschland, hierzulande nicht ganz so viel Beachtung gefunden hat wie in der Heimat des Gastes.

„Mesut“ - einer von den eigenen Leuten

Dafür hat sich in der Türkei an dem Beispiel des Fußballers Mesut Özil eine eigene Integrationsdebatte entzündet. Dass die Türken eine besondere Zuneigung zu „ihrem“ Spieler empfinden, war schon während der Fußballweltmeisterschaft im Sommer deutlich geworden. Wer die Spiele im türkischen Fernsehen verfolgte, konnte den Eindruck gewinnen, dass Özil mit der Türkei gleichsam per Du sei: Während die Kommentatoren die Ballkontakte oder gelungenen Aktionen anderer deutscher Spieler stets durch eine Erwähnung von deren Familiennamen hervorhoben, war Özil stets nur „Mesut“ - einer von den eigenen Leuten eben, der „eigentlich“ in der falschen Mannschaft spiele.

Doch spätestens seit den wütenden Pfiffen, mit denen türkische Zuschauer bei dem unlängst in Berlin ausgetragenen Qualifikationsspiel Deutschlands gegen die Türkei jede Ballberührung des vermeintlichen Vorväterlandsverräters Özil quittierten, hat sich die Debatte von den Sportseiten in den politischen Teil der Zeitungen verlagert. Die meisten Kommentatoren schienen peinlich berührt von dem unsportlichen Verhalten der pfeifenden Türken in Berlin.

Differenzierte Töne

Es könne ja sein, dass es den Türken missfalle, wenn eines der größten fußballerischen Talente Europas sich sportlich für Deutschland und gegen die Türkei entscheide - aber das sei nun einmal das, was man Integration nenne, resümierte der islamische Religionswissenschaftler Ibrahim Kalin. Ein Kommentar in der Zeitung „Akam“ nahm Özil ebenfalls, wenn auch auf etwas zweideutige Weise, in Schutz.

Wenn der für ein Land spiele, dessen Nationalhymne er nicht einmal singen könne, treffe nicht ihn die Schuld. Die sei vielmehr „in den wirtschaftlichen Umständen in der Türkei“ zu suchen, die Özils Eltern einst dazu bewogen, ihre Heimat zu verlassen und nach Deutschland auszuwandern. „Jene, die solch ärmliche Lebensumstände schufen, die einen türkischen Jugendlichen dazu bewogen, die Uniform eines fremden Landes zu tragen, sollten dafür verantwortlich gemacht werden.“

Weniger missverständlich sprach sich das Massenblatt „Milliyet“ für Özil und gegen die Pfeifer von Berlin aus: „Wie kann dieser Spieler, der in Deutschland geboren wurde und dort aufwuchs, des Verrats bezichtigt werden, nur weil er sich dafür entschied, für die deutsche Mannschaft zu spielen?“ Ein anderer Kommentator erinnerte seine Landsleute an den Fall des für die Türkei spielenden gebürtigen Brasilianers Marco Aurelio, der den Vornahmen Mehmet angenommen hat. Die türkischen Fans, so hieß es in dem Kommentar, sollten dankbar dafür sein, dass nicht auch Özil auf Geheiß der Deutschen seinen Vornamen ändern musste - sonst hieße er heute womöglich Michael.

So folgte dem Pfeifkonzert aus dem Berliner Olympiastadion in der Türkei der gesammelte Beifall der veröffentlichten Meinung. Nur Levent Kizil, ein führendes Mitglied des türkischen Fußballverbandes, wollte sich der Harmonie nicht fügen. Als Fußballfunktionär sei er traurig und „als Türke wütend“, dass Özil dem türkischen Verband die kalte Schulter gezeigt habe, sagte Kizil in einer Radiosendung. Aber vielleicht empfiehlt es sich, die Moschee im Dorf und den Fußball auf dem Rasen zu lassen und nicht aus jeder Entscheidung eines jungen Fußballspielers für oder gegen eine Mannschaft gleich eine nationale Frage zu machen.

Wünsche an Wulff

Der Bundesvorsitzende der Grünen Cem Özdemir hat Bundespräsident Christian Wulff aufgefordert, sich in der Türkei zur Integration zu äußern. Özdemir sagte der Zeitung „Hamburger Abendblatt“, der Bundespräsident müsse deutlich machen, dass „die Integrationsdebatte in Deutschland nicht von den Rechtspopulisten Seehofer und Sarrazin dominiert“ werde, sondern ein parteiübergreifendes Interesse an einer rationalen Debatte bestehe. Der integrationspolitische Sprecher der SPD, Rüdiger Veit, sagte der Zeitung, Wulff solle „den Türken sagen, dass sie hier in Deutschland willkommen sind“. Veit äußerte, „eine Panik vor einem Zuviel an Zuwanderung ist unangebracht.“ Die Zahl der Türken, die aus Deutschland wieder in ihre Heimat zurückkehren, sei höher als die Zahl der Einwanderer. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, Ruprecht Polenz (CDU), appellierte an Wulff, er solle auf bessere Bedingungen für Christen in der Türkei drängen. Der Bundespräsident könne seinen Gastgebern vermitteln, dass sie „stolz sein können auf ihr christliches Erbe“, sagte Polenz der Zeitung „Rheinische Post“. (KNA)

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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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