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Attentate in Indonesien : Eine Familie, drei Anschläge, zehn Minuten

An einem der Tatorte in Surabaya Bild: dpa

Drei koordinierte Selbstmordattentate gegen die christliche Minderheit erschüttern Indonesien. Alle Täter entstammen einer Familie. Die Eltern haben ihre Kinder mit in die Anschläge hineingezogen.

          Die Angehörigen der christlichen Minderheit in Surabaya sind gerade auf dem Weg in den Sonntagsgottesdienst, als sie Schreckliches erleben. Binnen weniger Minuten jagen sich an drei Kirchen vermutlich islamistische Selbstmordattentäter mit Sprengsätzen in die Luft. Wie die Polizei später berichtet, handelt es sich bei den Attentätern um die Mitglieder einer einzigen Familie. Die Behörden versuchen am Sonntag, die Ereignisse zu rekonstruieren. Die Anschläge beginnen gegen 7.30 Uhr am Morgen und werden in einem Zeitraum von weniger als zehn Minuten verübt. Zuerst fahren die zwei Söhne der Familie mit einem Motorrad durch ein Tor vor die Santa-Maria-Kirche in der zweitgrößten indonesischen Stadt, die Bombe auf ihrem Schoß. Sie führen eine Explosion herbei, mit der sie sich selbst und Umstehende in den Tod reißen.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Etwa zur gleichen Zeit setzt der Vater der Familie seine Frau und zwei minderjährige Töchter mit dem Auto vor einer anderen Kirche ab. Dann fährt er das mit Sprengstoff beladene Auto durch das Tor einer dritten Kirche und jagt sich mit dem Wagen in die Luft. Die Mutter und die zwei Töchter verschaffen sich derweil Zugang zu dem Gelände des anderen Gotteshauses, wo sie ebenfalls mit Sprengstoff sich und anderen das Leben nehmen. Die Bilanz der koordinierten Anschläge: Mehr als vierzig Verletzte sowie mindestens 13 Tote. Die Eltern haben offensichtlich ihre minderjährigen Kinder mit in ihren Plan hineingezogen. Laut Polizei waren die beiden Töchter erst neun und zwölf, die Söhne 16 und 18 Jahre alt.

          Dem IS die Treue geschworen

          Nach Angaben des nationalen Polizeichefs Tito Karnavia hatte die Familie eine Zeit in Syrien verbracht, wo der „Islamische Staat“ (IS) bis vor kurzem ein großes Territorium kontrolliert hatte. Sie müssen die Anschläge sorgfältig geplant haben. An zwei weiteren Kirchen in Surabaya werden mehrere Bomben gefunden, die von der Polizei aber rechtzeitig entschärft werden. Tatsächlich bezichtigt sich der „Islamische Staat“ einige Stunden später über sein Sprachrohr, die Nachrichtenagentur Amak, die Anschläge begangen zu haben. In den sozialen Netzwerken zirkulieren Bilder von der Zerstörung, den Leichen und Verletzten. Es handelt sich um eine der schwersten Attacken in dem südostasiatischen Land seit den Terroranschlägen auf Bali im Jahr 2002.

          Über die genaue Verbindung der Familie zum IS ist bisher allerdings nichts bekannt. Wie ein Sprecher des indonesischen Geheimdienstes mitteilt, dürfte hinter ihrem Plan die indonesische Terrororganisation Jemaat Ansharud Daulah (JAD) stecken. Diese islamistische Gruppierung wird schon für mehrere Anschläge in Indonesien, unter anderem in der Hauptstadt Jakarta, verantwortlich gemacht. Als ideologischer Kopf der Organisation gilt der seit Jahren inhaftierte islamistische Prediger Aman Abdurrahman. Er soll dem „Islamischen Staat“ im Gefängnis die Treue geschworen haben. Er gehört auch zu den eifrigsten Übersetzern extremistischer Schriften des IS und soll für die Terrormiliz rekrutiert haben. Einer seiner Gefolgsleute aus dem Gefängnis gehörte auch zu den Terroristen, die im Januar 2016 in Jakartas Geschäftsviertel einen Polizeiposten und die Filiale einer Kaffeehauskette angegriffen hatten.

          Beunruhigend ist außerdem, dass sich die Anschläge nur wenige Tage nach einem anderen gewaltsamen Zwischenfall ereigneten. So waren indonesische Terroristen in der vergangenen Woche an einem Gefängnisaufstand außerhalb der Hauptstadt Jakarta beteiligt gewesen. Dabei waren fünf Polizisten und einer der Häftlinge ums Leben gekommen. Die Auseinandersetzungen hatten im Hauptquartier einer Polizei-Eliteeinheit in einem Vorort Jakartas begonnen. Dort sitzen auch Verdächtige ein, die dem IS nahestehen. Nach offiziellen Angaben soll der 36 Stunden andauernde Aufstand nach einem Streit um Verpflegung für einen dieser Gefangenen begonnen haben. Der IS behauptet, dass einige seiner Verbündeten daran beteiligt waren.

          Dass es dem IS in Indonesien gelungen sein könnte, in kurzer Zeit mehrere solcher Gewalttaten zu verüben, ist besorgniserregend. Besonders sind diesmal freilich nicht nur die Frequenz der Anschläge und die familiäre Bindung zwischen den Attentätern, sondern auch, dass sich die Anschläge ausschließlich auf christliche Einrichtungen konzentrierten. In den meisten Fällen hatten die Terroristen in Indonesien in letzter Zeit die Polizei zum Ziel ihrer Anschläge gemacht. Der indonesische Geheimdienstvertreter sagte, dass die Terroristen wohl auch diesmal die Sicherheitskräfte angreifen wollten, wegen der erhöhten Sicherheitsvorkehrungen nach dem Gefängnisaufstand aber kurzfristig umgeplant hätten. Die Behörden riefen nun noch einmal zu erhöhter Aufmerksamkeit auf, da es zu weiteren Anschlägen kommen könne. In der kommenden Woche beginnt der muslimische Fastenmonat Ramadan.

          Der Anschlag ist auch deshalb erschütternd, weil die indonesischen Behörden seit den Bali-Anschlägen zunächst eigentlich recht erfolgreich gegen den Terror vorgegangen waren. Der Aufstieg des „Islamischen Staats“ hat aber auch in Indonesien wieder zu erhöhter Alarmbereitschaft geführt. Aus dem bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Welt sollen sich mehrere hundert Islamisten den Terrormilizen in Syrien und dem Irak angeschlossen haben. Die koordinierten Selbstmordattentate scheinen nun die Befürchtungen zu bestätigen, wonach sich die Rückkehrer aus dem Kampfgebiet in Indonesien vermehrt an Anschlägen beteiligen könnten. Es ist außerdem das erste Mal, dass Frauen und sogar Kinder auf diese Weise an einem Selbstmordanschlag in Indonesien beteiligt waren.

          Dass nun zivile und insbesondere christliche Einrichtungen ins Visier genommen wurden, spiegelt die prekäre Lage wieder, in der sich die Angehörigen religiöser Minderheiten heute in Indonesien befinden. Eine Delegation südostasiatischer Parlamentarier warnte vor kurzem vor den aufziehenden „dunklen Mächten“ der Intoleranz in dem Land. Zuletzt haben nicht nur Übergriffe auf Christen und muslimische Sekten, sondern auch auf Schwule und Lesben zugenommen.

          „Außerhalb des Rahmens der Menschlichkeit“

          Islamisten haben immer wieder gegen den Neubau von Kirchen demonstriert, Brandanschläge gegen christliche Gotteshäuser begangen oder vereinzelt auch schon Anschläge verübt, wie etwa auf der Insel Sumatra im Jahr 2016 und in Yogyakarta im Februar 2018. Doch eine solche Serie von Terrorattacken auf Kirchen wie die an diesem Sonntag gab es seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Damals waren am Heiligabend in neun verschiedenen Städten Anschläge auf christliche Gotteshäuser begangen worden. Es waren insgesamt 18 Menschen ums Leben gekommen. Im vergangenen Jahr hatten islamistische Massenproteste zudem den damaligen christlichen Gouverneur von Jakarta gestürzt. Basuki Tjahaja Purnama wurde sogar wegen vermeintlicher „Blasphemie“ zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Er sitzt nun ausgerechnet in dem Gefängnis, in dem die IS-Verbündeten in der vergangenen Woche den Aufstand geprobt hatten.

          Die größten muslimischen Organisationen in Indonesien, Nahdlatul Ulama (NU) and Muhammadiyah, verurteilten die Tat schon wenige Stunden nach den Anschlägen. Ein NU-Vertreter rief die Bevölkerung auf, sich nicht radikalisieren zu lassen. Er bezeichnete die Gewalt als nicht vereinbar mit der Religion. Angehörige der christlichen Kirchen in Indonesien appellierten zudem an die Gläubigen, sich von den Terroristen nicht einschüchtern zu lassen. Sie sollten der Regierung vertrauen, dass sie die richtigen Maßnahmen ergreifen werde. In Surabaya wurden am Sonntag jedoch erst einmal alle weiteren Gottesdienste abgesagt.

          Indonesiens Präsident Joko Widodo besucht eine Explosionsstelle.

          Der indonesische Präsident Joko Widodo besuchte noch am Sonntag den Anschlagsort im Osten Javas. Der Präsident verurteilte die Anschläge als „barbarisch“ und als „außerhalb des Rahmens der Menschlichkeit“. Die Regierung muss befürchten, dass die Terrorbedrohung weiter zunehmen wird. In den kommenden Monaten wird Indonesien verschiedene Großveranstaltungen abhalten. Nächstes Jahr wird zudem ein neues Parlament gewählt. Es wird damit gerechnet, dass Islamisten versuchen werden, den Druck auf die Regierung mit Blick auf die Wahlen zu erhöhen. Dazu könnten Straßenproteste aber auch Kampagnen in den sozialen Netzwerken gehören. In Indonesien wird die Religion in der innenpolitischen Auseinandersetzung häufig instrumentalisiert.

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